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Testbericht

Benjamin Bessinger/SP-X, 2. Juni 2016

Noch haben Sven Femerling und Hartmut Higi gut lachen. Sie sitzen ein wenig abseits in einem großen Mercedes GLS und lassen gerade das vielleicht schnellste Automuseum der Welt an sich vorbei ziehen. Die beiden Schwaben sind Mercedes-Mechaniker aus dem Classic Center in Fellbach, stehen am Ortsausgang von Brescia und verfolgen den Start der Mille Miglia, die vor ein paar Tagen mal wieder halb Italien in Aufregung versetzt hat. Schließlich gibt es keine andere Oldtimer-Veranstaltung auf der Welt, bei der so viele, so spektakuläre Sportwagen auf so einer langen Strecke so hart am Limit gefahren werden wie die 1.600 Kilometer vom Gardasee nach Rom und wieder zurück.
 
Doch lange können sich Femerling und Higi nicht an der Karawane der 450 Klassiker und ihrer oft nicht minder spektakulärer Begleitfahrzeuge aus dem aktuellen Portfolio der Sportwagenhersteller erfreuen. Kaum naht mit der Startnummer 64 ein Mercedes SS aus dem Baujahr 1930, schalten die beiden in den Einsatzmodus und heften sich mit ihrem Geländewagen dem roten Riesen an die Fersen. Denn nach vielen Jahren als Stammgäste bei der Mille wissen die Mercedes-Mechaniker, dass es nicht allein am Fahrer hängt, ob das Auto tatsächlich beim ersten Stopp in Rimini,  am Wendepunkt in Rom, beim dritten Etappenziel in Parma oder nach vier Tagen tatsächlich wieder in Brescia ankommt. Erst recht nicht bei einem Vorkriegsrennwagen, der so diffizil ist wie die Nummer 64 und sich auch noch als launisch erweist wie eine Diva. So, wie sich der millionenschwere Oldtimer auf dieser Tour benimmt, könnte er auch aus Italien kommen und man müsste ihm eigentlich einen Frauennamen geben.
 
Immerhin müssen sie nicht ganz so rasen wie ihre Kollegen, die zum Beispiel die Flügeltürer betreuen. Während die Sportwagen aus den Nachkriegsjahren schon am Stadtrand von Brescia gefahren werden, als hätten ihre Piloten ein Messer zwischen den Zähnen und als wollten Sie sich tatsächlich mit Stirling Moss messen, der die Strecke 1955 in einer Fabelzeit von 10 Stunden, sieben Minuten und 48 Sekunden absolviert und damit einen Rekord für die Ewigkeit aufgestellt, fährt der SS fast noch verhalten. Mag ja sein, dass der sieben Liter großer Sechszylinder, dem ein wütend fauchender Kompressor kurzfristig 225 statt 170 PS einbläst, den zwei Tonnen schweren Koloss früher mal auf 190 km/h beschleunigt hat. Doch wenn man einen für viele Millionen versicherten Klassiker durch das organisierte Chaos des italienischen Alltags bugsiert, wenn jeder Gangwechsel mit dem unsynchronisierten Getriebe eine Wissenschaft für sich ist, wenn die Bremsen so viel Biss haben wie ein zahnloser Dackel und der Wendekreis groß ist wie bei einem Lastwagen, dann lässt man es lieber etwas langsamer angehen – erst recht, wenn man zum ersten Mal in einem Vorkriegsauto sitzt.
 
Außerdem kann man so auch viel besser das einzigartige Ambiente der Mille Miglia genießen – wenn man es sich getraut, den Blick auch nur ganz kurz von der Straße abzuwenden: Denn ein Wochenende lang ist der Verkehr im halben Land lahm gelegt, Innenstädte sind gesperrt, Landstraßen blockiert und Autobahnen dicht gemacht. Doch statt zu hupen und zu schimpfen, stehen die Italiener am Straßenrand, jubeln, schwenken tausende von Fähnchen, inhalieren dieses unvergleichliche Gemisch aus heißem Benzin, verbranntem Öl und quietschenden Reifen und feiern eine furiose PS-Party: Es ist Mille Miglia-Zeit, und einmal mehr stürzen sich über 500 Rennwagen in ein Abenteuer, das 1.000 Meilen währt, vielen wie eine Ewigkeit vorkommt und am Ende doch wieder viel zu schnell vorbei ist.
 
