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Autoplenum, 2010-09-19

22. Colorado Grand - Berg- und Talfahrt

Testbericht

Stefan Grundhoff

In einem sündhaft teuren Oldtimer mit Tempo 200 durch die endlosen Weiten von Colorado und der Motorrad-Cop winkt einen freundlich vorbei – so etwas gibt es nur bei der Colorado Grand. Der Oldtimer-Event in den Rocky Mountains ist einer wie keiner.

Der Bundesstaat Colorado gilt als eine der schönsten Gegenden der USA. Von den Rocky Mountains dominiert ist er zu jeder Jahreszeit ein Erlebnis für jeden Naturfreund. Endlose Bergketten, atemberaubende Schluchten und unendliche Weiten machen Colorado zu einem der regionalen Höhepunkte der USA. Jedes Jahr im September treffen sich wohl betuchte Oldtimerfans, um die Rocky Mountains in automobilen Preziosen auf eine ganz eigene Art zu erkunden. Das Beste daran: inoffiziell gibt es kein Tempolimit.

Der Sechszylinder des offenen Mercedes 300 SL Roadster röhrt, als wäre der Teufel hinter ihm her. An Twin Lakes und dem Mount Elbert vorbei geht es die Colorado 82 entlang Richtung Independence Pass mit einer Höhe von mehr als 4.000 Metern. Warnschilder ermahnen, dass Fahrzeuge mit einer Länge von mehr als 35 Fuß hier längst nichts mehr zu suchen haben. Der braune Rallye-Roadster von Mercedes hat mit Längenvorgaben dieser Art wenig zu schaffen und brüllt sich mit eingeschalteten Zusatzscheinwerfern an einem weißen Porsche 356 und einem roten Ferrari 250 Testa Rossa vorbei. Im Schlepptau folgt ein State Trooper, der in den engen Kehren sichtlich Mühe hat, dran zu bleiben.

Trooper Paul Kramer und sieben seiner Kollegen machen die Oldtimer Rallye zu dem was, sie ist –einzigartig. Kramer dreht die Gänge seiner Polizei-Kawasaki aus, doch auch die 160 PS haben mit den mehr als 300 Pfund des Powerbikes in dieser Höhe so ihre liebe Mühe. Noch zwei Kurven, dann ist das kleine Plateau auf dem Independence Pass erreicht. Kramer zieht auf gleiche Höhe und reckt den Daumen hoch: „You’ve Fun?“ Was ist das nur für eine Tour? Diese Oldtimer Rallye ist wohl das schärfste, was man in den USA so fahren kann. Colorado Grand bedeuten mehr als eintausend Meilen – umgerechnet mehr als 1.600 Kilometer - durch Colorado. Beeindruckende Bergpässe, tiefe Valleys und wüste Steppen, auf denen sich niemand ernsthaft für die maximal erlaubten 65 Meilen pro Stunde interessiert. Erwischen lassen sollte man sich trotzdem nicht. „Eine Lizenz zum Rasen gibt es hier bei uns nicht“, unterstreicht der wohl gebräunte State Trooper Piney Harris, der in den letzten Jahren immer bei der Colorado Grand dabei war.

Genau deshalb kommen Jahr für Jahr knapp hundert Oldtimerfans in die Rocky Mountains und freuen sich auf die vier Tage dauernde Rallye wie die Schneekönige. Herb Wetanson ist zusammen mit seiner Frau eigens aus New York nach Vail gekommen, um seinem exklusiven Fraser Nash Le Mans in den Rockys erstmals die Sporen zu geben: „Entschuldigen sie die dumme Frage, aber gibt es hier nun ein Tempolimit?“ Die Trooper schmunzeln. Paul Kramer, seit 1993 State Trooper in Colorado: „Wir stellen niemanden von den Tempolimits frei. Doch es wird auf der ganzen Tour genug Möglichkeiten geben, die Haare einmal fliegen zu lassen.“ Das hat auch Herb verstanden und zeigt am nächsten Tag in seinem hellgrünen Frazer Nash, wieso der Rennwagen 1951 die Targa Florio gewonnen hat. Das Teilnehmerfeld ist exklusiv. Fahrzeuge aus den Jahren 1925 bis 1964 wie Ferrari 166 MM, Aston Martin DB4 GT, Osca 372 oder Alfa Romeo 1900 SS Zagato sieht man auch bei einem Oldtimerevent wie diesem nicht alle Tage.

