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Testbericht

7. September 2014
Die amerikanische Schauspielerin Mae West, Idol der frühen Kinojahre, sagte einmal: "Zu viel von einer guten Sache kann wundervoll sein." Dem muss man widersprechen, zumindest wenn es um Autos der Oberklasse geht. Uns begegnen in diesem Segment inzwischen die immer gleichen Marken und Modelle. Autos, die an den aktuellen Maßstäben von Perfektion kratzen, dem leitenden Angestellten das Gehalt weiter versüßen, meist vom deutschen Premiumtrio stammen und Firmenparkplätzen den uniformen Charme eines Mietwagenparks geben. So gelungen, so schön, aber auch so langweilig – wenn sie in Rudeln auftreten. Luxus bei einem Auto bedeutet eben auch, eines zu fahren, das gerade nicht alle anderen fahren. Verlassen wir also für acht Seiten mal das nüchterne Areal von Vergleichstests und deren Punkten und Messwerten – und damit oftmals ähnlichen Siegern. Fahren wir was Besonderes und werfen Chili und Schokolade in unsere Bratensoße. Nicht für jeden lecker, aber für manche die besondere Art des Genusses. Und genau darum geht es doch schlussendlich, wenn man für ein Auto den Gegenwert einer kleinen Eigentumswohnung und mehr hinblättert.

Lexus LS 600h und Volvo S80 sind die Kalifornier
Reisen wir zum Beginn unseres Trips im Kopf an die Westküste der USA, nach Kalifornien. Dort wo das Herz des Internets schlägt, wo im Silicon Valley die Zukunft erfunden wird und in San Francisco ein paar Blumen im Haar verwelken. Hier gehören der Lexus LS 600h wie der Volvo S80 zum Highway-Inventar und cruisen, obschon auf anderen Kontinenten erfunden, auf dem American Way in seinen Extremen.Der LS 600h ist das automobile Paradoxon schlechthin. Auf der einen Seite huldigt er dem Verbrennertum in quasi Small-Block-Manier mit einem saugenden Fünfliter-V8, auf der anderen Seite zügelt diesen archaischen Heizofen eines der wohl kompliziertesten Antriebskonstrukte unserer Zeit. Quälend geniales Meister- und Lehrstück für angehende Mechatroniker: der leistungsverzweigte Hybridantrieb, der gleichzeitig Strom verbraucht wie produziert.Damit vollbringt er den Spagat zwischen dem wohl weltbesten Antriebskomfort und moderatem Verbrauch, so seidenweich und surferlässig wie der Luxus-Samurai schiebt keiner an. Mit seinem Hybrid-Label kitzelt er die ökologisch korrekten Start-up-Gründer genauso wie mit seiner Zuverlässigkeit den Chef einer Versicherung.Beide dürfen sich in opulente Fond-Sitzmöbel fläzen, wie sie sonst in großen US-Malls als Massage-Gelegenheit herumstehen. Etwas barock, aber ultragemütlich und eben mit den flinken Fingern einer Pneumatikpumpe ausgestattet. Die kneten nicht nur Managern ein Grinsen wie nach einer fetten Hausse ins Gesicht. Dabei darf der Start-up-Chef im sanften Wiegeschritt des LS-Komforts gerne vergessen, dass die ganz große Antriebsrevolution an diesem Hybrid-Pionier schon längst vorbeigezogen ist.

Volvo mit 70-Liter-Tank
Der Volvo S80 steckt noch mittendrin im Revolutionieren. Unter seiner Haube nagelt ein zwei Liter großer Vierzylinder-Diesel gegen den Verbrauch des Lexus LS 600h und auch ein wenig gegen das amerikanische Benzin-Establishment an. Schwedisch nüchtern – Sprit ist in jeder Form teuer im Norden – halbiert er diesen. Passender Fahrer? Strandhaus-Architekt mit Faible für alte Rotweine. Dem Westküsten-Yuppie verbrennt er wohl zu sehr Fossiles, auch wenn jener bei den Sesseln wohl ins Grübeln kommt.Da öffnest du die massive Pforte dieses in Ehren etwas ergrauten und in seiner lässigen Biederkeit wieder nordisch kultigen Volvo und entdeckst braune, mit weißen Nähten abgesteppte Sitzmöbel wie aus einer Mailänder Designerbar geklaut. Einmal darin versunken, möchtest du bei 60 mph die nächsten tausend Kilometer Route 66 nicht mehr aussteigen – was mit dem 70-Liter-Tank übrigens problemlos geht.Alter Schwede, ist der Volvo S80 entspannt, auch weil er sich als Auto nicht so wichtig nimmt, entschleunigt und beruhigt. Selbst wenn er seine Insassen umsorgt wie eine Helikopter-Mutti. Sie wissen schon – die, die ihre Kinder aus lauter Angst, es könnte was passieren, ständig überwacht. Deshalb piepst auch laufend eines der Assistenzsysteme. Das wiederum kann dem Maserati Quattroporte nicht passieren, denn so einen neumodischen Sicherheits-Schnickschnack hat er nur rudimentär. Apropos Quattroporte: Wer käme in Deutschland schon auf die Idee, ein Luxusauto schlicht Viertürer zu nennen? Auf Italienisch klingt eben alles schöner.

