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Testbericht

14. Dezember 2016
Das waren noch Zeiten! Frisch den Führerschein in der Tasche, die ansonsten gähnend leer war. Doch der monetären Flaute wurde mit Low-Budget begegnet, im rostigen Suzuki SJ 410 an den Gardasee, Camping La Rocca bei Bardolino. Drei Mann im Zweimannzelt, Tütensuppe und Dosenbier. Camping-Klischee aus dem Bilderbuch.Und dann, zapp!, beamt es mich in die Neuzeit. Campen im Dezember, mitten in einem Skigebiet. Der Unterschied könnte größer nicht sein. Denn statt des Wegwerfzelts vom Discounter wartet eine Zwei-Personen-Luxus-Suite, auf 23 Grad Raumtemperatur klimatisiert, romantisch beleuchtet, voller Kühlschrank und betriebsbereite Kaffeemaschine.

Teilintegrierter Luxus
"Teilintegriert“ nennen es die anwesenden Damen und Herren von Hymer, "Luxusbunker“ denke ich mir beim Eintreten. Denn schon dieser Vorgang ist von gewissem Überfluss gekennzeichnet, genügt doch ein Knopfdruck, um ein Alu-Trittbrett – surr – aus dem Wagenboden zu fahren und damit den Zustieg zu erleichtern. Wir werden alle nicht jünger.Auf knapp sieben Meter Länge bringt der Hymer ML-T 580, so der wenig romantische Name meines Kurzzeit-Domizils, eine komprimierte Wohnwelt für zwei Personen unter: Zwei Längsbetten im Heckbereich auf einem Podest (darunter befindet sich eine beachtlich große Garage), ein Toilettenraum mit Dusche und Waschbecken, eine kleine Kitchenette mit Spüle und dreiflammigem Gasherd. Und der eingangs erwähnte beachtliche Kühlschrank samt großem Gefrierfach. Wohnmobilcamper, vermute ich, haben gerne Notfall-Vorräte.Den fahrbaren Unterbau für den ML-T holt sich Hymer fast aus der Nachbarschaft, man spricht schwäbisch. Der aktuelle Mercedes Sprinter liefert Fahrgestell und Fahrerhaus. Und damit auch die vergnügliche Möglichkeit, den Allrad-Antriebsstrang beim Bestellen des Hymer ML-T anzukreuzen, bei Bedarf auch mit zuschaltbarem Untersetzungsgetriebe. Und schon wird aus dem Schmusekasten ein schlechtwegetauglicher Abenteurer.

Übernachten bei Minusgraden
Doch vor dem Spaß auf der Piste steht die Übernachtung im Ötztal. Wobei das mit dem Tal relativ ist, der Campingplatz in Sölden liegt auf rund 1.400 Meter Höhe. Vor der Womo-Tür pfeift der Wind bei Minusgraden, drinnen fehlt eigentlich nur noch der offene Kamin zur perfekten Vorstellung. Per Drehregler wird das persönliche Wohlfühlklima eingestellt, dank kompletter Isolierung und beheizten Wassertanks steht der warmen Dusche vor dem Candle-Light-Dinner nichts im Wege. Hymer legt darauf Wert, dass der ML-T bereits ab Werk winterfest ist. Die genannten Features und pfiffige Detaillösungen wie der Warmluft-"Vorhang“ vor der Windschutzscheibe und die hinterlüfteten Möbel sorgen für zugfreie Wärme, selbst die Duschwanne ist beheizt. Und Kunden, die den Polarkreis zu ihrem bevorzugten Reiseziel erklärt haben, dürfen auch noch eines der beiden "Arktis“-Optionspakete bestellen. Welches unter anderem einen Isoliervorhang zum Fahrerhaus und, bitte festhalten, eine Fußbodenheizung in das Einzimmer-Appartement bringt. Ist das tatsächlich noch Camping? Der Definition nach sicher, doch die Grenzen zum "Glamping“ sind fließend. Denn dieses "Glamouröse Camping“ ist Trend, was nicht zuletzt auch bei Hymer anhand kräftig steigender Absatzzahlen registriert wird. Eines steht jedenfalls nach der kuscheligen Nacht bei klirrender Kälte fest: Ein Hotelzimmer brauchen Besitzer des ML-T 580 ganz sicher nicht, auch nicht bei Eis und Schnee.

