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Testbericht

Stefan Grundhoff, 9. September 2013
Am Vorabend der Internationalen Automobil Ausstellung lassen es besonders die deutschen Autohersteller kräftig krachen und bringen sich mit ihren Traummobilen noch vor der Öffnung der Hallentore in die beste Position. Die Aufwände sind gigantisch. Große Neuheiten? Eher dünn.

Bei keiner anderen Automobilmesse auf der Welt hauen die Hersteller derart auf den Putz wie auf der Frankfurter IAA. Die Leistungsschau unter dem Messeturm ist seit Jahrzehnten der Pulsmesser der europäischen Automobilindustrie, der deutschen Wirtschaft und der Autoszene im Allgemeinen. Da will keiner patzen und seine in gleißend helles Scheinwerferlicht getauchten Fahrzeuge im Schatten der Konkurrenz stehen sehen. Die mittlerweile zahllosen Marken des Volkswagen-Konzerns locken so viele Interessierte an, dass VW auch am Main seine eigene Submesse am Vorabend veranstaltet. Deren Inhalte mit Modellen von Seat, Audi, Volkswagen, Lamborghini, Bugatti, Skoda oder Bentley wären ein paar Jahre zurück gut genug für eine eigene südeuropäische Automesse mittlerer Größe gewesen. Der Wolfsburger Finanzaufwand erscheint kaum kleiner.

Hersteller wie Mercedes, Ford oder BMW lassen es ein paar Nummern kleiner angehen. BMW setzt ebenso wie Ford am Vorabend auf Gespräche mit Experten und Vorstand. Mercedes versucht derweil den Auftritt des glorreichen Öko-Doppelpacks aus BMW i3 / i8 vorab mit der elektrisierten B-Klasse zu kontern. "Alle wollen hier etwas Grün sein", sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche auf der imposanten Feierstunde in der Frankfurter Festhalle, die während der IAA zum Mercedes-Tempel mutiert ist, "der Wandel in der Autobranche findet statt. Daimler ist dabei eine treibende Kraft."

Da sorgt der erste Auftritt des Smart Fourjoy für mehr Applaus, zeigt er in einer endlosen Reihe von namenlosen Smart-Studien den ersten realen Ausblick auf die nächste Smart-Generation, die im kommenden Herbst auf dem Pariser Automobilsalon ihre Premiere feiert. Vorabend-Studien gibt es auch bei Kia oder Jaguar zu bewundern. Kia lässt einen mit dem Niro in die Kompaktklasse von morgen blicken; Jaguar beendet Spekulationen und zeigt einem ausgewählten Publikum vorab, wie ein sportlicher Crossover ab 2016 aussehen könnte. "Wir haben den C-X17 entwickelt mit dem tiefen Verständnis dessen, was einen Jaguar ausmacht: aufregende Proportionen, klare Linien und eine ausgewogene Form. Der Sports-Crossover C-X17 verkörpert auf mutige Weise Jaguar: Energisch und kraftvoll und zugleich mit einer wunderschönen Sinnlichkeit", sagt Jaguar Designdirektor Ian Callum.

Augenscheinlich stochert die Autobranche unverändert orientierungslos in der Gegend herum. Ein bisschen öko, etwas Sportlichkeit und sowieso mehr Emotionalität sind gefragt. Natürlich alles besonders nachhaltig - so will es die IAA bereits am Vorabend vermitteln. Autos sind nicht so recht in; aber auch alles andere als out. Neue Segmente stehen in den Startlöchern. Bestes Beispiel ist die Konzeptstudie des Audi Nanuk, einer Mischung aus einem Hochleistungssportler und einem SUV. Das ganze gepaart mit einem potenten V10-Turbodiesel, den der Volkswagen-Konzern an sich erst kürzlich aus dem Programm genommen hat. Wer soll daraus schlau werden? Sehenswerter und realitätsnäher sind da das Sport Quattro Concept; ein bulliges Sportcoupé mit Rallye-Genen - ebenfalls aus dem Hause Audi. 700 Hybrid-PS, Allradantrieb und ein ansehnliches Äußeres garantieren nicht nur am Vorabend Aufmerksamkeit fast so viel Aufmerksamkeit wie der Auftritt der Pet Shop Boys.

