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Testbericht

30. Mai 2014
Das Ziel ist eine Villa in Italien am Comer See. Zumindest war es das, als es in Stuttgart losging. Jetzt, da die neue Mercedes C-Klasse bereits seit zwei Stunden dem bald vierzigjährigen 450 SEL 6.9 vorausfährt, ist das nicht mehr ganz so klar. Es ist nicht mehr so leicht auf den Punkt zu bringen, weil sich mit jedem weiteren Kilometer in dem einen wie in dem anderen Auto unweigerlich eine Ahnung breitgemacht hat: dass die Bewegung womöglich viel schöner ist als das Ankommen. Und eigentlich ist mit dieser Ahnung, diesem Gefühl, das Ziel dieser Reise schon erreicht. Die Adresse am Comer See markiert letztlich nur einen Endpunkt, der sich in Koordinaten fassen und in ein Navigationsgerät eingeben lässt: Largo Spluga 1, 22100 Como, Italien. Das Haus zu dieser Adresse diente früher Gianni Versace als Atelier. Er gestaltete dort mit Blick auf das Glitzern des Wassers und das Schaukeln der Boote Stoffmuster und Krawatten. Seit 1998 unterhält Mercedes-Benz in der Villa Salazar eines seiner weltweit fünf Advanced Design Center. Dort geht es weniger um reine Stilfragen und Formales. Sondern darum, wie sich Luxus, Komfort und Funktionalität modern interpretieren und im Innenraum eines jeden Mercedes gestalterisch umsetzen lassen. Zum Beispiel in der neuen Mercedes C-Klasse.

Mercedes C-Klasse zum ersten Mal mit Luftfederung Die weist ihrem einst wegweisenden Ahnen nun den Weg nach Como. Es schüttet, als solle die Welt untergehen, das Grau der Wolken hängt dunkel bis fast auf die Straße, und immer wieder verschlucken die dichten Regenschleier das helle Silberblau und die mit Breitbandscheinwerfern und flachem Kühler noch immer beeindruckend autoritäre Front des W116. Als bestes Auto der Welt ist die S-Klasse der Siebziger einst apostrophiert worden, heute fährt sie der C-Klasse hinterher. Das lässt sich auch symbolisch verstehen. Zum Beispiel als eine Art Demokratisierung von Technik und Komfort. Zum ersten Mal nämlich rollt die Mercedes C-Klasse – wenn gewünscht – mit Luftfederung, noch dazu elektronisch einstellbar. Der ehrwürdige 450 SEL 6.9 dagegen gleitet auf einer Hydropneumatik. Und zwar genau so, wie man es von einem Wagen dieser Größe erwarten darf. Ruhig und unaufgeregt. Das überträgt sich ans Steuer als Gewissheit, dass Tempo nichts mit Eile zu tun hat und Stärke nichts mit Kraftmeierei. Es ist die Aura des Souveränen, die den sanft dahingleitenden 6.9er begleitet. Er war, ab 1975 nur 7.380 Mal gebaut und mindestens 70.000 Mark teuer, ein Auto für wenige. Er war ein rollendes Chefzimmer und als Palast auf vier Rädern zugleich Verkörperung und Repräsentant des Elitären, monumentaler Ausdruck einer Oberklasse, die dieses Prädikat nicht allein aufs Automobile beschränkt wissen wollte. Damals ohne Zweifel ein Auto für Angekommene, sicher keines für Abgefahrene. So leicht hat es die neue Mercedes C-Klasse nicht mehr. Sie muss und sie kann beides sein. Weil es ihr gelingt, solche Gegensätze zu überbrücken. Abgefahren, angekommen: Wichtig ist das Dazwischen. Und vielleicht ist ja dieses Empfinden der größte Komfort, den die neue Mercedes C-Klasse überhaupt bieten kann. Sie kombiniert fast alle Annehmlichkeiten der Oberklasse mit den lockeren und zwanglosen Umgangsformen eines Autos, das sich einer fest gefügten oder althergebrachten Ordnung eben nicht unterwerfen, sondern vielmehr eine eigene etablieren möchte. Zu ihr passt die Förmlichkeit des gedeckten Anzugs so gut wie Jeans und Turnschuhe.

Mercedes C-Klasse bietet "Comfort"-Einstellung für die lange Reise Kein fauler Kompromiss, beides geht in der Mercedes C-Klasse. Etwa so, wie sich über den Agility-Schalter in der breit aufsteigenden Mittelkonsole Fahrverhalten und Charakter des Wagens der persönlichen Laune oder dem Zustand der Straßen anpassen lässt. Mal softer, mal straffer, mal relaxter, mal ambitionierter. Begleitet vom schlechten Wetter und einer Menge Verkehr unterwegs Richtung Como, bleibt die Einstellung auf "Comfort" in der Mercedes C-Klasse. Das passt am besten, selbst als sich die Passstraße hinter Splügen in engen Kehren rauf ins Weiß frisst. Oben am Schlagbaum zu Italien türmt sich der Schnee bei zwei Grad über null noch immer drei Meter hoch neben dem Asphalt, und nachdem nur kurz mal die Sonne zu sehen war, verliert sich die Gegend 50 Meter vor den Scheinwerfern nun wieder in einem einzigen diesigen Nebelnichts. Erst in Chiavenna taucht sie wieder auf. Dort muss der SEL so langsam mal an die Tankstelle, obwohl er sich nicht wirklich hat ins Zeug legen müssen. Aber Anstrengung scheint dem Achtzylinder, egal was man gerade von ihm will, ohnehin fremd. Sie verliert sich irgendwo im Volumen von beinahe sieben Litern Hubraum oder wird aufgelöst in gut 20 Litern Sprit auf 100 Kilometern, wenn man es im 6.9er tatsächlich einmal eilig haben muss. Mit derselben Menge Diesel käme die neue Mercedes C-Klasse fast vier Mal so weit. Nur weil einem der Wagen mit allem möglichen Entgegenkommen von Innenraumbeduftung und Luftionisierung, Sitzventilation, Touchpad und Head-up-Display bis hin zu den Assistenzsystemen des Intelligent Drive dann doch nicht alle menschlichen Bedürfnisse erfüllen kann, geht es auch mit der C-Klasse nicht ohne Pause bis runter an den Südzipfel des Comer Sees.

