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Testbericht

9. September 2012

Nostalgiker nerven. Solche, die über die romantisierende Wirkung von Frühlingsausfahrten mit einem Volvo 440 schalmeien – einem Auto mit dem Charme von Stützstrümpfen. Solche, die finden, das Volvo-Design habe mit dem axtgeschlagenen 740 Kombi den stilistischen Höhe- und Endpunkt erreicht. Und solche, die sich empören, wenn ein Volvo agiler einlenkt als eine Straßenbahn. Solche wie der Autor. Aber hätte Volvo auf uns gehört, die Firma wäre ruiniert, hätte sich wie Saab getrollt. Stattdessen hat Volvo schon vor einem Jahrzehnt beschlossen, sich neu zu erfinden. Mit dem Volvo V40 ist das nun abgeschlossen. Zum ersten Mal wechselt ein kompakter Volvo nicht die Basis. Dazu zehn Zeilen unnützes Nostalgikerwissen: Bisher zeugten diese Modelle vom unsteten Lebenswandel von Mutter Volvo. Der 343 war eigentlich ein DAF, beim 440/460/480 mischte Renault mit, der erste S40/V40 entstammte einer Liason mit Mitsubishi, die nächste Generation (S40/V50) basierte auf der Plattform des Ford Focus II. Die behält der Volvo V40, allerdings überarbeitet. Es bleibt bei Einzelradaufhängung rundum mit McPhersons vorn, Mehrlenkern hinten, der Radstand wuchs nur um sieben Millimeter. Aber mit seinen Vorgängern, der schüchternen Limousine S40 und dem in seiner Rolle als Kombi-Volvo etwas überforderten V50, bricht der Neue. Mit Schrägheck und 4,37 Meter Länge rivalisiert er mit A3 und 1er.

Acht Airbags im Volvo V40 serienmäßig Also prägnantes Premium statt purer Pragmatik, dynamisches Design statt dezentem Dasein, Sport statt Transport. Doch bei all dem eifert er nicht einfach der Konkurrenz hinterher. Er entwickelt eigenen Charakter, bleibt ein echter Volvo. Das zeigt sich nicht nur in Folklore wie dem Parkscheibenhalter, hinteren Flanken, die an den P1800 erinnern sollen, oder neueren Volvo-Untugenden wie dem sperrigen Wendekreis und schlechter Rundumsicht. Der Volvo V40 trägt die traditionellen Werte weiter – mit sorgsamer Verarbeitung hochwertiger Materialien, durchdachter Ergonomie, hohem Sicherheitsniveau. Überhaupt die Sicherheit: Serienmäßig hat der Volvo V40 D4 acht Airbags, sieben drinnen und einem draußen. Kommt es zu einem Unfall mit einem Fußgänger, deckt ein Airbag binnen 0,05 Sekunden den unteren Teil der Windschutzscheibe und die A-Säulen ab. Doch vor allem müht sich die Technik, Unfälle grundsätzlich zu verunmöglichen. Das City-Safety-Notbremssystem mit Fußgängererkennung (Serie), bis Tempo 80 aktiv, kann einen Unfall bis 35 km/h komplett vermeiden, darüber die Aufprallgeschwindigkeit um bis zu 25 km/h senken – und so die Unfallschwere. Optional bietet Volvo die ganze Assistenzarmada von Spurhalte- und -wechselhelfer über den fein regelnden Abstandstempomaten mit Stopp & Go-Funktion, Aufmerksamkeitsassistenten und Querverkehrwarner bis zur unfähigen Verkehrszeichenerkennung.

Vier Erwachsene kommen gemütlich unter Der Volvo V40 D4 braucht seinen Fahrer also kaum. Schön, dass er ihn dennoch mitnimmt. Vier Erwachsene kommen gemütlich unter, auf den großen, langstreckenbequemen Vordersitzen ebenso wie auf der klugerweise für zwei ausgeformten Rückbank – für drei wäre es zu eng. Nur groß Gewachsenen drückt hier der Rahmen des optionalen Panoramadachs auf die Tolle. Ansonsten reisen die Passagiere für ein Kompaktauto unbedrängt. Einschränkung fordert nur das knappe Kofferraumvolumen: Bei hochgeklapptem Zwischenboden lassen sich 335 Liter Gepäck über die hohe Ladekante und durch die kleine Klappe wuchten. Auch die maximal 1.032 Liter liegen fernab von Familienanforderungen. Immerhin steigert die umklappbare Beifahrersitzlehne die geringe Variabilität. Standuhren – seit den Zeiten des 740 Kombi in Prospekten typisches Ladegut des Volvo-Fahrers – dürfen also noch mit. Sie sollten sich fest anschnallen, denn die Dynamik des Volvo V40 D4 hat mit der ernsten Besonnenheit früherer Modelle nun gar nichts mehr gemein.

Volvo V40 D4 lenkt beherzt ein, kurvt sicher und schnell Das zeigt sich beim Testwagen mit optionalem Sportfahrwerk (450 Euro) und 18-Zoll-Rädern in hoher Agilität sowie Slalom- und Wedelzeiten, die Toyota GT 86 oder BMW 118i beschämen. Daran ändert selbst die zwar präzise, aber in allen drei Modi etwas verzögert ansprechende elektromechanische Servolenkung nichts. Während sich Volvo ganz früher ehrlich gesagt immer etwas scheußlich fuhren, lenkt der Volvo V40 D4 beherzt ein, kurvt sicher und schnell, wenn auch mit leichtem Drang zum Untersteuern um Kurven. Die Kehrseite der Dynamik zeigt sich im sehr schlechten Federungskomfort. Mit 18-Zoll-Rädern rumpelt der Volvo V40 D4 über Unebenheiten, kurze Stöße knallen durch. Besser klappt es auf der Autobahn. Dort streift er schnittig durch den Wind (cw 0,31), der bei Teillast noch ziemlich nagelige Fünfzylinder knurrt sacht im Hintergrund. Anders als die von Ford zugekauften Turbobenziner und der 1,6-Liter-Vierzylinder-Diesel ist der kraftvolle und sparsame Zweiliter ein Volvo-Motor. Die betuliche Sechsgangautomatik überschlupft das Anfahrzögern, schaltet sacht, aber nicht immer treffsicher, reagiert zumindest einigermaßen spontan auf manuelle Eingriffe. Weile wie Eile beherrscht der Volvo V40 D4 so gleichermaßen. Mit ihm öffnet sich Volvo für Neues, bietet mit traditionellen Werten aber auch entfremdeten Nostalgikern wieder eine Heimat. "Nostalgie" kommt schließlich von "Heimkehr".

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Quelle: auto-motor-und-sport, 2012-09-09

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