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automobilmagazin, 2013-06-27

Audi R8 e-tron Fahrbericht: Supersportwagen auf elektrisch

5.0 von 5

Testbericht

automobil-magazin.de

Gründe ihn nicht zu bauen? Zwei Elektromotoren, 380 PS Leistung, 820 Nm Drehmoment: Der R8 e-tron ist ein Supersportwagen auf elektrisch – Fahrbericht Audi R8 e-tron.

Berlin/Tempelhof: Der angelegte Rundkurs misst 1,1 Kilometer. Das alte Flughafengebäude 1,2 Kilometer. Damit ist es nicht nur eines der längsten durchgehenden Gebäude in Europa, sondern eines mit Geschichte. Eine ganz andere erzählt der Audi R8 e-tron, mit der neuen Gattung Elektro-Supersportwagen, auf dem Vorfeld während der Testfahrt.

Traktion aus Tradition. Wenn sie eines in Ingolstadt verinnerlicht haben, dann ist es Traktion. Aber Quattro ist hier nicht. im Gegensatz zum im Jahr 2009 auf der IAA präsentierten Concept Car setzt der R8 e-tron auf klassischen Heckantrieb mit zwei (und nicht vier) Elektromotoren. Das schafft Spielraum für „Torque Vectoring“, da die zwei stärkeren E-Motoren weniger flott am Limit sind als die schwächeren vier.

Torque Vectoring: nicht nur etwas für die Rennstrecke. Jedoch in der Kurve spürt man noch deutlicher, wie das kurvenäußere Rad mehr Drehmoment zugespielt bekommt und es von der wohl dosierbaren Bremsanlage stärker abgebremst wird. Das stabilisiert das Fahrzeug wie die tiefe Einbaulage der Batterie und die Gewichtsverteilung von 58:42. Äußerst willig einlenkend, kascht sich der R8 so die Scheitelpunkte. Ohne ESP würde der Bayer wollüstig am Heck auskeilen, aber die Elektronik holt den Popo hart regelnd sicher zurück. Und auf die Ohren gibt’s auch noch. Der Elektrische produziert mit einem Lautsprechersystem am Fahrzeugboden einen synthetischen, für die Ohren sonoren Sound.

Heavy metal: 577 kg schwer, 2,35 Meter lang, 1,35 Meter breit und 0,71 Meter hoch. Wird dieser Akku wegen seiner Maße und Masse in dreißig Jahren als „prähistorisch“ eingestuft? Gewiss, aber die fitten 530 Zellen von Sanyo-Panasonic produzieren eindrucksvolle 48 kWh. Im flotten Fahrbetrieb (Reichweitenangabe sonst: 215 km) bedeutet das, dass der Stromspeicher nach einer halben Stunde mit 200 km/h leer ist. An 40 Punkten mit der Struktur verschraubt, fungiert der ausladende, in „T“-Form geformte Akkupack als mittragendes Element, das die Steifigkeit des neuen „Multimaterial Space Frames“ (23 % Karbon, 75 % Alu) verdoppelt. Mit Wechselstrom ist der Akku in 12 Stunden geladen, mit Gleichstrom schon in einer Stunde. Dafür dass die die vielen Einzelzellen nicht auseinander driften und es den Zellen nicht zu heiß wird (Idealtemperatur: 25 Grad) sorgen mehr als hundert Meter Kühlkanäle und ein aufwendiges Zellmanagement.

Um 60 Grad dürften es nach den 20,59 Kilometern auf der Nürburgring Nordschleife gewesen sein. Noch erstaunlicher als der elektrische Rundenrekord von 8:09,099 Minuten, den Markus Winkelhock im Juni 2012 mit einem bis 12.500 U/min drehenden und nicht auf 200 begrenzten, sondern 250 km/h laufenden R8 e-tron einfuhr, ist allerdings der zweite Rekord. Nicht nur deshalb, weil der „Tank“ hier zwei Runden reichte, sondern eben auch warum er reichte: In der Regel stehen an den dann rot glühenden Bremsscheiben Temperaturen von 600 bis 800 Grad an. Im R8 e-tron waren es nur knapp über 50 Grad Celsius.