Villen, Reiche und Rentner am Comer See An dessen Ufern lassen die steil aufragenden und dicht von Bäumen bestandenen Hänge den Ortschaften nur wenig Platz, sich auszubreiten. Wir fahren mit der Mercedes C-Klasse die eng anliegende Straße am Wasser entlang, immer wieder führt sie an der Westseite vorbei an malerischen Villen.Viele verstecken sich inmitten von Parks, andere, wie die Villa del Balbianello in Lenno, stehen auf kleinen Halbinselchen. Reiche und Schöne und Prominente kommen genauso gern nach Menaggio, Varenna, Tremezzo, Laglio, Bellagio oder Cernobbio wie die Rentner, die zwischen Kamelienduft, Kulturgeschichte und Cappuccino noch ein bisschen mehr Leben und ein bisschen weniger Abend spüren wollen. Die Gegend macht es einem leicht. Und wem es direkt am See zu rummelig wird, findet in der nahen Alta Brianza oder dem Kleinen Tibet der Lepontinischen Alpen Ruhe.

Mercedes C-Klasse mit großen Wohlfühlfaktor Oder im 450 SEL 6.9. Schwer wie die eines Tresors schließt die Tür und trennt die Hektik draußen von der Ruhe der ersten Mercedes S-Klasse, anders als bei der Mercedes C-Klasse. Die S-Klasse ist möbliert mit poliertem Holz und der Kuscheligkeit hochflorigen Velours. Und nur weil durch die großen Scheiben genug Licht hereinfällt, schneidet einen diese Wohlfühlatmosphäre nicht völlig ab von der Außenwelt. Das Steuer steht einem wie ein Riesenrad auf dem Schoß, die Lenkung schwimmt um die Mittellage ein bisschen. Das darf sie nach immerhin 645.000 Kilometern, so wie die Polsterfedern ihren Besitzer dezent anknarzen, während der eine Haltung einnimmt, die weniger als Sitzposition zu beschreiben ist denn als Ausdruck eines souveränen, herrschaftlichen Habitus. Ist das zu viel gesagt? Nein, es entspricht dem Selbstverständnis, das der 6.9er nährt. Auch mit der Macht seiner Maschine. Bei entsprechender Zurückhaltung auf dem Gas erzählt die VDO-Uhr unterm Drehzahlmesser lauter von ihrer Quarz-Zeit als der Achtzylinder von seiner Kraft. Der Luxus, sich in Gestrigkeit verlieren zu können, macht heute den besonderen Reiz der ersten S-Klasse aus. Für die aktuelle Mercedes C-Klasse ist es die Annehmlichkeit, aus dem Hier und Jetzt gar nicht wegzuwollen. Weil sie in Wohlfühlfaktor und Stil der Gegend um Como in nichts nachsteht, ob sie nun auf engen Sträßchen durch die Orte am Ufer rollt, vor abendlicher Kulisse der Stadt direkt am Wasser parkt oder hinter ein paar Palmen im Innenhof der Villa Salazar. Sie passt ins Bild. Um das zu beschreiben, bemüht Till Varailhon, als Interior Designer maßgeblich am Innenraum der neuen C-Klasse beteiligt, ein weiteres. Von Komfort spricht Varailhon, von Wertigkeit und Materialität, von Ergonomie und der Bedeutung kleiner Details, dann sagt er: "Es ist, als sei man bisher Economy gewöhnt, und plötzlich bietet die einem aber das Niveau der Business-Klasse." Dieses Niveau hatte die S-Klasse schon immer. Die neue Mercedes C-Klasse bietet zwar nicht deren Maße. Über ihr Format allerdings sagt das nichts. Dass der W116 ihr auch auf dem Weg zurück nach Stuttgart hinterherfährt, sagt schon genug. Man kann es aber auch so sehen: Der Alte hat die Größe, ihr den Vortritt zu lassen.

Como und der See Der Comer See, 51 Kilometer lang und gut vier Kilometer breit, ist der drittgrößte der oberitalienischen Seen. Eine Menge Promis wie Madonna oder George Clooney haben hier ein Feriendomizil. Die mit rund 85.000 Einwohnern größte Stadt am Lario ist Como, Die Berge um den See steigen bis über 2.000 Meter Höhe.
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Quelle: auto-motor-und-sport, 2014-05-30

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