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Testbericht

Sebastian Viehmann, 23. Februar 2012
Die elektrische Autorennbahn feiert ihren 100. Geburtstag. Schon lange vor Carrera und der "Slotcar"-Ära drehten Spielzeug-Boliden ihre Runden, und das mit faszinierender Technik. Eine Ausstellung zeigt nun die komplette Historie.

Hier braucht man schnelle Augen: Im Museumszentrum Zehntscheuer in Balingen surren und flitzen kleine Rennautos im Akkord durch die Kurven. Alte Indianapolis-Boliden, Formel 1-Flitzer aus den 70er Jahren und skurrile Oldtimer aus Blech geben sich in der kleinen Stadt knapp 80 Kilometer südlich von Stuttgart die Ehre. "Sonntags ist es hier rappelvoll", freut sich Dr. Hans Schimpf-Reinhardt. Der Kurator des Stadtarchivs hat die Ausstellung zum 100. Jubiläum der elektrischen Autorennbahn organisiert.

Alle Bahnen sind historische Originale. Nur der Urahn aller Carrera-Bahnen war einfach nicht aufzutreiben, steht aber als originalgetreue Replik in der Ausstellung. Das Vorbild der Firma Lionel drehte erstmals 1912 in New York seine Runden. Lionel hatte sich bereits mit Modelleisenbahnen einen Namen gemacht. Die Blech-Boliden mit kleinen Fahrerfigürchen am Steuer waren echten Rennwagen nachempfunden und flitzten auf einer mittleren Führungsschiene über die Fahrbahn. In der Spielzeug-Szene nennt man diese Funktionsweise das "Rail-Prinzip".

In den 1930er Jahren kam die elektrische Rennbahn auch nach Deutschland, man feierte damit die neuen Autobahnen im Kleinformat. 1957 revolutionierte die Scalextric-Bahn die Branche, weil sie erstmals auf einen Führungsschlitz in der Fahrbahn setzte. Der Name Slot Car (Slot heißt im Englischen Schlitz) war geboren. Vor allem in den USA wurde das Slot-Racing ungemein populär. Renncenter boten zum Teil 8-spurige Bahnen mit bis zu 80 Metern Rundenlänge an. Bald schwappte der Trend nach Europa hinüber.

Die Ausstellung in Balingen liefert mit mehr als zwei Dutzend Bahnen einen Querschnitt durch die komplette Historie dieses Hobbys. Die Idee dazu kam dem Kurator des Stadtarchivs, als er vor einiger Zeit eine Märklin-Ausstellung organisierte. "Ich besuchte einen Sammler, der auch uralte Rennbahnen hatte. Seitdem ging mir das Thema nicht mehr aus dem Kopf", berichtet Hans Schimpf-Reinhardt. Bei seinen Recherchen entdeckte er längst vergessene Firmennamen wie Tipp Co, Prefo oder Roussy und trug echte Raritäten zusammen. Alle Bahnen wurden von Sammlern leihweise zur Verfügung gestellt.

Die meisten Exponate funktionieren nach dem Slot-Prinzip. Schimpf-Reinhardt kann sich aber vor allem für Raritäten wie die Bahn der französischen Firma Roussy aus dem Jahr 1936 begeistern, deren Funktionsweise er erst einmal durchschauen musste. Auf den ersten Blick rasen die schicken gusseisernen Oldtimer wie von Geisterhand über die Strecke, ganz ohne Schlitz oder Führungsschiene und auch noch aufeinander zu. Dass sie nicht kollidieren, liegt an einer ebenso simplen wie eleganten Technik: "Die Fahrzeuge haben einen permanenten Rechtseinschlag in der Lenkung, so fahren sie immer an der Leitplanke entlang und huschen problemlos aneinander vorbei. Die breiten Stoßstangen dienen dabei als Stromabnehmer, der Strom kommt aus der Leitplanke", erklärt Schimpf-Reinhardt.

Ihre Blütephase erlebten die Mini-Renner in den 1960er Jahren mit dem Siegeszug der Slotracer. Die erste Carrera-Bahn des Nürnberger Spielwarenherstellers Neuhierl kam 1963 auf den Markt, zahlreiche andere Spielzeugbauer wie Märklin, Trix oder Faller zogen nach. Selbst die DDR konnte sich dem Slotcar-Trend nicht entziehen, das VEB Pressformwerk Dresden (Prefo) brachte die elektrischen Rennautos hinter den eisernen Vorhang. Als Vorbilder dienten Formelwagen von Wartburg und Melkus.

In Deutschland wurde die Carrera-Bahn schnell zum Marktführer. Eine Fülle von Autos aus Formel 1, Rallyesport bis hin zu Straßensportwagen und LKW bevölkerte die Kinderzimmer. Ausgeklügelte Fahrbahnen mit Loopings, Kreuzungen und S-Kurven sowie reichlich Zubehör von der maßstabsgetreuen Zuschauertribüne bis zum Plastik-Strohballen sorgten für die passende Atmosphäre.

Der Slotcar-Trend ebbte allerdings schnell wieder ab, schon in den 80er Jahren verirrten sich immer weniger Rennbahnen in die Kinderzimmer. Dass die Westentaschen-Boliden ein Revival erlebten, liegt an neuen Trends. So sind heute viele Modelle akkurat dem Original nachgebildet und lassen Sammlerherzen höher schlagen. "Die Systeme sind zudem im Gegensatz zu früher untereinander weitgehend kompatibel, und die Computertechnik eröffnet völlig neue Möglichkeiten des Spielbetriebs. Zielgruppe sind heute – wie bei den Modelleisenbahnen – primär Erwachsene", sagt Hans Schimpf-Reinhardt.Wer in Rennbahn-Nostalgie schwelgen will, kann das noch bis zum 29. April in der Zehntscheuer in der Neuen Straße 59 in Balingen tun. Die Ausstellung ist dienstags bis donnerstags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.
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Quelle: Autoplenum, 2012-02-23

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