Im offiziellen Feld sind zwar nur Autos aus den Jahren von 1929 bis 1957, die technisch mit den Rennwagen von einst identisch sind. Doch jeder, aber wirklich jeder, der ein halbwegs interessantes Auto hat, reiht sich unterwegs einfach ein. Zwei Dutzend Ferrari, ein paar alte Peugeot, der örtliche Lamborghini-Club oder der Freundeskreis Fiat 500 – man hupt ein bisschen, hängt ein paar Mille-Miglia-Fahnen aus dem Fenster und gibt einfach Gas. Nicht umsonst führt die Rallye über öffentliche Straßen durch den normalen Verkehr. Nur in den Altstädten, etwa in Florenz, Siena oder San Marino machen die Organisatoren dicht und trennen die Spreu vom Weizen.
 
Den Spaß an den schnellen Autos lässt sich dabei niemand verderben: Wo die Mille dabei auftaucht, feiert Italien eine rauschende PS-Party: Kindergärten schicken ihre Schützlinge fahnenschwingend an die Straße, die Bauern stellen den Traktor ab, die Innenstädte stehen voller Menschen und an jeder Kreuzung, in jedem Weinberg und auf allen Terrassen warten Horden von Fans auf die Kolonne der Klassiker. Schnella Italia – allein dafür muss man Dich lieben!
 
Auch wenn der SS zumindest anfangs eher unterwegs ist wie auf einer Kaffeefahrt und nicht wie auf einer Klassik-Rallye gibt es für die Mechaniker im Windschatten dabei reichlich zu tun: Denn der rote Riese ist ein durstiger Geselle, bei auch nur halbwegs ambitionierter Fahrweise klettert der Verbrauch schnell auf 60 oder mehr Liter und spätestens alle 150 Kilometer wird der „Supersport“ zum „Schluckspecht“ und saugt mal wieder eine Tankstelle leer. Und weil bei einem Vorkriegswagen nichts, aber auch gar nichts einfach ist, braucht man sogar zum Tanken Werkzeug, Wissen, viel Geduld und die Hilfe der Mechaniker aus dem GLS.
 
Je länger die Fahrt dauert, desto öfter tauchen Femerling und Hihi oder zwei andere Kollegen im zitternden Rückspiegel des Klassikers auf. Zwar wächst die Routine und mit ihr die Ruhe am Steuer, doch dafür läuft der Wagen immer weniger rund, ruckelt und bockt und braucht deshalb mehr Zuspruch und Liebe von kundiger Hand.
 
Kurz nach der Wendemarke in Rom scheint das Rennen dann plötzlich vorbei. Ausgerechnet auf der Ehrenrunde durch die Innenstadt stirbt der Reihensechszylinder ab und lässt sich auch mit allen mittlerweile gelernten Tricks nicht wieder beleben. Bis wie aus dem Nichts unsere zwei Mechaniker auftauchen und im Schlagschatten des Kolosseums den Kabinenboden ausbauen und dem müden Herzen einen Elektroschock verpassen, damit die Zündfunken wieder fliegen.
 
Und als an den zwei Tagen darauf auf dem Rückweg alle paar Stunden die Kerzen verrußen, sind die Spezialisten natürlich auch wieder zur Stelle. Wie der Pannenservice des ADAC repariert unserer Mannschafft den Mercedes noch am Straßenrand. Nur dass unsere gelben Engel graue Polo-Shirts tragen und nach drei Tagen im Milletross genauso mitgenommen sind wie die Fahrer – selbst wenn es mittlerweile für den Routine-Service zwischen den Etappen sogar einen Nachtdienst gibt, der die Autos im Parc Ferme wieder halbwegs frisch macht für die nächste Etappe.
 
Vor allem aber haben die Mechaniker den gleichen Ehrgeiz wie die zwei am Steuer. Als der SS nach über 1.600 Kilometern, zwei Dutzend Tankstopps und schon zwei Zündkerzenwechseln nur fünf Kilometer vor dem Ziel in Brescia schon wieder die Segel streicht, ist es für die beiden Jungs keine Frage, dass sie noch einmal das Werkzeug aus dem Koffer holen, noch einmal die Kerzen wechseln und noch einmal das komplizierte Startritual durchspielen. „Das wäre ja noch schöner, wenn wir den Wagen die letzten Meter schleppen müssten“, sagt Higi. Durchs Ziel fährt man gefälligst auf eigener Achse. Selbst wenn es nur eine etwas aufwändigere Kaffeefahrt ist.

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Fazit
Sie fahren heute noch so heiß wie damals Stirling Moss: Obwohl keiner der über 400 Wagen nach 1957 gebaut wurde, ist die Mille Miglia beileibe keine öde Oldietour. Was da Mitte Mai mal wieder durch Italien stürmte, ist das wohl schnellste Automuseum der Welt und für die Fahrer ein unvergessliches Erlebnis. Selbst wenn danach die Muskeln brennen und an den Händen Schwielen prangen.

Quelle: Autoplenum, 2016-06-02

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