Wer bremst, gewinnt: Energie zurück. Mit der Bremsrekuperation, die im e-tron mit bis zu 0,39 g extrem effektiv arbeitet, wird das mechanische Bremssystem im Normalbetrieb viel seltener gebraucht, denn der Audi verzögert dann hauptsächlich über die Hinterachse und die Schubrekuperation (sofort aktiv, wenn vom Gas gegangen wird) holt darüber hinaus Energie zurück. Die Wippen hinter dem feinen Lederlenkrad bestimmen den Grad der Wiedereinspeisung. In Stufe eins entspricht die Verzögerung in etwa der, wenn im normalen Auto vom Gas gegangen wird. In Stufe zwei und drei greift dagegen mit bis zu 0,13 g deutlich mehr Schleppmoment. Noch raffinierter wird es, wenn beim Bremsen aus 50 km/h ab 15 km/h gar keine Bremsrekuperation mehr möglich ist. Dann blendet die aufmerksame Elektronik einfach sanft von der abklingenden Rekuperation hinüber zum mechanischen Abbremsen. Dieser Prozess ist nicht nur sprichwörtlich ein schleichender. Man spürt davon nichts.

Der R8 e-tron ist ein neuer R8 von Grund auf. Unter 6.000 verbauten Teilen finden sich lediglich neun Gleichteile – u.a. Türen, Schweller, Dachteil. Weder der Ölkühler, das Getriebe noch die Abgasanlage benötigen Ansaugluft. Deshalb sind die seitlichen vorderen Lufteinlässe und die Sideblades verschlossen. Der Unterboden verläuft durch den Entfall des Ottomotors glatt. Die Abrisskante liegt etwas höher als beim R8 mit Benzin im Tank und der Spoiler entfällt. Die für einen Supersportwagen ungewöhnliche Limitierung der Leichtlaufreifen von Continental auf 210 km/h sorgt für weniger Rollwiderstand, weniger Gewicht (minus 2 kg pro Reifen) und final für weniger „Verbrauch“. Zudem sinkt der cw-Wert mit den „aktiven“ 19-Zoll-Aero-Rädern, bei denen sich ab 50 km/h durch die Fliehkraft die verstellbaren Blenden schließen, um 0,02 auf 0,27.

1.780 Kilogramm demonstrieren Leichtbau. Nicht nur die Karosserie wiegt lediglich 199 kg, auch rund ums und im Fahrzeug setzt sich das teure Ingolstädter Slim Fast-Programm fort: Die Radnaben an der Hinterachse sind aus Titan geschmiedet und sparen 0,6 Kilo. 2,5 Kilogramm werden an den Vorderachsstabis mit Alu und Karbon eingespart, rund 35 Kilo mit den CFK-Sportschalensitzen und 11 Kilo mit der Karbonrückwand. Im Innenraum zeugen das „Powermeter“ (statt des Drehzahlmessers) und der von einer Kamera digital den Rückraum aufgespielt bekommende Monitor-Innenspiegel von der Zukunft.

Eine Zukunft, die keine Zukunft hat. Vom R8 e-tron in der aktuellen Version wurden nur 10 Exemplare gebaut. Und dabei bleibt es. Mangels Wirtschaftlichkeit und weil sich Audi den als „Leuchtturmprojekt“ erdachten Elektro-R8 nicht vom A3-Käufer quer subventionieren lassen möchte. Gute Gründe ihn nicht zu bauen? Wer den famos gemachten R8 e-tron in 4,2 Sekunden auf 100 km/h beschleunigen konnte, das Handling goutierte und dabei bemerkte, dass der elektrisierende Antritt des Power-Audi pure Fahrfreude bedeutet, hat definitiv eine andere Meinung.

(Lothar Erfert)

Testwertung
Quelle: automobilmagazin, 2013-06-27