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Testbericht

Stefan Grundhoff, 20. August 2020
Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts war der Mercedes Jellinek Reisewagen an der Coté d\\\'Azur die wohl edelste Art sich zwischen Nizza und Monte Carlo zu bewegen. Um kurz einmal aus dem Mercedes Museum herauszukommen, braucht es zwei Kräne, eine filigrane Projektplanung und findige Experten.

Die Mercedes Simplex 60 PS Touring Limousine - vielen bekannt als Jellinek Reisewagen - war der luxuriöse Ursprung der Schwaben und ist als Einzelstück eines der wertvollsten Stücke im Stuttgarter Mercedes Museum. Nachdem er seit mehr als einem Jahrzehnt in der Ausstellung wohnt, ging es für den großen Bruder des Simplex Rennwagen nun auf große Tour ins Classic Center nach Fellbach. Doch einfach nur den Motor des roten Luxusmodells von 1907 starten und dann nach Fellbach knattern, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Besonders kompliziert ist es, den Reisewagen aus der Ausstellung zu bekommen, denn er bewohnt diese in der siebten Etage. Doc zur Weltpremiere der neuen Mercedes S-Klasse soll er ausrücken; bereits zum zweiten Mal seitdem er im Museum wohnt.

Der Mercedes Jellinek Reisewagen war vor mehr als 110 Jahren das Maß der automobilen Dinge. Mit viel Platz für die ganze Familie und reichlich Gepäck wird der Klassiker aus dem Jahre 1907 von einem neun Liter großen Vierzylinder angetrieben, der mit seinen 60 PS eine Reisegeschwindigkeit von stattlichen 80 km/h ermöglichte. Nicht ganz so schnell wie der Renn-Simplex, der sogar 120 km/h schaffte, aber dafür bot der Reisewagen opulente Platzverhältnisse und einen einzigartigen Komfort für Autohändler Emil Jellinek und seine Lieben. In der ersten Reihe des Dreitürers (eine Tür vorne und links und zwei Türen im Fond) saß der Fahrzeugführer auf einem bequemen Ledersofa, während im üppig dimensionierten Fond die Einzelperson des Emil Jellinek ebenso viel Platz hatte wie die ganze Familie.

Der Umzug ins nicht einmal acht Kilometer entfernte Classic Center nach Fellbach wurde diesmal deutlich kurzfristiger als üblich erst im Juli geplant. \"Normalerweise haben wir bei einer solchen Ausbringung mehr Zeitdruck\", erklärt Benedikt Weiler, Kurator im Mercedes Museum, \"doch hier hilft uns die Corona-Situation, weil wir das Museum aktuell nur Freitag, Samstag und Sonntag geöffnet haben.\" Normalerweise ist es nur Montag geschlossen und die Firmen stehen bei den Ausbringungen am Sonntagabend bereit, wenn die letzten Besucher das Museum nahe des VfB-Stadions verlassen. Bis Dienstagmorgen um kurz vor acht Uhr muss dann alles fertig sein.

Wenn ein Koloss wie die Jellinek Reiselimousine mit ihren mehr als 2,1 Tonnen Gewicht umzieht, sorgt die spektakuläre Architektur des Museums dafür, dass eine Spezialfirma anrücken muss. Die Spezialfirma Scholpp ist auf solche Transporte spezialisiert. \"Wir transportieren schweres Gerät von 500 Kilogramm bis 500 Tonnen\", erläutert Projektleiter Christian Krämer, \"wir waren beim Bau des Museums ebenso dabei wie bei der letzten Ausbringung des Reisewagens 2013. So ein Projekt ist für uns schon etwas Besonderes - aber eben auch schwierig.\"

Das Problem sind die gewundene Architektur und der Standort des Reisewagens in der siebten Etage. Einfach in den Aufzug und ins Erdgeschoss fahren, ist nicht möglich. Für schwere Lasten muss eigens ein tonnenschwerer Krankorb unter das Dach des Museums gehängt werden, der sonst im Keller eingelagert ist. Doch ehe dieser mit seiner Traglast von insgesamt 40 Tonnen nach oben gehoben werden kann, muss der Ursprung aller Mercedes S-Klassen erst einmal von seinem Ausstellungsplatz, wo er auf vier stabilen Stützen ruht. Dafür ist die Spezialfirma Scholpp mit einem acht Tonnen schweren Tentakelkran und einem großen Gabelstapler angerückt. \"Wir haben in den Unterlagen zwei verschiedene Gewichte für den Reisewagen und bei so einem Manöver kommt es auf jede 50 bis 100 Kilogramm an\", erläutert Christian Krämer, \"da wir nichts riskieren wollen, hebt der Kran den Wagen mit einer eigens gebauten Spezialkonstruktion hinten an, während es vorne mit dem Gabelstapler einfacher geht.\"

Zumindest hat sich der mächtige Elektrokran mit seinen Auslegern schon einmal farblich angepasst. Das Modell Unic Typ B-780-2 ist in einem ähnlichen roten Farbton lackiert wie die mehr als 100 Jahre ältere Jellinek Reiselimousine. Nachdem die Schienenkonstruktion für die Hinterräder von vielen fleißigen Händen zusammengebaut ist, werden die vorderen Kotflügel abgebaut und an der Achse Spannseite für den gelben Yale-Gabelstapler montiert. Das alles unter den wachsamen Augen des Kurators Benedikt Weiler, der an einem seiner wertvollsten Stücke keinerlei Beschädigungen haben will. Doch auch wenn einige Handgriffe wiederholt werden müssen und immer wieder nachjustiert wird - augenscheinlich werkeln hier Experten, die einem millionenschweren Klassiker nicht zum ersten Mal aus seinem Bett heben.

Als alle Seile und Ketten montiert sind, geht es an die Vorspannung. Alle Hebeseile werden auf Zug gebracht und der Jellinek Reisewagen schließlich von seinen vier Halterungen gelöst. Zentimeterweise wird der rote Koloss angehoben und als er sich leicht schräg einpendelt muss noch zweimal nachjustiert werden. Nach zehn Minuten hängt der erste Vorläufer der Mercedes S-Klasse schließlich in der Luft - alle atmen durch. Danach wird Christian Krämer zum Dirigenten und instruiert die Piloten und Kran und Gabelstapler, das Ungetüm ein paar Meter weiter auf den Boden zu stellen, von wo aus er in die Lastkran rollen kann. Der komplette Boden auf der Museumetage wurde ausgelegt, damit es auch hier keine Beschädigungen durch die Maschinen, Techniker und Gerätschaften gibt. Irgendwie sieht es aus, wie beim heimischen Umzug - nur größer.

Nachdem alle einmal durchgeatmet haben, rollt die Touring Limousine schließlich in den Lastkran und fährt in lautloser Schleichfahrt hinab ins Untergeschoss. Der Weg auf den Transporter und dann weiter ins Classic Center Fellbach ist danach ein Kinderspiel. \"Mitte Oktober soll der Jellinek wieder zurück ins Museum kommen. Dann gibt es das Ganze noch einmal andersherum\", lacht ein verschwitzter Christian Krämer. Bis dahin bleibt der Platz in der Ausstellung leer. \"Für so ein Fahrzeug haben auch wir keinen Ersatz\", lächelt Benedikt Weiler.
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Quelle: Autoplenum, 2020-08-20

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