410PS im Maserati Quattroporte
Und damit Schlüssel nach rechts für den Biturbo-Sechszylinder und Sportknopf gedrückt. Mamma mia, gegen dessen Röhren ist die Stimme von Gianna Nannini ja fluffig wie Milchschaum. Das 410-PS-Sixpack im Maserati kultiviert das rotzige Grölen und macht aus seinem Chauffeur einen kleinen Jungen oder, wie man es nimmt, auch Proll, der ständig mit dem Gaspedal den – ist doch so – geilen Sound moduliert.Der Dreizack piekst seinen sportlich tief agierenden Fahrer beharrlich im Lustzentrum: Los, schneller, tritt mich. Und er erfordert große charakterliche Stärke, zu widerstehen. Der Autor hatte sie nicht. Dabei hat es der Maserati am wenigsten von allen fünf nötig, sich zu produzieren. Wo er auftaucht, wird jeder Ort für einen Autofan schöner als zuvor. Kleinliche Diskussionen über Raumangebot oder Verarbeitung erstickt er mit seinem Stil und Design im Keim. Sicher, ein Quattroporte ist auch viel Schein – aber will ihm das irgendjemand übel nehmen? Wroomm – ’tschuldigung.Lenken, Federn und Dämpfen passieren bei Signore Tridente mit einer dynamischen Coolness, die nur böse Zungen als nonchalantes Überspielen von Defiziten brandmarken. Der Blick in den Rückspiegel zeigt meistens staunende Autofahrer mit gebührendem Abstand – oder eben seinen englischen Bruder im Geiste: den Jaguar XJ. Knurrt die Katze, freut sich der Mensch. Ja, richtig, knurren, oder haben Sie schon mal einen Diesel gehört, der schnurrt? Obwohl – fast: Im XJ haut ein Sechszylinder-Diesel trotz 275PS auf die wohl kleinsten Nägelchen, und der Alu-Body vibriert dazu sanft. So ist es an der Zeit, zu sagen: Diesel und toller Sound? Yes, he can. Das allein prädestiniert den XJ schon als prächtigen Reisewagen und echten Gran Turismo.Einer, dessen Überraschungspotenzial darin liegt, dass er den extravaganten britischen Sonderling antäuscht, um bei den Fähigkeiten mit an der Spitze zu sein. Mit dem XJ fährst du quer durch Deutschland, genießt stoischen Geradeauslauf sowie eine feine Balance zwischen Dynamik und Komfort. Er ist ein echter Brite, mit ausnehmender Höflichkeit gegenüber seinen Passagieren und einer Spur schwarzem Humor, wenn es um die Bedienung seines Infotainment-Systems geht. Union Jack drüber.

Cadillac CTS mit niedrigem Verbrauch
Ja der CTS, wohin passt der denn nun? Überall und nirgends hin. Er ist Europäer wie Amerikaner wie auch Asiat. Nehmen wir seinen Vierzylinder-Turbobenziner. Der stammt aus dem schönen hessischen Rüsselsheim und will trotz 276PS so gar nicht zu einer veritablen amerikanischen Limousine – einem Cadillac gar – passen. Aber setz dir in Gedanken einen brummdämpfenden Kopfhörer auf, genieß den 400-Nm-Wow-Durchzug und den – Goodbye Gasguzzler – recht niedrigen Verbrauch. Schlechter als übliche US-V8 dreht er auch nicht.Seine digitalen Instrumente schwanken zwischen dem Licht-Ensemble der Tokioter Vergnügungsmeile Roppongi und den Shows in Las Vegas. Fehlt nur noch der Roulettetisch in der Mittelkonsole. Rien ne va plus. So muss sich Cadillac bisher bei seinem Kampf um Anerkennung und vor allem Käufer in Deutschland gefühlt haben.Er biedert sich eben nicht an, sondern bleibt immer ein echter Typ. Der CTS hat mehr Ecken und Kanten als die Fels-Präsidenten des Mount Rushmore und entfernt sich maximal von dem schwappenden Fahrgefühl alter Cadillacs. Er ist eine neue, straffe und selbstbewusste Generation. Eine, von der wir gerne mehr haben wollen. Da hatte seine Landsmännin Mae West doch Recht.
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Testwertung
4.5 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2014-09-07

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