Camping oder Glamping?
Was als Stichwort zu Teil 2 der Wintererprobung am darauffolgenden Tag genutzt werden kann, denn der Sprinter 4x4 mit seinem aufgesetzten Glamping-Appartement musste noch einmal rund 1.100 Meter weiter hinauf. Dort, auf der im Winter eigentlich gesperrten Timmelsjoch-Hochalpenstraße, mit fiesen Eisplatten und schneebedeckter Fahrbahn, ging es bis zur italienischen Grenze empor. Der winterbereifte Sprinter zuckt noch nicht einmal beim heftigen Gasgeben aus dem Stand, bleibt spurtreu in der Bahn und umrundet die engen Kehren ohne auszubrechen.Der Sprinter-Allrad, per Knopfdruck aktiviert, arbeitet etwas unkonventionell mit einer asymetrischen Kraftverteilung. Es gehen stets 35 Prozent der Antriebskraft auf die vordere und 65 Prozent auf die hintere Achse. Auffällig ist dies nur in Extremsituationen, wenn auf tiefem Untergrund und starker Steigung "gegraben“ wird. Im normalen Einsatz hingegen lässt sich kein deutlicher Unterschied zu einem variabel verteilenden Allradantrieb herausfahren. Für die bemerkenswerte Performance auf glattem Untergrund sorgt auch das adaptive ESP des Mercedes, welches sich über entsprechende Sensorik auf die Lastverteilung einstellt und den schweren Wagen (4,2 Tonnen Maximalgewicht) sauber in der Spur hält.

Der Hymer ML-T ist sieben Meter lang
Dennoch ist es natürlich immer noch ein ziemliches Trumm von Auto. Sieben Meter lang, 2,20 breit und fast drei Meter hoch – das fährt sich auch mit dem allertollsten ESP nicht wie ein Kart. Tatsächlich ist es jedoch eher das Fahrgefühl mit einem Touch vom Kapitän zur See, welches übertrieben engagierter Kurvenfahrt entgegen steht. Denn in Sachen Fahrsicherheit lässt das dicke Ding nichts anbrennen, wie ein abgesteckter Ausweichkurs während der Testfahrt beweist. Hinderlicher sind da eher die Abmessungen, denn der Aufbau sattelt natürlich auf die eigentliche Sprinter-Breite noch etliche Zentimeter drauf. Enge, kurvige Straßen in den Bergen sind nicht unbedingt das Lieblingsgebiet des ML-T, auch wenn es letztendlich problemlos klappt. Ist der Hymer ML-T dagegen ein Traumgerät für die Fernreise? Darauf gibt es ein eindeutiges Jein als Antwort. Die komfortable, auch sehr weite Fahrt ist natürlich kein Problem. Als Pistenfresser sollte man den teilintegrierten Hymer jedoch nicht missverstehen. Auf- und Ausbau entsprechen komplett der zweiradgetriebenen Straßenversion und sind nicht dafür ausgelegt, wochenlang über afrikanische Rüttelpisten geprügelt zu werden. Auch echtes Gelände ist mit dem dicken Ding tabu.

Mit Garantie auf Aussichtspunkte
Was der ML-T 4x4 den üblichen Campern jedoch voraus hat, ist seine einwandfreie Schlechtwegetauglichkeit. Der idyllische einsame Stellplatz am Meer oder die Fahrt in die verschneiten Berge bis vor die Liftstation – kein Problem. Wer so etwas öfter vorhat, kann sogar zusäzlich noch eine milde Gelände-Untersetzung mitbestellen. Klarer Vorteil ist außerdem die spürbar bessere Bodenfreiheit, der Allrad-Sprinter baut deutlich höher als das Standardmodell – volle 12 Zentimeter an der Vorderachse. Und das übliche Camper-Horrorszenario, die vom Regen durchweichte Wiese – der Allrad-Hymer lacht darüber.Bliebe als Kardinalfrage die nach dem Preis. Wer sich für Wohnmobile interessiert, kennt natürlich die Antwort: Nach oben offen. Das Basismodell des ML-T 580 steht mit rund 66.700 Euro in der Hymer-Preisliste. Für den Allradantrieb und das empfehlenswerte Automatikgetriebe sowie den hierfür nötigen stärkeren Motor müssen noch weitere 15.610 Euro eingeplant werden – wenigstens. Alles weitere bestimmen Geldbeutel und Ambition des Kunden.
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Quelle: auto-motor-und-sport, 2016-12-14

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