Mit dem Thema Zukunftstechnik ist auf einer Automesse zumeist kein Staat zu machen. Zu viel dreht sich um glitzernde Boliden, tief dekolletierte Messemodels und applaudierende Konzernvorstände. So rutscht eine interessante Studie wie der Mercedes S 500 Intelligent Drive, die vollautomatisch durch die Gegend kutschiert auch am Vorabend schon einmal ins zweite Glied. Schade, dass Mercedes seinen SUV-Hoffnungsträger GLA erst auf der Messe selbst enthüllt. Echte Modellneuheiten? Fehlanzeige ebenso wie bei den meisten Konkurrenten. Stattdessen beschwört Daimler-Chef Dieter Zetsche bei der elektrischen B-Klasse den Erfindergeist von Tesla-Chef und Kooperationspartner Elon Musk. Es hat Zeiten gegeben, da war Daimler stolz auf seinen eigenen Erfindergeist. Gut, wenn da die Band Capital Cities den urbanen Lebensraum der nächsten Smart-Generation besingt und Smart-Chefin Dr. Anette Winkler, die Smart-Idee als Erfolgsgeschichte verkaufen will. Die Realität sieht seit Jahren anders aus und statt einer durchaus sehenswerten Studie eines smarten Viersitzers ist eine neue Serienversion längst überfällig.

BMW zeigt am Vorabend der Internationalen Automobil Ausstellung nicht einmal seinen neuen X5, den aktuell wohl besten Luxus-SUV der Welt und lässt ihn am Messetag lieber neben den Feigenblatt-Modellen des Cityflitzers BMW i3 und dem Ökosportler BMW i8 im Regen stehen. Da verstehe einer die deutsche Autowelt. Mercedes ist sich seiner Kernkompetenz bewusster und verweist mit Stolz auf die drei Liter Normverbrauch des Mercedes S 500 Plug-In-Hybrid. Damit verbraucht die 440 PS starke Luxuslimousine weniger als ein aktueller Smart Fortwo.

15 Minuten von der Frankfurter Festhalle entfernt rollt in der Ballsporthalle beim Volkswagen-Konzernabend der sehenswerte Seat Leon ST auf die Bühne, der mit sehenswertem Design und einem üppigen Ladevolumen von 587 bis 1.470 Liter glänzt. Nicht weniger volumenträchtig der insbesondere für den VW Golf besonders gefährliche Skoda Rapid Spaceback oder der VW Golf Sportsvan, der das Seniorenvehikel Golf Plus ablösen wird. Alles Autos, die alsbald im Handel um die Gunst der Käufer werben. Wer meint, dass der Vorabend der IAA zu einem visionären Messevorspiel mutiert, sieht sich getäuscht - und zwar bei allen. Auch Volkswagen setzt auf die Elektro-Karte. "Wir starten zum genau richtigen Zeitpunkt. Wir elektrifizieren alle Fahrzeugklassen und haben damit alle Voraussetzungen, um den Volkswagen Konzern bis 2018 auch in Sachen Elektro zur Nummer Eins zu machen", erläutert VW-Chef Martin Winterkorn. Modelle wie der VW E-Golf und der elektrisierte VW E-Up sollen zeigen, dass BMW mit dem i3 nicht als einziger die kraftvoll grün blühenden IAA-Lorbeeren abgreift. Zumindest haben am Vorabend der Messe noch nicht alle Firmen ihren Rock vollends gelüftet. Eine Handvoll Neuheiten gibt es eben doch erst auf der IAA selbst zu bestaunen.
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Quelle: Autoplenum, 2013-09-09

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