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Testbericht

10. November 2010

Die beiden Vertreter aus oberer Mittelklasse und Oberklasse sind über die Jahre ebenfalls größer geworden. Die aktuelle E-Klasse wahrt äußerlich zwar noch einen Respektabstand zum schon über fünf Meter langen W126 (bis 1991), doch bei den Innenabmessungen hat sie ihn längst überholt. Der Mercedes W126 galt damals schon als überaus geräumig.

Zwischen Mercedes E- und S-Klasse liegt eine A-Klasse Derzeit liegt zwischen der Mercedes E- und der S-Klasse eine A-Klasse - preislich gesehen. Wer sich also im Sinne zeitgeistigen Downsizings nicht für das Topmodell entscheidet, kann für die Differenz von über 26.000 Euro noch einen Mercedes A 200 Turbo einpacken. Oder darf es anstatt des neuen Mercedes S 250 CDI gleich ein E 500 sein? Die doppelte Zylinderzahl für fast das gleiche Geld, da kommen nicht nur Schwaben ins Grübeln. Schließlich bietet die fast fünf Meter lange E-Klasse mehr Innenraum als ein S der Serie W126 aus den Achtzigern. Und kennen Sie jemand, der sich damals über Platzmangel bei dieser Luxus-Ikone beschwert hat? Mercedes S-Klasse definiert schon optisch die Oberklasse Doch die Klassen-Entscheidung bei einem Automobil lässt sich nicht mit ein paar schnellen Rechenspielereien lösen. Wer soviel Geld für ein Auto ausgibt, will kein Lobschreiben seiner Bank, sondern ein gutes Das-war-es-wert-Gefühl. Und da punktet die Mercedes S-Klasse mit ihrem staatstragenden Auftritt. Schon optisch definiert sie die Oberklasse, während die Mercedes E-Klasse eben doch noch Mittelklasse präsentiert. Was spätestens dann auffällt, wenn beide vor dem Eingang eines Fünf-Sterne-Hotels weilen. Promi-Limousine und Taxi-Legende klingt zwar hart, trifft aber den Kern der Sache. Die Tür fällt mit sattem Bass ins Schloss, der Fahrer sinkt langsam in die - aufpreispflichtigen, für die Mercedes E-Klasse nicht erhältlichen - kuscheligen Prachtsessel, und Beine wie Ellenbogen rekeln sich im Kingsize-Raum. Wenn es um die Größe, Eleganz und Geborgenheit des ersten Eindrucks geht, erteilt die Mercedes S-Klasse ihrem kleineren Bruder sowie seinen eigenartig flachen und harten Sitzen eine weitere Lektion. Zu sehr fokussiert sich dieser darauf, alte, ultrasolide Mercedes-Tugenden mit seinem blockigen, sehr nüchternen Interieur wieder heraufzubeschwören. Nicht nur den Messungen nach wirkt er zudem spürbar enger. Bei der Motorisierung hat die S-Klasse die Nase vorn Mit fortschreitender Fahrt holt die Mercedes E-Klasse aber auf, wiegt lässig durch den Straßenzustandsbericht und lässt sich von den 292 PS ihres 3,5-Liter-Direkteinspritzers locker davontreiben. Doch jetzt packt die Mercedes S-Klasse unter ihre Motorhaube und lässt die Muskeln des neuen Sechszylinders mit 306 PS und 60 statt 90 Grad Bankwinkel spielen (keine Ausgleichswellen mehr nötig). Ungemein druckvoll, sparsam und kultiviert geht es voran. Der Siebengang-Automat beherrscht gar Start-Stopp - alles Ingredienzien, auf die die E-Klasse noch bis Sommer 2011 warten muss.

Mercedes E-Klasse zeigt Potenzial Trotzdem bleibt sie ein gelungenes Auto. Keines, das sich in aufgesetzter Sportlichkeit verheddert. Hier wird auch in der Lenkung Mercedes gesprochen, mit der kleinen, dem Markenimage geschuldeten Distanz zur Fahrbahn. Wie sagte mal ein ehemaliger Mercedes-Vorstand: "Unsere Kunden sollen ja nicht gleich im Graben landen, nur weil sie mal kurz die schöne Landschaft betrachten." Und so eine Mercedes A-Klasse als Zweitwagen, keimt es auf, hat ja was. Doch kaum ist der Gedanke zu Ende gesponnen, schiebt ihn die S-Klasse aus dem Kopf. Zu überzeugend und erfahren weiß sie Luxus in Fahrt zu interpretieren. Noch feinfühliger rollt die 160 Kilogramm schwerere Karosse über Querfugen, noch leiser säuselt der Wind, noch schöner spielt das nur für sie erhältliche Bang & Olufsen-Soundsystem. Mit der neuen aktiven Lenkung kommt sogar ein Hauch Agilität in das aufgeräumte 1,9-Tonnen-Wohnzimmer. Für manch gusseiserne S-Klasse-Fans sogar ein Tick zuviel. E-Klasse überzeugt mit klassischen, exzellent ablesbaren Rundinstrumenten Nur in einer Hinsicht bewahrt die Mercedes E-Klasse mehr Stil: bei den Instrumenten. Denn während sich das Sternen-Flaggschiff schon früh, zu früh, den Verlockungen eines digital angezeigten Tachos hingab (vor allem wegen des zu Anfang ziemlich überflüssigen Nachtsichtsystems), überzeugt die Mercedes E-Klasse weiterhin mit klassischen, exzellent ablesbaren Rundinstrumenten. So passt auch die eckige Analoguhr im S mit ihrer tchiboartigen Optik nicht so recht ins sonst edle Interieur. Der große Zeitmesser im E-Instrumententräger beweist dagegen Stil und Sinn für die Historie. Doch das sind Petitessen.

Hierarchie der Mercedes-Limousinen ist gewahrt Beim Fond müssen wir uns in diesem Familien-Duell nicht lange aufhalten. Wer den Platz braucht, kommt an einer Mercedes S-Klasse sowieso nicht vorbei. Die Lang-Version bügelte zuletzt gerade die versammelte Luxus-Konkurrenz. Eine L-Version bietet die Mercedes E-Klasse nur in China. Doch schon ohne diesen zu erwartenden Vorteil transportiert die S-Klasse noch mal mehr Mercedes-Gefühl. Selbst für viel Geld mehr kommt man in der Automobilwelt nicht entspannter an - die E-Klasse zeigt noch Potenzial. Somit hat Mercedes alles richtig gemacht. Die Hierarchie ist gewahrt. Aufsteigen lohnt sich.

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Quelle: auto-motor-und-sport, 2010-11-10

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