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Testbericht

29. Februar 2016
Das Infotainment-System als solches trägt nicht zwangsläufig zum erlebten Fahrspaß in einem Automobil bei, zumindest wenn der Fahrer es als solches begreift. Bei Kalibern wie dem Mercedes-AMG SL 63 sieht das allerdings etwas anders aus. Warum? Nun, da das Comand-System jetzt serienmäßig über eine SIM-Karte verfügt (wie viele Jahre nach der Konkurrenz aus München eigentlich?), signalisiert es in Echtzeit, welche Straßen freie Fahrt bieten und welche nicht.Und freie Fahrt ist genau das, was du brauchst, wenn du dich in den dick gepolsterten Mulitikontur-Sessel fallen, die Tür zu ziehst und den Startknopf drückst. Dann fallen gewaltige Bass-Lawinen aus den vier Endrohren, schwer rasselnd atmet das doppelt aufgeladene V8-Triebwerk mit 5,5 Litern Hubraum. Es hat die Modellpflege überlebt, dürfte also erst in der nächsten Generation des luxuriösen Zweisitzers zugunsten des effizienteren Vierliter-Aggregates ausgetauscht werden.Wie auch immer, jetzt ist dicke Hose. Der Testwagen steht auf mattschwarzen Schmiederädern mit Mischbereifung - vorne 19, hinten 20 Zoll - die mal eben knapp 2.800 Euro extra kostet. Dazu kommt noch das Performance-Fahrwerk für 1.785 Euro, das zwei Dämpferkennlinien bietet.

Mercedes-AMG SL 63: Fünf Fahrprogramme
Tatsächlich serienmäßig liefert Mercedes fünf verschiedene Fahrprogramme, von Comfort bis Race, deren wesentliche Aufgabe darin besteht, die Grunddramatik des über 1,8 Tonnen schweren SL noch etwas aufzubauschen. Grunddramatik? Jep, denn die AMG-Variante lässt bereits ab den ersten gefahrenen Metern spüren, dass sie nicht nur kuscheln will.Sollen doch SL 400 und 500 im Bett die Socken anbehalten, der 63er zieht blank. Bereits im Comfort-Modus rollt er herb ab, das 585 PS starke Triebwerk giert nach Gaspedalbewegungen, das maximale Drehmoment von 900 Nm lauert, wartet auf den richtigen Moment zum Angriff. Der kommt schnell, für unerfahrene vielleicht zu schnell, denn bei 2.250/min herrscht Alarm, Vollalarm. Gut, dass die Regelelektronik schnell und rigoros zupackt. Wer es sich traut, der kann gerne den Sport-Handling-Modus wählen und wer gerne morgens vor dem Frühstück eine Runde mit dem Wingsuit durch die Alpen saust, kann das ESP ganz abschalten. Dann hilft nur noch das nun serienmäßige mechanische Sperrdifferenzial, die Gewalt des Achtzylinders zu kanalisieren. Jetzt wäre eine Rennstrecke prima, um ein bisschen spielen zu gehen, doch die ist gerade nicht in Sicht. Ohnehin dürften sich wohl die wenigsten AMG-SL bei Trackdays wiedertreffen, obwohl sie sich vermutlich gar nicht so dusselig anstellen würden. Der Zweisitzer wirkt sehr steif, lenkt agil ein, bietet dabei eine gute Rückmeldung, die Haltekräfte passen. Ja, anderswo arbeitet die Lenkung vielleicht noch feinfühliger, aber anderswo ist nicht Hubraum. Und der ist immer im AMG, wirklich immer.

Kraft vor Agilität im Mercedes-AMG SL 63
Will sagen: Hier ordnet sich die Agilität der Kraft unter und nicht umgekehrt. Also Vorsicht mit dem rechten Fuß, den Mercedes immer schön unter Zug halten, aber nur leicht progressiv beschleunigen. Und bei dem ganzen In-die-Kurven-rein-und-wieder-heraus-knallen nicht vergessen, jeden Gangwechsel zu genießen. Akustisch natürlich, wie gehabt, weil jeden Arbeitsgang des umgestrickten Siebenstufen-Automatikgetriebe von archaischen Zwischengas-Schnalzern begleiten.

Beschleunigt schneller
Aber auch deshalb, weil eine neu programmierte Elektronik nun die Reaktionszeiten auf Schaltbefehle verkürzt und eine leistungsfähigere Hydraulik die Gangwechsel eindampft. Damit soll sich übrigens die Zeit für den Sprint von null auf 100 km/h von 4,2 auf 4,1 Sekunden verkürzen, was eigentlich ziemlich wurscht ist. Also: Anbremsen (klappt ziemlich dosiert, aber bitte vor dem Einlenken fertig werden, sonst kann Untersteuern folgen), dann runterschalten, einlenken, wieder ans Gas, sich wundern, dass die Seitenneigung so gering bleibt (ach ja, das aktive Fahrwerk) und gefühlvoll herausbeschleunigen, vielleicht garniert mit gaaanz sachtem Leistungsübersteuern, so dass du noch in deiner Fahrspur bleibst.Mit geöffnetem Dach gerät das alles erst Recht zur großen Gaudi, Windschott und Seitenscheiben dürfen dabei ruhig unten bleiben, der Ästhetik wegen. Na gut, und ein bisschen auch der Männlichkeit wegen. Die hohe Gürtellinie und die stark geneigte Frontscheibe sorgen ohnehin für eine sturmfreie Zone hinter dem Lenkrad. Ach ja, das Verdeck öffnet und schließt jetzt selbst dann, wenn der SL schon 40 km/h schnell ist. Seltsam jedoch, dass du vorher anhalten muss, um die Prozedur starten zu können. Die automatische Betätigung der Kofferraumabdeckung erscheint da schon wesentlich durchdachter. Schluss damit jetzt, auf der Navikarte locken ziemlich viele grüne Nebenstraßen. Es kostet übrigens nichts extra. Na gut, dafür will Mercedes-AMG für den ganze SL 63 mindestens 161.691 Euro. Und 25 Cent.
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Testwertung
4.5 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2016-02-29

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