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Testbericht

20. Mai 2015
Es hätte alles so schön werden können mit dem von Grund auf neu entwickelten 75 als starkem Auftakt für eine glänzende Rover-Zukunft. Mit BMW hatte die Marke seit 1994 endlich einen starken Partner an ihrer Seite, der etwas von Autos verstand. Doch ein Jahr nach dem Debüt des Kingsize-Mittelklässlers im Stufenheck-Gewand und nach sechs Verlustjahren hatten die Bayern die Lust verloren, zogen die Reißleine und übergaben das Zepter an das Phoenix-Venture-Konsortium. Dabei nahmen die britischen Interessenten das Auto gut an und die Händler meldeten erfolgversprechende Verkaufszahlen: Bereits eine Woche nach Marktstart hatten 10.000 Autos Käufer gefunden. Hierzulande erlangte der stattliche Rover vor allem bei Mietwagenfahrern Bekanntheit – Ende der 90er waren die Flotten reich bestückt mit ihm. Ein Massenauto sollte er nie werden, nach etwas mehr als 200.000 Exemplaren war Schluss. Nun gibt es ein Wiedersehen nach über zehn Jahren, der deutsch-britische Exot ist längst auf dem Weg zum extravaganten Youngtimer. Und es macht Freude, nach so langer Zeit mal wieder den Sechszylinder zu starten, der bereits im Vorgänger Rover 800 seinen Dienst bestritt. Streng genommen ersetzt der 75 auch die 600er-Rover-Reihe. Der in der Topversion als Zweieinhalbliter antretende V6 ist ein Bilderbuch-Motor, der sich butterweich in den Antriebsstrang mischt und gut mit dem nicht gerade exakt, aber leichtgängig schaltbaren Fünfganggetriebe harmoniert.

Rover 75 mit DOHC-V6, 4-Zylinder-Turbo im Saab 9-3
Der andere Charaktertyp, der Saab 9-3, steht den meisten Rover-Eigenschaften konträr gegenüber: Er ist keine klassische Limousine, sondern rollt selbstbewusst als Fließheck an, fällt in allen Maßen kompakter aus, bietet weniger Komfort und verkneift sich den Sechszylinder inzwischen. Vor dem Facelift, als der bei den Markenliebhabern nicht so recht gelittene Schwede noch 900 hieß, hatte GM es mit dem 2,5-Liter aus Calibra und Vectra probiert. Das war den Fans wohl zu viel, die ohnehin ständig die Opel-Mittelklasse vor Augen hatten, mit der der Saab 9-3 nun einmal verwandt ist. Doch das Herz ist ein Saab-Urgestein. Den Block mit den prägnanten 1.985 Kubikzentimetern gibt es bereits seit der Modellreihe 99 aus den frühen 70ern. Bis weit in die 2000er-Jahre kam der anfangs noch mit Triumph-Genen durchsetzte Kurzhuber zum Einsatz und befeuerte die markanten Schwedenmobile in unzähligen Varianten – mal mit, mal ohne Aufladung und sogar schon in den frühen 80ern als fortschrittlicher und kraftstrotzender Vierventiler.Mit den 185 Turbo-PS unseres Vergleichsexemplars will er dem Rover 75 ein Partner auf Augenhöhe sein, aber das gelingt nicht so recht. Zwar müsste der Skandinavier von der Papierform her giftiger sein, aber das verhindert die schon damals antiquierte Vierstufenautomatik. Also Punch auf dem Papier – der zweifellos vorhandene gierige Antritt braucht auch eine bessere Traktion. Zwar fordert er die vorderen Pneus bei beherztem Gasgeben, nach fast 200PS fühlt sich der kompakte Schwede dennoch nicht an.

Rover 75 gibt den souveränen Gentleman
Der Rover hingegen braucht gar keine wilden Beschleunigungsorgien. Er gibt den souveränen Gentleman mit herrlich sanftmütigem Fahrwerk. So eliminiert er selbst aggressive Bodenwellen mit frappierender Gründlichkeit, während der Saab beim Überrollen von Frostaufbrüchen merkliche Stöße an seine Insassen verteilt. Und selbst nach 180.000 km auf der Uhr fühlt sich der Insulaner noch derart straff an, dass Neuwagenfahrer ins Schwärmen kommen könnten. Hatten wir einfach nur Glück, da doch Experten vor ausgeschlagenen Gelenkwellen und Querlenkerbuchsen warnen? Dafür hat der oft monierte Wassereintritt unseren blauen V6 mit dem kulturbewussten Union Jack auf der Heckklappe kalt erwischt. Die von Schimmel befallene Dämm-Matte der Kofferraumhaube ist ein Indiz. Auch die Gurte des offenbar länger stillgestandenen Exemplars sollten einmal intensiv gereinigt werden.Der Saab hat schon über 230.000 Kilometer auf dem Zähler und wirkt ebenfalls nicht ausgeleiert. Nur aus Richtung Armaturenbrett knarzt es mittlerweile, doch das darf der alternde Viertürer mit dem noch immer glänzenden Lack. Raumwunder sind übrigens beide Kandidaten nicht, im Fond des ständig als zu eng geschnitten kritisierten Rovers gibt es aber ein Quäntchen mehr Platz – da machen sich 14 zusätzliche Zentimeter im Radstand einfach bemerkbar. Die Innenarchitektur ist in beiden Fällen unkonventionell. Der Rover 75 polarisiert mit Retro-Skalen, die gut zum luxuriösen Interieur passen. Das Leder gar mit üppiger Polsterung in Kombination mit den noblen Wurzelholzeinlagen begeistert sogar Jaguar-Fahrer. Der Saab 9-3 hingegen widerspricht sich an mancher Stelle: Da wären die sportlichen Sessel mit aufgenähtem Turbo-Schriftzug, die so gar nicht zur gemächlich schaltenden Viergangautomatik passen.

Beide haben das Zeug zum ernst genommenen Youngtimer
Doch der Ladedruckmesser muss schon sein und natürlich das typische Zündschloss in der Mittelkonsole. Warum kritisieren die Saab-Jünger so oft die Opel-Verwandtschaft? Innen keine auffälligen Spuren von Opel, das hat man in Trollhättan schon gut gelöst und dem Saab 9-3 die gewünschte Handschrift verpasst: Von den Lüftungsdüsen bis zu den Schaltern könnte er die Marke kaum authentischer vertreten. Beide Charaktere müssen noch ein wenig reifen, bis sie ernst genommene Youngtimer sind. Das Zeug dafür haben sie. Jetzt kaufen ist die beste Empfehlung.
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Testwertung
3.5 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2015-05-20

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