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Testbericht

9. Dezember 2012

Ein Stück voraus kurvt Kollege Miguel im Seat Leon 2.0 TDI mit südländischem Temperament rechts um die Biegung und aus dem Blick. Weil die LED-Bremsleuchten am Seat nur kurz aufblitzten, tapse ich in der Alfa Romeo Giulietta nur schwach auf die Bremse. Einlenken. Dann taucht die Straße nach rechts unten ab. Und in die Dunkelheit. Als der Lichtsensor endlich reagiert und die Scheinwerfer aufleuchten, werfen sie ihr Licht gegen eine schroffe Tunnelwand und auf eine nasse Straße, die sich weiter nach rechts durch den Berg windet. Fuß auf die Bremse. Was folgt, ist Physik: dynamische Radlastverschiebung nach vorn. Das Giermoment drückt das entlastete Alfa-Heck nach außen. Zur Felswand Seat Leon bietet viel Platz Hier, mitten im Lastwechselübersteuern, nutzen wir das Stilmittel des Cliffhangers, um Spannung zu erhalten und um zu erklären, worum es geht. Den Seat Leon nämlich. Er ist der dritte neue, quermodulierte Kompakte aus dem VW-Clan und Seats wichtigstes Modell. Auf dem Golf zu basieren hat schon seinen beiden Vorgängern nicht geschadet. Der neue Technik-Baukasten sorgt für 5,8 Zentimeter mehr Radstand bei rund fünf Zentimeter weniger Außenlänge. Auch mit nun etwas steileren A-Säulen und breiterem Dach schafft der Seat Leon ein großzügiges Raumangebot. Seitenhaltstarke Sportsitze integrieren Fahrer und Beifahrer tief ins Cockpit, im Fond stört nur die etwas niedrige Position der bequemen Rückbank. Der Kofferraum packt 380 Liter Gepäck, das allerdings über eine hohe Kante und durch die kleine Klappe gehievt werden muss.

Der Alfa Romeo leistet sich da mehr funktionelle Schwächen mit dem ebenso beschwerlich beladbaren, dazu kleineren Ladeabteil und der seitlichen Dachlinie, die den Kopfraum im Fond stark einschränkt. Vorn passt das Platzangebot, nicht aber die Ergonomie. Entweder ist das Lenkrad zu weit weg – oder die Beine müssen froschig angewinkelt werden. Die Verarbeitung nennen wir mal mediterran-leger, während die des Seat Leon golfartig ist, trotz einfacherer Materialauswahl. Einfache Hinterachse beim Seat Leon kein Nachteil Deutlicher hat Seat beim Fahrwerk gespart. Die teure Vierlenker-Hinterachse, die es beim Golf jenseits von 122 PS gibt, bekommen nur die später erscheinenden Topversionen mit 180 PS im Turbobenziner und 184 im Diesel. Doch auch mit der Verbundlenkerkonstruktion sticht der Seat Leon beherzt in Kurven, durchfährt sie neutral und sicher, mit viel Rückmeldung in der präzisen Lenkung und ohne Lastwechselmätzchen. ESP muss nur bei großem Übermut eingreifen, reagiert dann präzise und fein.

Alfa Giulietta agiert zappelig Derweil wummert der leise, sogar etwas drehbegabte Zweiliter-Diesel mit 150 PS und 320 Nm unter der Haube, stemmt den um rund 90 Kilogramm erleichterten Seat Leon 2.0 TDI trotz der langen Übersetzung des präzisen Sechsganggetriebes energisch voran. Aber all das passiert – wie das ganze durchaus flotte Fahren – unaufgeregt, fast unauffällig. Nicht so in der Alfa Romeo Giulietta. Hier nagelt ihr 170 PS starker Zweiliter-Diesel resoluter, das optionale Doppelkupplungsgetriebe zappt mitunter ruppig durch die sechs Gänge, und auf schlechten Straßen rempelt sie unbeherrschter über Unebenheiten als der Seat Leon 2.0 TDI. Doch oben in den Bergen über Malaga merken wir wieder, dass Alfas sportliches Herz noch schlägt. Auf den frisch geteerten Straßen zackt der schwerere Fronttriebler ansatzlos in Kurven, von der rückmeldungsintensiven Lenkung präzise geführt, will und kann immer noch ein bisschen schneller in die nächste Kehre toben. Während der agile, geräumige, günstige Seat Leon ein hervorragendes Auto ist und eins der attraktiveren der aktuellen VW-Kompaktfamilie, betört uns doch diese exzentrische, zickige, aber eben wunderbare Giulietta. Weil sie es schafft, dass wir nur das Schöne in ihr sehen. Und schließlich, nach etwas Gegenlenken, übrigens auch unversehrt das Licht am Ende des Tunnels.

Fazit Der solide gemachte Seat Leon hat sich neu erfunden – aber nur ein bisschen. Mehr Platz und Komfort bei unverändert agiler Grundstimmung sowie die ausstattungsbereinigt gut 1.500 Euro Preisabstand zum Golf sprechen für ihn. Dass der Trend zur Pragmatik etwas Charakter gekostet hat, zeigt sich im Vergleich mit Alfa Romeos Giulietta. Beherztes Handling, vehementes Voranstürmen und nicht zuletzt die Schönheit sowie den südländischen Reiz des Unvollkommenen beherrscht der Alfa Romeo noch immer betörend.

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Quelle: auto-motor-und-sport, 2012-12-09

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