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Testbericht

29. Juni 2013
Euer Lordschaft, die Harfe plingt. Wenn dieser Ruf durch die heilige Interieur-Halle eines Rolls-Royce Ghost fliegt, wird es nicht nur Zeit, den Gurt anzulegen. Ihre Lordschaft – finde den Fehler – sitzt auch auf einem der Schwerleder-Frontsessel und damit dem vermeintlich falschen Platz. Denn nur dann erklingt elektronisch der Troubadix unter den Gurtwarnern. Hinten rechts, wo sonst der Chef im Rolls-Royce Ghost thront, gibts – wie im Fond üblich – keine akustische Anschnall-Warnung. Fahren oder gefahren werden – nie war die Frage so drängend wie im Rolls-Royce Ghost, dem Kleinsten und Dynamischsten der britischen Luxus-Familie. Der erste 40/50 hp von 1906 bis 1925, besser bekannt als Silver Ghost, stammt aus einer Zeit, als Autos noch umgebaute Kutschen waren. Damals saßen die Herrschaften nicht zwingend hinten, weil es repräsentativer war, sondern weil sie oft nicht fähig waren, ein Auto zu steuern, vom herben Anlass-Prozess mit Frontkurbel ganz zu schweigen. Wenn das Ding zurückschlug, knackten schon mal Knochen. Heute klickt es nur sacht, wenn der Fahrer des Rolls-Royce Ghost den Startknopf drückt und damit die Urgewalt eines 6,6 Liter großen V12 weckt. Gefühlt liegt ein ganzes Empire zwischen seinen 570PS und der euphemistisch als "ausreichend" bezeichneten Leistung früherer Tage. Rolls-Royce baute vormals einfach keine Hochleistungsmotoren und machte aus der PS-Not eine Image-Tugend.

Rolls-Royce Ghost mit flüsterleiser V12-Gewalt Ganz anders heute: Sanft grummelnd trollt sich der mächtige Biturbo im Rolls-Royce Ghost in den Leerlauf. Obwohl er im Grunde seines direkteinspritzenden Herzens ein echter Bayer aus dem Motorenwerk in München ist, gönnt er sich zehn Prozent mehr Hubraum als sein Bruder aus dem 760i, macht 780Nm. Der 5,40-Meter-Baby-Rolls – ihm fehlen immerhin 44 Zentimeter zum Phantom – umschmeichelt die Hand am nicht mehr ganz so dürren Volant. Fein schmiegt sich das Leder glücklicher Alpenkühe in den Griff, und die Cremigkeit, mit der der Rolls-Royce Ghost auf Lenkbewegungen antwortet, begeistert. Dabei legt er aber jene eitle Ignoranz gegenüber schnellen Kurskorrekturen ab, die die Rolls-Flotte früher so ozeandampferig machte. Wir wollen nicht so weit gehen und dem Rolls-Royce Ghost Agilität unterstellen, aber es hebt schon die Laune, ihn umweit geschwungene Kurven zu hieven. Staatstragend schiebt den Rolls-Royce Ghost die rein hydraulische Lenkung in Position. Wer es zu heftig angeht, erntet schwere Seitenlage. Und weil wir schon dabei sind, den Rolls-Royce Ghost artfremd zu bewegen: Sein Slalom-Tempo liegt mit rund 59km/h fünf km/h über dem des Phantom und damit auf dem respektablen Niveau eines Mercedes ML. Regelrecht keck drückt die Auto-Hoheit Rolls-Royce Ghost mit dem angetriebenen Heck, bevor sie die Frontreifen hemmungslos dem Untersteuern widmet.

