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Testbericht

Stefan Grundhoff, 10. September 2015
Am kommenden Dienstag öffnet die Internationale Automobil Ausstellung in Frankfurt zum 66. Mal ihre Tore. Doch selbst die Millionenaufwände der Firmen können nicht überspielen, dass sich Messen wie die IAA längst überholt haben.

Nach wie vor sind die großen Automessen eine Leistungsschau der Autoindustrie. Bestes Beispiel ist die IAA, die in Europa die größte ihrer Art ist und sich im Zweijahresrhythmus mit dem Pariser Automobilsalon abwechselt, der in den geraden Jahren an die Seine einlädt. Auf keiner internationalen Automesse ist der finanzielle Aufwand der meisten Firmen größer; dabei wird der Neuigkeitswert auch auf der IAA immer dünner. Echte Neuheiten muss man in den überfüllten Hallen rund um den Messeturm mit der Lupe suchen. Es geht längst nicht mehr um Autos. Im Vordergrund steht die Eigendarstellung der Aussteller. Die bekanntesten Neuheiten der Frankfurter IAA wurden bereits in den vergangenen Tagen, Wochen oder sogar Monaten vorgestellt.

Was waren das für glorreiche Autozeiten, als die Messe Motorama in den 50er Jahren durch die USA und die Menschen mit Fahrzeugen und Innovationen fesselte. Wenn eine Motorama in eine amerikanische Stadt kam, gab es kein Konkurrenzprogramm. Vater, Mutter, Kind und die Großeltern - da musste jeder hin. General Motors hatte Motorama im Jahre 1949 ins Leben gerufen und so die Idee von Alfred P. Sloan weiterentwickelt, der technische Innovationen seit den 30er im Hotel Waldorf Astoria der Öffentlichkeit nahebrachte. Die amerikanische Bevölkerung sollte nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Lust auf Autos bekommen. So wurden nicht nur Neuheiten, sondern insbesondere auch Studien, Prototypen oder spektakuläre Einzelstücke in Szene gesetzt. Bei der Erstauflage nach dem Zweiten Weltkrieg kamen bereits mehr als 600.000 Besucher. Nach dem lokalen Erfolg ging Motorama ab 1953 auf Tour durch die Vereinigten Staaten. US-Klassiker wie die Corvette, Cadillac Le Mans oder die Fiberglas-Modelle wurden so zu Legenden. Das Publikum strömte und kaufte in den Wochen danach bei lokalen Händlern die Neuheiten.

Wenn die IAA in der kommenden Woche ihre Tore für die Presse, Fachbesucher und Publikum öffnet, sieht das ganz anders aus. Die Bedeutung der großen Messen wird von der Autoindustrie allzu künstlich am Leben erhalten. Echte Neuheiten auf den Messen sind in Anbetracht des gigantischen Finanzaufwandes dünner denn je. Da trifft auf alle großen Messen wie in Detroit, Genf, Paris, Shanghai / Peking, Los Angeles, Tokio oder eben die Frankfurter IAA allesamt zu. Die Messestars heißen diesmal Audi A4, BMW 7er, Mercedes S-Klasse Coupé, VW Tiguan, Renault Talisman, Kia Sportage, Rolls-Royce Dawn und Bentley Bentayga. Natürlich sind auch der Opel Astra, Jaguar F-Pace, Toyota Prius oder Renault Megane wichtige Modelle. Doch von keinem dieser Prachtstücke wird auf der Messe selbst noch das Tuch gezogen. Das Risiko ist den Herstellern viel zu groß, dass der vermeintliche Messestar auf der Frankfurter Leistungsschau untergeht und damit im medialen Aufmerksamkeitsnirwana verschwindet. Am längst hält sich noch Volkswagen zurück, die ihre zweite Tiguan-Generation bis zum Konzernevent am Vorabend der Messe bedeckt halten. Alles andere ist zumeist kalter Kaffee. Informationen, Fotos oder technische Details gingen schon vor Wochen durch die breite Öffentlichkeit.

