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Testbericht

25. Juli 2012

Das Mittelmeer patscht träge an die Hafenmole von Messina, als ein Fähreinweiser auf uns zuschlurft. Er trägt eine Warnweste, am Gürtel quakt ein Walkie-Talkie – zwei Insignien, deren Besitz zur Übernahme weisungsbefugter Aufgaben qualifiziert – und informiert lächelnd über den eher vernachlässigbaren Grund der Verzögerung: "Your ship isä in a little havaria." Willkommen in Italien, Lancia Flavia Cabrio. Fahrtwind pustet wie ein Fön in das Lancia Flavia Cabrio Obwohl es bei Chrysler im Werk Sterling Heights/Michigan vom Band läuft und es nur Embleme vom Chrysler 200 Cabrio unterscheiden, fühlt sich das Lancia Flavia Cabrio als Italiener. Deshalb wollen wir ihm seine neue Heimat zeigen. Ein Land, in dem oft erst mal nichts funktioniert, am Ende aber doch alles gut wird. Auch wenn wir daran nicht ganz glauben, als die "Fata Morgana" schließlich in den Hafen schippert und weniger vor, sondern hauptsächlich mittels der Kaimauer bremst.

Wir fragen nicht nach Ursache oder Wirkung der "little havaria", weil Unwissenheit vor Sorge schützt, und rollen mit dem Lancia Flavia Cabrio aufs Deck. Es dauert, bis die Fähre loskommt. Alle trödeln, bis genug getrödelt ist, um in Hektik verfallen zu können. Dann wird viel geschrien, armgewedelt. Die 40 Minuten lange Strecke schafft der Kapitän in einer halben Stunde. Wir ankern in San Giovanni, Kalabrien, am Festland. 700 km bis Rom. "Scusi, ich dachte, Ihnen gehört der Porsche" Italien glüht im Hochsommer. Der Fahrtwind pustet wie ein Fön in das Lancia Flavia Cabrio. Sein Stoffverdeck hat sich mit großer Geste und sachter Eile geöffnet und nimmt nun für sich den größten Teil des Kofferraums in Anspruch. Zwar bleibt für vier Passagiere genug Platz, doch der Flavia ist mit 4,95 Meter das längste Cabrio diesseits eines Rolls-Royce Phantom Drop Head Coupé. Und dafür reist es sich gedrängt. Von der Tatsache, dass ein Auto in Italien nicht kurz und schmal genug sein kann, ganz abgesehen. Wir schunkeln im Lancia Flavia Cabrio die Küste Kalabriens entlang, fädeln uns Pässe hinauf, deren Spitzen sich in die Wolken recken, wummern durch Tunnel, die Berge durchbohren, queren Abgründe, die wagemutige Viadukte überspannen. Als die Sonne im Westen ins Mittelmeer plumpst, suchen wir ein Hotel. Der Hotelier bedient uns mürrisch, sein Englisch ist so schlecht wie unser Italienisch, bis er uns auffordert, ihm den Wagenschlüssel über Nacht anzuvertrauen. Er sieht das Lancia-Wappen auf dem Anhänger, sein Gesicht hellt sich auf, und er sagt in perfektem Deutsch: "Sie sind das mit dem Lancia? Scusi, ich dachte, Ihnen gehört der Porsche. Brauchen Sie eine Mehrwertsteuer-Auflistung?" 500 km bis Rom.

