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Testbericht

23. April 2012

Der Schwabe an sich ist schon ein Mysterium. Da wird er in der übrigen Republik als knausriger Kehrwochen-Pedant belächelt, der seine seltenen Gute-Laune-Anfälle ebenso geschickt für sich behält wie den hart erarbeiteten Wohlstand. Und ausgerechnet dieser Typ baut dann Autos wie das Porsche 911 Cabrio und den Mercedes SL 500 - Luxusikonen, nach denen sich Sportwagenfans rund um den Globus die Finger lecken. Allein beim Preis von 117.096 Euro für den neuen Mercedes SL 500 wird es jedem rechtschaffenen Häuslebauer schwindelig, zumal er seine 4,62 Meter Luxus an maximal zwei Insassen verschwendet. Diese sinken in flauschig weich gepolsterte Sessel mit einer ausgeklügelten Sitzheizung, deren Wärmeverteilung sich per Knopfdruck feinfühlig justieren lässt. Ebenfalls per Knopfdruck verschwindet das neue Kunststoff-Hardtop mit seinem Magnesium-Rahmen, ohne die Insassen schutzlos den Elementen auszuliefern: Seitenscheiben und Windschott leiten den Fahrtwind in hohem Bogen über das Cockpit. Wen es beim ersten Frühlingsausflug immer noch fröstelt, der schaltet mittels Nackenfön einfach eine Jahreszeit weiter. Die Argumente fürs Geschlossen-Fahren verkümmern so zu Ausreden.

Elitäres Gehabe ist dem Mercedes SL 500 zuwider Auf der ewigen Suche nach Perfektion haben sich die Mercedes-Tüftler selbst scheinbar Nebensächlichem gewidmet wie dem Scheibenwischer, der sein Spritzwasser direkt vors Gummi pumpt und damit Insassen und Hintermännern eine Dusche im Sprühnebel erspart. Dass dem Schwaben elitäres Gehabe zuwider ist, zeigt jedoch die Gestaltung der Instrumente und Lüftungsdüsen, die sich nicht wesentlich von denen einer bodenständigen Mercedes B-Klasse abheben. Überhaupt geizt der kräftig gewachsene Mercedes SL 500 mit Überraschungen. Seine Stammkunden dürften dies vermutlich nicht langweilig, sondern entspannend finden. So vertraut wie Urlaub über Jahre im gleichen Hotel. Mit Entspannung hat das Porsche 911 Cabrio so viel am Hut wie eine Grundausbildung bei den Fallschirmjägern. Schon die stramm sitzenden Sportschalen und das intim geschnittene Cockpit stimmen die Passagiere auf Adrenalinschübe ein. Knöpfe, die Auspuffklappen öffnen und Fahrdynamik-Programme anschärfen, steigern die Vorfreude ebenso wie die G-Force-Anzeige im ansonsten klassischen Cockpit. Beim Dach liegt das stoffbespannte Magnesium-Hardtop des Porsche 911 Cabrio inzwischen jedoch näher beim Mercedes SL 500, als es von außen den Anschein hat. Klangfarben fluten Cockpit des Porsche 911 Cabrio Doch auch beim Carrera S bleibt das Verdeck heute offen. Der Sound des 400-PS-Boxers soll das Cockpit schließlich mit all seinen Klangfarben fluten. Als Sauger legt der 3,8-Liter im unteren Drehzahlbereich tief grummelnd, aber milde los, um den 2 2-Sitzer ab 4.000/min schreiend anzupeitschen. Gut, dass unser Exemplar über PDK verfügt, das seine sieben Gänge blitzschnell und fast ohne Zugkraftunterbrechung nachlegt.

Ebenso faszinierend ist, mit welcher Entschlossenheit sich das Porsche 911 Cabrio auf Kehren stürzt, welch abnorme Seitenkräfte seine 245er-Walzen an der Vorderachse stemmen und wie selbstverständlich sich die nochmals 50 Millimeter breiteren Hinterräder mit dem Asphalt verbünden. Auf welliger Piste will das Steuer jedoch gut festgehalten werden, die feinfühlige Lenkung behält nämlich nichts für sich. Auch die straffe Federung teilt gern aus. So variieren die aufpreispflichtigen Dämpfer nur zwischen hart und extrahart. Mutige Aufpreislisten Ein Blick in die Aufpreisliste offenbart gleich noch zwei weitere Eigenschaften des Neckarvolkes: Mut und Geschäftstüchtigkeit. Obwohl knapp 120.000 Euro teuer, gehen selbst Tempomat und Sitzheizung extra. Der Gegenwert eines guten Kompakten ist da schnell investiert. In Sachen Aufpreisgestaltung steht auch der Mercedes SL 500 nicht allzu weit zurück, weitere Gemeinsamkeiten halten sich jedoch in Grenzen. Obwohl ihre Firmensitze im Maultaschen-Epizentrum nur acht Kilometer Luftlinie trennen, nähern sich Porsche und Mercedes aus gegensätzlicher Richtung dem Thema offener Sportwagen. Wer vom Porsche 911 in den Mercedes SL steigt, will erst einmal den Ton wieder anstellen. Im Leerlauf fast gar nicht zu hören, lässt sich der 435 PS starke 4,7-Liter-V8 selbst beim vollen Beschleunigen nur zu gemäßigtem Bollern hinreißen. Noch mehr beeindruckt die Wucht, mit der die 700 Nm des Biturbo über den Zweisitzer herfallen. Unabhängig von Drehzahl, Gang oder Geschwindigkeit: Ein Druck aufs Gaspedal, und der in Alu gegossene Glücksgenerator katapultiert den Mercedes SL 500 nach vorn.

SL muss Elfer nur in engen Passagen ziehen lassen Gut, dass der zweitürige Mercedes SL mit neuem Leichtbau-Spaceframe seine Kraft zu kanalisieren weiß. 125 Kilogramm weniger auf den Rippen als der Vorgänger sorgen – wie beim Menschen – für mehr Beweglichkeit. Das Baureihenkürzel für Super Leicht erklärt sich angesichts 1.785 kg Leergewicht allerdings nur historisch. Wer will, kann den XL-Athleten jedoch verblüffend flink und wankarm durch Kurven zirkeln und muss den Porsche 911 nur in engen Passagen ziehen lassen. Die weniger direkte Lenkung und viel mehr noch der für Sportwagen herausragend geschmeidige Federungskomfort sorgen jedoch automatisch dafür, dass es der Fahrer locker angeht, um sich genüsslich cruisend an der Landschaft zu erfreuen. Der gelassene Mercedes SL 500 und das unermüdliche Porsche 911 Cabrio kommen damit der Perfektion auf ihre ganz eigene Weise nahe. Hoffentlich war das jetzt nicht zu viel des Lobes. So etwas wird dem bescheidenen Schwaben nämlich schnell peinlich.

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Testwertung
3.5 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2012-04-23

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