Braucht man in Zeiten von TV, allgegenwärtigem Internet und grenzenloser Informationen für diese Handvoll Neuheiten eine Messe? Wohl kaum. Dabei wird der Aufwand der Firmen immer größer. Die großen Hersteller planen bis zu zwei Jahre im Voraus am nächsten Messeauftritt. Ein beeindruckender Messestand, die neuen Fahrzeuge, technische Innovationen und Choreographie der Präsentation werden zusammen mit inhaltsleeren Vorstandsreden millimetergenau aufeinander abgestimmt; auch wenn die echten Neuheiten immer dünner werden. Trotzdem verschlingen Messeauftritte in Peking, Tokio, Paris oder Genf - insbesondere aber in Frankfurt - oftmals zweistellige Millionenbeträge. Zu Zeiten der Finanzkrise strich schon einmal der ein oder andere Hersteller seinen Messeauftritt. Doch in Frankfurt fehlt fast nur Volvo, das sein Klientel wohl ehrlicher als die meisten anderen abseits des Messespektakels sucht.

Als General Motors auf seiner Motorama-Show des Jahres 1954 erstmals ein Modell wie den Chevrolet Corvette Nomad Concept Station Wagon auf dem Präsentierteller drehen ließ, jubelte das Publikum auf. In Serie ging die Konzeptstudie wie viele andere nie. Doch als Imageträger und Stimmungsmacher kennen das Einzelstück noch heute viele. Kein Wunder, dass bei vielen Messemodellen auch heute schon Monate vorher feststeht, dass diese nur als Messe-Kanonenfutter taugen. Längst dienen die Messen nicht mehr als automobile Leistungsschau, sondern als reisende Visitenkarten des Konzerns. Anders sind gigantische Auftritte wie das auf der Agora der Frankfurter Messe gelandete weiße Audi-Raumschiff, eine gigantische BMW-Halle mit zwei Etagen oder die gigantische Umgestaltung der Festhalle Frankfurt durch den Daimler-Konzern kaum zu erklären.

Perfekter als alle anderen hat die Außendarstellung mittlerweile der Volkswagenkonzern umgesetzt. Nachdem es mit der Messegesellschaft in Genf vor Jahren Probleme um die Zeiten für die eigenen Pressekonferenzen gab, zog Volkswagen mit seinem gigantischen Mehrmarkenkonglomerat einfach seine eigene, alles andere als kleine Show für die Presse und geladene Gäste auf. Der Erfolg war so gigantisch, dass die wichtigsten Automessen der Welt am Vorabend mittlerweile eine eigene kleine Megashow haben, in der sich die Markenableger wie Volkswagen, Audi, Porsche, Lamborghini, Seat, Skoda, Bentley oder Bugatti ohne jeden Konkurrenzdruck bereits vorab stilecht präsentieren können. So sieht Motorama im dritten Jahrtausend aus.

Statt der klassischen Shows zieht es die Firmen dagegen mehr auf anderes, bisher weitgehend unbekanntes Messeterrain. Auf der Suche nach einer neuen Kundenansprache werden Messen wie die Consumer Electronic Show (CES) in Las Vegas, die Möbelmessen in Norditalien oder die New York Fashion Week immer wichtiger. Autos sind hier nicht mehr als schmückendes Beiwerk, doch man präsentiert sich in einem anderen, ungewöhnlichen Umfeld; bestenfalls mit Anspruch, Ambiente und Charme. Kein Wunder, dass Mercedes seit Jahren ein festes Standbein bei Modemessen hat und selbst die Mikromarke Bugatti auf der Mailänder Modewoche eine Herbst- / Winterkollektion vorstellt. Immer größer werden automobile Messeauftritte auf der CES in Las Vegas. Hierbei geht es weniger darum, in der Szene der IT-Nerds neue Kunden zu gewinnen. Vielmehr präsentieren sich die internationalen Hersteller mit technischen Innovationen wie Laserlicht oder autonomem Fahren als zukunftswillig und visionär.

Bleibt abzuwarten, wie lange Automessen noch hunderttausende von Besuchern begrüßen können. Immerhin hat die Messe Frankfurt die Zeichen der Zeit erkannt. Kinder bis sechs Jahre kosten keinen Eintritt und auch sonst sind die Tickets mit 4,50 bis 14 Euro nicht allzu teuer. Die Publikumstage sind Samstag, 19. September, bis Sonntag, 27. September, jeweils 9 bis 19 Uhr. Und vielleicht kommen dann neben den Elektrostudien von Audi oder Porsche noch ein paar weitere Überraschungen.
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Quelle: Autoplenum, 2015-09-10

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