Nach einem Cappuccino am sehr frühen Morgen und der etwas enttäuschenden Erkenntnis, dass keiner auch nur versucht hat, das Lancia Flavia Cabrio zu klauen, fahren wir auf die A3, einer als Autobahn getarnten Großbaustelle. Der Flavia hechelt die leger limitierten Anstiege hinauf, die Automatik schlupft konfus durch ihre sechs Stufen. Manuelle Eingriffe variieren nicht das Tempo, nur das Geräuschniveau. 170 PS sind etwas sparsam für das knapp 1,8 Tonnen schwere Cabrio. Klimaanlage kühlt nicht – sie frostet Wir stoppen an einer Raststätte. Wie an jeder kümmert sich hier ein Tankwart ums Auto, brodelt drinnen ein Barrista Espresso. In Details zeigt sich der Stil eines Landes. Statt Kaffee in papierkorbgroßen Pappbechern ins Auto zu nehmen, trinkt man aus feinen Porzellantassen einen schnellen Cafe an der Bar. Dann geht es weiter im Lancia Flavia Cabrio, die zerfurchte Autostrada flirrt in der Hitze. Der Weg zieht sich. 300 km bis Rom. Zu heiß, um offen zu fahren. Dach zu, Klimaanlage an. Sie kühlt nicht – sie frostet. Weit hinter Neapel verlassen wir mit dem Lancia Flavia Cabrio die Autostrada, wechseln auf die Via Appia. Sie eskortiert das Meer, schwingt sich sachte Täler hinab oder schroffe Berge hinauf. Unten liegen Strände mit streng aufgereihten Strandliegen. Eine absurde Ordnung, weil Regelungswut so gar nicht zu Italien passt. Hier darfst du alles. Wobei die Tatsache, dass dies auch für alle anderen gilt, mitunter zum Problem wird. 150 km bis Rom. Ein Schwarm Vespas schwirrt um das Heck des Flavia, als wir den steilen Berg nach Cori erklimmen. Für italienische Kleinstädte ist das sperrige Lancia Flavia Cabrio maximal untauglich. Ständig droht es, sich in engen Gassen zu verkanten oder mit seinem mopsigen Heck kleine Kapellen abzuräumen.

Lancia Flavia Cabrio erweckt keine Aufmerksamkeit Wir parken das Lancia Flavia Cabrio auf der Piazza. Auf Bänken sitzen alte Männer im Schatten der Bäume und schweigen über Gott und die Welt. Der neue Lancia wird erkannt. Aber die Grenzenlosigkeit der Begeisterung für den Flavia – ähm, hält sich in engen Grenzen. Doch keiner mosert, dass ein Chrysler als Lancia verkauft wird. Bei uns jammern die Markenfans, dass die Marke nicht mehr ist, was sie mal war. Womöglich wissen die Italiener, dass sie schon lange nicht mehr so viel ist. Sie sehen den Flavia als die letzte so vieler allerletzter Chancen für die Marke, sich neu zu erfinden – und zu überleben. Während viele Lancia oft grandios aussahen, aber nicht funktionierten, ist es beim Flavia anders. Er funktioniert. Nein, A5 Cabrio oder E-Klasse Cabrio bekommen mit dem Lancia Flavia Cabrio keinen ebenbürtigen Gegner – zu träge im Handling, zu ungeschliffen bei Fahrwerk, Verarbeitung und Komfort. Aber es ist ein erfreuliches, entspanntes Cabrio. Der Wind fächelt wuschelig durchs Haar, nur auf schlechten Straßen – also allen italienischen – verwindet sich der Flavia. Mit seiner vorhersehbar exklusiven Verbreitung und der reichhaltigen Ausstattung hält er zwei der Versprechen, für die Lancia steht. Wir kurven die engen Serpentinen von Cori hinunter, zurück zur Landstraße. 70 km zum Kolosseum. Rom fiebert bei 39 Grad. Für eine Weltmetropole, eine italienische noch dazu, gelingt es enttäuschend einfach, ins Zentrum vorzudringen – trotz hysterischer Stauwarnungen des Navis. Aber wir bewundern es für seine Italienischkenntnisse. So spricht die Dame "Rechts abbiegen auf Pzzdclsm." Sie meint die Piazza del Coloseo, wo das flavische Amphitheater seit längerem leersteht. Wir umkreisen die vor 1940 Jahren erbaute Ellipse ein paar Mal mit dem Lancia Flavia Cabrio – trotz aller Bemühungen erregen wir damit kein Aufsehen. Nicht mal bei den Carabinieri, als wir auf der Busspur fotografieren. Ist Sache der Policia Stradale, und die hat Mittag. Wir müssen los und den Flavia Cabrio abgeben. Später, als wir am Flughafen auf unsere Maschine warten, die sich verspätet, denken wir uns, dass italienisch vielleicht keine Frage der Nationalität, sondern der Einstellung ist. Willkommen daheim, Lancia Flavia Cabrio.

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Testwertung
3.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2012-07-25

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