Den Sozialneid kitzelt er nur Als der Name Rolls-Royce 1998 in einer legendären Markenrecht-Schlacht von VW an BMW ging, grummelten Traditionalisten "I dont want to rub my shoulder on a BMW buyer", aber mit dem Allerwertesten das bayerische Luftfederungs-Fahrwerk im Rolls-Royce Ghost zu spüren lohnt sich. Nur 20 Prozent Gleichteile soll der Rolls-Royce Ghost sich mit dem 7er teilen, doch beim Fahren fühlt es sich im positiven Sinne wie ein paar mehr an. Trotzdem wirkt der Forsche unter den Rolls auf seinen Piloten wesensverändernd wie ein edler Maßanzug: Du fährst ruhiger, agierst erhabener und genießt den Respekt des Publikums. Der Rolls-Royce Ghost kitzelt den Sozialneid nur, reizt ihn aber nicht. Beim Fotografieren hätten wir uns sogar etwas mehr Aufmerksamkeit gewünscht. Wahrscheinlich waren gerade zu wenig Rapper, Lords und Scheichs in der Stadt. Falls dann auch kurvenausgangs keiner dem Rolls-Royce Ghost zuschaut, tritt der rahmengenähte Pferdeleder-Schuh mit verschämter Freude das pedal to the metal. Oder korrekt: in den flauschigen Hochflorteppich besonders fetter Schafe – die geben die bessere Wolle. Dann reckt der Geist der Ekstase das Köpfchen und fliegt wie von einem Cricket-Schläger gedroschen in exakt 5,2 Sekunden auf 100km/h. Was bleibt, ist das Gefühl, Sherwood Castle beschleunigt zu haben. Dabei verliert der Gute aus Goodwood sogar kurz etwas von seiner adeligen Contenance. Es grollt eine unerwartete V12-Brandung aus dem klappenbewehrten Auspuff des Rolls-Royce Ghost heraus, die dazu geeignet ist, den Smalltalk einer Gartenparty ordentlich zu verstören. Dabei muss der Tempel-Grill des Rolls-Royce Ghost gar nicht wild den Fahrtwind filetieren. Der viel größere Genuss ist es, das immense Kraftreservoir des Rolls-Royce Ghost zwischen 1.500 und 5.000 Touren nur zu kosten und zu beobachten, wie die Power-Reserve-Anzeige um die 90 Prozent herumtänzelt. Waftability nennt der Rolls-Ingenieur diese scheinbar mühelose Kraftentfaltung. Mit aufreizender Lässigkeit und Ruhe weist der ZF-Achtgang-Automat im Rolls-Royce Ghost jedem Tempo den perfekten Gang zu – schwäbische Zahnrad-Virtuosität bis auf dieses kleine Ruckeln bei kaltem Getriebeöl. Und dann dieses Bremspedalgefühl im Rolls-Royce Ghost: sanft und dosierbar, so dass an der Ampel ja kein Wellchen in der Teetasse schwappt. Gemütlich pilotiert wird der 2,5-Tonner mit dem cW x A-Wert eines Bosch-Retro-Kühlschranks (0,9 m²) nicht mal zum fiesen Säufer: Auf der automotorundsport-Sparrunde reichten dem Rolls-Royce Ghost 10,7 Liter pro 100 Kilometer, bei sportlicherem Gasfuß sind aber 16 Liter und mehr drin.

Rolls-Royce Ghost bietet Komfort, Komfort, Komfort Man flaniert im Rolls-Royce Ghost in einer mobilen Kathedrale des Luxus und genießt das perfekt gedämpfte Klicken, die Schwere der Bullseye-Luftausströmer, die Eleganz der Black-Panel-Digitalanzeigen – Elektronik aus dem 7er –, die edlen Regenschirme in den Vordertüren und die stilvolle Eigenwilligkeit der schwarz auf weiß gestalteten Analog-Instrumente. Dazu tickt eine kleine Uhr aus dem Schwarzwald. Was wäre der Rolls-Royce Ghost ohne seine Eigenarten: Die Klimaanlage des Rolls-Royce Ghost hat vier Regler, aber keine Temperaturskala, und ihre Regelung ist echte Manufaktur: James, mir ist zu warm. Immerhin funktioniert der i-Drive simpel wie gehabt. Wir haben wirklich gesucht, aber keinen Verarbeitungsmangel am Rolls-Royce Ghost gefunden. Da unterscheidet er sich ebenso von BMW wie in seiner Aufpreisliste: Eine blau leuchtende Kühlerfigur und Picknick-Tische belasten die Portokasse mit über 8.600 Euro. Bei all dem schwebt der Geist erhaben über die Straßen, das Markenemblem im Radzentrum immer horizontal balanciert. Der Rolls-Royce Ghost atmet lange Wellen einfach in seine Luftfedern hinein und versteift sich nur bei fiesen Querfugen. Wobei es ein kleines Wunder ist, wie die Reifen ihre Runflat-Niederquerschnitts-Eigenart fast kaschieren. Drei Dinge muss ein Rolls eben unbedingt können: Komfort, Komfort und Komfort. Den zelebriert der Rolls-Royce Ghost vor allem mit seiner flüsterleisen Art: 68 Dezibel bei 160km/h – das schaffen andere nicht bei 80. Wer die massiven Selbstmörder-Pforten im Fond schließt, schafft ein Refugium der Stille. Ein Ort der Entspannung und des herrlichen Schlafs, wenn die Fondbank elektrisch in angedeutete Liegeposition surrt und der V12 einen in den Schlummer summt. Fahren oder gefahren werden? Diese Frage ist höchstens für führerscheinlose reiche Chinesen kein Thema. Alle anderen Rolls-Royce Ghost-Besitzer genießen den Luxus, sie jeden Tag genussvoll aufs Neue entscheiden zu dürfen.
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Quelle: auto-motor-und-sport, 2013-06-29

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