Die Colorado Grand ist kein Oldtimer Rennen wie die Mille Miglia oder die Ennstal Classic, aber deutlich exklusiver. Für Wertungsprüfungen und Ankunftszeiten interessiert sich hier niemand. Die Teilnehmer, deren Oldtimer in den meisten Fällen viele hunderttausend Dollar oder mehr kosten, wollen Spaß haben und die grandiosen Landschaften von Colorado genießen. Zwischendurch einmal ein Eis oder eine kühlenden Limonade – schließlich brennt die Sonne über 3.000 Metern allzu erbarmungslos vom Himmel. „Wir sind jedes Jahr ausgebucht und es gibt eine lange Warteliste von Leuten, die unbedingt dabei sein wollen“, so Tom Moran, einer der Organisatoren der Colorado Grand, „wir sind wie eine Familie.“ Günstig ist das Oldtimervergnügen nicht. Die Startgebühr von 6.700 Dollar ist für die meisten Teilnehmer kaum mehr als ein Griff in prall gefüllte Portokasse.

David und Marianne Durthu aus Houston / Texas lieben Events wie diesen. „Wir sind diesmal mit unserem Bugatti Type 35A Grand Prix dabei“, strahlt David und wischt sich nach einer kurzen Inspektion seines Renners den Schmutz aus dem Gesicht, „wir wollten erst mit unserem Mercedes 300 SL kommen, aber der Bugatti ist hier einfach grandios.“ Der Großteil der stattlichen Teilnahmegebühr wird gespendet. In den 21 Jahren seit ihrer Premiere hat die Rallye mehr als drei Millionen Dollar an caritative Einrichtungen in Colorado gespendet. Hinterbliebenenverbände, Schulen, Kindergärten oder Krankenhäuser freuen sich daher jedes Jahr aufs Neue, wenn die Colorado Grand in dem Ort Station macht.

Auch Doug Allen hat sein Herz bereits vor Jahrzehnten an Oldtimer verloren. Von der Ostküste kommend zog es den Pensionär über Texas schließlich nach Aspen. „Ich habe wohl eine der kürzesten Anreisen aller Teilnehmer“, lacht der begeisterte Rennfahrer, „die Stimmung hier bei der Grand ist unvergleichlich. Ein absolutes Muss.“ Freie Fahrt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gibt es sonst allenfalls im verschlafenen Montana. Ansonsten sind die Strafen für Raserei saftig. „Wer mehr als 25 Meilen zu schnell fährt, landet in Colorado im Gefängnis“, ermahnt State Trooper Paul Kramer, „wir sind hier, damit wir alle gemeinsam Spaß haben und nicht, um sie aus dem Gefängnis herauszuholen.“ Auf der Colorado 141 geht es südlich von Great Junction gerade wieder richtig zur Sache. Der braune SL Roadster zeigt mit Tempo 230, was in ihm steckt und selbst die rennerprobten Jaguar C-Type, Allard K2 und Maserati 200 SI von 1957 haben auf dem rund 30 Meilen langen Geradeausstück unweit von alten Goldgräberorten und Mienenanlagen nichts entgegenzusetzen. Links und rechts von der verlassenen Straße recken sich glutrote Steinwände in den sattblauen Himmel. Die Sonne brennt und spätestens jetzt ist für die meisten Teilnehmer der fahrbare Untersatz nur noch Nebensache.

Automobile Prahlereien und Imponiergehabe, wie man es von vielen der großen Oldtimerrallyes kennt, sucht man bei der Grand vergebens. Das war auch der Gedanke des einstigen Initiators Bob Sutherland, der vor einigen Jahren verstarb. Es sollte sich nur um die Autos und die grandiosen Landschaften der Rocky Mountains drehen. Essen, Rahmenprogramm und Hotels sind bei der Colorado Grand derweil alles andere als pompös. Gerade deshalb kommen die meisten der Teilnehmer jedes Jahr wieder. Und wo kann man mit seinem Oldtimer schon einmal 130 Meilen in der Stunde durch die USA pflügen und der State Trooper reckt beim Tankstopp anerkennend den Daumen in die Höhe und lobt: „great ride“. That’s America!

Quelle: Autoplenum, 2010-09-19
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