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Testbericht

Marcel Sommer, 12. März 2012
Ein Bastler aus Wuppertal hat sich ein Motorrad mit 12 Zylindern gebaut. Warum? Weil er es kann.

"Ach, musst du wieder ausparken?", scherzen Frank Ohles Kollegen, als der seinen Motorradhelm herauskramt. Der 50 Jahre alte Wuppertaler liebt Motorräder. Zu seiner kleinen aber exklusiven Sammlung gehört seit zwei Jahren ein selbstgebautes Bike mit zwölf Zylindern. Schon das erste zum Leben Erwecken und Fluten des sechs Liter fassenden Hubraums ist ein Erlebnis für sich. Das Grollen zaubert in Sekundenbruchteilen eine Ganzkörper-Gänsehaut hervor, und durch die Vorahnung auf einen gemeinsamen Ausritt kommt ein wenig Angstschweiß hinzu. Das 316 kW / 430 PS starke Triebwerk hat der Bastler aus einem verunfallten Aston Martin DB7 ausgebaut und in den Rahmen einer alten Boss Hoss eingesetzt. Doch ganz so einfach, wie es klingt, war es nicht. Denn der Rahmen der V8-Maschine war zu klein für das 85 Zentimeter breite Ungetüm. Also musste Ohles selbst Hand anlegen und das Motorrad um den Motor herum bauen.

Der gelernte Maschinenschlosser verbrachte knapp anderthalb Jahre nahezu jede freie Minute mit dem Monster auf zwei Rädern. Zu seinem Glück und dank seiner 33-jährigen Firmenzugehörigkeit konnte Frank Ohle, nach Rücksprache mit seinen Vorgesetzten einen zehn Quadratmeter großen Bereich im hinteren Teil einer Fertigungshalle für sein Projekt absperren und nutzen. So führte ihn sein Weg nach Feierabend fast täglich in die eigene kleine Werkstatt nebenan, wo das drei Meter lange und fast 700 Kilogramm schwere Show-Bike auf ihn wartete. Dass bei so viel Motorrad- und Schrauberliebe nur wenig Zeit für Zwischenmenschliches bleibt, stört den notorischen Single nicht wirklich: "Da ich sowieso viel auf Montage in der ganzen Welt unterwegs bin und meine Motorradbastelei den letzten Rest meiner freien Zeit einnimmt, ist das nicht ganz so tragisch", erklärt er.

Zu seinem zweirädrigen Zwölfender fehlen ihm noch heute fast die Worte: "Dass es so groß wird, hat mich dann doch ein wenig erschrocken", gib Ohles zu. Die einzigen Bauteile, die das Zweirad mit der ursprünglichen Rahmengeberin Boss Hoss gemeinsam hat, sind der Lenkkopf und die hintere Schwinge. Auf dem 33 Liter fassenden Treibstofftank prangt der Zeichentrickheld Homer Simpson in kultiger Rockerkluft mit dem Untertitel "Springfield Choppers". Frank Ohles' Ziel ist es, mit dem übergroßen und nicht für den Straßenverkehr zugelassenen Motorrad die Biker-Szene ein wenig aufzulockern. "Ich kann diese Blicke einiger Biker nicht mehr sehen. Warum müssen die alle so böse gucken? Motorradfahren ist so schön und Motorradfahrer eigentlich so nett. Ich möchte das Ganze ein wenig auf die Schippe nehmen", grinst Ohles. Der kleine Elefantenkopf auf seinem gut 1,20 Meter breiten Lenker, welcher die nicht funktionierende Hupe ersetzt, und der Schriftzug "…Harley… Japaner… V8… alles Kinderkacke" untermauern sein Vorhaben. Es wundert daher nicht, dass es schon "ein paar Anfeindungen bezüglich dieser Dinge" gab.

Dabei hat es doch eigentlich ganz harmlos angefangen. Die große Frage nach dem "Warum baut Mann so etwas?" beantwortet sich Frank Ohle nämlich so: "Das Ganze ist ja an sich totaler Blödsinn und es braucht kein Mensch. Aber mich hat die Umsetzung der Idee so sehr gereizt, dass ich es einfach machen musste. Lange Rede, kurzer Sinn: Weil ich es kann!" Seine größte Herausforderung war es, das Getriebe an den 500 Newtonmeter stemmenden Motor anzuflanschen. Zwei Vorwärtsgänge und ein Rückwärtsgang sind das Ergebnis. Der erste Gang beschleunigt das hinten auf einem 30 Zentimeter breiten Reifen fahrende Bike bis auf 200 km/h. Frank Ohles ist schon 250 km/h gefahren und meint, dass noch wesentlich mehr möglich wäre. Und das alles ohne Windschott oder andere aerodynamischen Hilfsmittel zur Windkraftbekämpfung.

Ganz so schnell fällt die Testfahrt des im Normalbetrieb 16 Liter schluckenden Zwölfenders nicht aus. Das Gefühl, ein bebendenes Aston Martin-Aggregat zwischen den Schenkeln zu spüren, das unter Volllast auch gern einmal den ganzen Tank auf 100 Kilometern leer säuft, ist dennoch einmalig. Das Standgas allein reicht fast für ein Knöllchen in der Tempo-30-Zone. Ein wenig mulmig wird es einem schon. Wenn sich einer der zwölf Kolben in Richtung Fahrer verabschieden sollte, war es das mit der Familienplanung. Doch diese Gedanken werden schnell von dem ständigen Bestreben, das 700 Kilogramm schwere Ungetüm bei Schrittgeschwindigkeit in der Aufrechten zu halten, in den Hintergrund gefahren.

Bleibt die Frage: Was macht man mit so einem Motorrad, wenn es fertig ist? Da viele Dinge, die in der Entstehung oder neu sind, irgendwann ihren Reiz verlieren, ist für den Erbauer Frank Ohles klar: "Die Maschine wird verkauft". Gut 70.000 Euro verspricht er sich davon. Am liebsten wäre ihm ein Sammler wie der motorbegeisterte US-Talkmaster Jay Leno. Den ersten Garagenplatz in seinem Herzen hat übrigens schon längst ein neues Projekt eingenommen. Gezeigt hat Frank Ohles es schon, darüber reden darf man allerdings noch nicht. Aber so viel sei verraten: Nur Fliegen ist schöner.
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Quelle: Autoplenum, 2012-03-12

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