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Testbericht

13. Februar 2015
Alleine bekäme das die sprichwörtliche alte Frau selbst bei größter Woll-Lust nicht hin. Stattdessen müsste sie all ihre Freundinnen einladen, ein paar Stücke Kuchen besorgen und besser auch was fürs Abendbrot. Wenn sie endlich kämen, spielte im Hintergrund leise eine Best-of-CD des großen Udo Jürgens in Dauerschleife. Dann machten sie sich alle mit heißen Nadeln ans Stricken, und es dauerte dennoch lange, bis sie für 11.810 Euro gestrickt hätten.

Teurer Konkurrent
71 Prozent mehr als der mit 16.590 Euro teuerste Dacia Lodgy, der reich ausgestattete dCi 110 Prestige, kostet der keineswegs teuerste VW Touran. Dafür gäbe es einen zweiten Lodgy oder einen Basis-Sandero mit Anhängerkupplung – samt gebrauchtem Wohnwagen dran. Der Touran 1.6 TDI BMT (heißt Bluemotion Technology, meint Start-Stopp-System) ist selbst in der nett ausstaffierten Comfortline-Ausstattung eher am Vernunftende der Preisliste – und später wohl auch dem einer Reihenhausanlage – angesiedelt.Und das seit bald zwölf Jahren, denn dereinst im März 2003 kam der Touran. Seither haben sie ihm zweimal die Außenfassade frisch verputzt, drinnen das Wohnzimmer renoviert. Er basiert auf der Plattform PQ 35, auf der vor Zeiten des von VW in seiner Bedeutung für die Welt keineswegs unterschätzten Modularen Querbaukastens so viel herumfuhr im Konzern – Golf V, Jetta, Beetle, Caddy, Eos, Scirocco und die Kompaktverwandtschaft von Audi, Skoda und Seat.

Dacia Lodgy mit bis zu 2,6 Kubikmeter Gepäckraumvolumen
Gar so modernes Technikzeug kommt dem Dacia nicht unter die selbsttragende Karosserie. Seit den Tagen des LoganI arrangieren die Ingenieure die Fahrwerksarchitektur des Clio II von 1998 für die Dacia-Modelle neu. So bekommt eben auch der Van McPhersons vorn und eine Verbundlenker-Hinterachse. Unter der Motorhaube rempelt jetzt nach kurzem Vorglühen der 1,5-Liter-Turbodiesel los. Er entstammt der Baureihe K9K, die bei Renault auch schon seit 2001 im Geschäft ist. Von wenig Geräuschisolierung gedämmt, hallt das Nageln des Langhubers durch den Innenraum – na, eher die Innenhalle – des Dacia Lodgy.Der teilt seine erheblichen Raumvorkommen anders auf als der VW. So nutzt der Dacia Lodgy seine 13,2 Zentimeter mehr Radstand und 10,1 Zentimeter weitere Außenlänge, um tatsächlich sieben Personen zu beherbergen. Möbliert nämlich die leicht aufstellbare Zusatzbank für 590 Euro den Kofferraum, kommen selbst sieben Erwachsene ungedrängt unter – dazu 207 Liter Gepäck. Als reiner Fünfsitzer, wie wir den Lodgy hier bewerten, packt er neben fünf Passagieren noch 827 Liter Gepäck. Klappt die von simplen Fanghaken gehaltene Rücksitzbank geteilt vor, wechseln wir besser in die nächste Größeneinheit, denn dann sind es 2,6 Kubikmeter. An Raum mangelt es jedenfalls nicht im Dacia Lodgy, wohl aber an Behaglichkeit. Wie bei wirklich jedem Dacia-Testwagen, der seit 2005 bei uns war, wackelt auch bei diesem der Fahrersitz. Umso nerviger, als man wegen der platten Sitzfläche und den glatten Bezügen (offiziell Leder, fühlt sich aber kaum so an) ohnehin ständig droht, vom Sitz zu rutschen. Am Einrichten einer passenden Sitzposition scheitert man nicht nur wegen der umständlichen Sitzverstellung, sondern auch, weil sich das Lenkrad lediglich in der Höhe variieren lässt.

Komfortabler VW Touran
In den Touran dagegen steigst du ein, rutschst mit der feinrastigen Verstellung kurz in die richtige Position, reckst dir das Lenkrad entgegen, und es passt. Kuschelig ist es auf den haltstarken und dick gepolsterten Sitzen. Zudem haben Fahrer und Beifahrer im VW zehn Zentimeter mehr Innenbreite als im Dacia Lodgy.In den Fond räumt VW drei separat längs verschieb-, klapp-, neigungsverstell- und herausnehmbare Einzelsitze. Die äußeren drängen sich allerdings eng an die Tür, und nur der Dacia Lodgy hat hinten drei Isofix-Halter. Zwei weitere Sitze kosten für den Touran 755 Euro Aufpreis, der Testwagen verzichtete auf sie. Was kein Fehler ist. Früher hießen solche Klappstühle Schwiegermuttersitz und waren im Heck eines Cabrios angebracht, sodass der Wind die Worte der Schwiegermama davontrug. Nicht viel behaglicher als einst reist es sich auf den Rück-Rücksitzen des VW, nur dringt das Granteln von dort leicht bis ganz nach vorn.Und zwar wegen der aufwendigen Geräuschdämmung des VW, gegen die der kultiviertere 1,6-Liter-Turbodiesel nur leise angrollt. Die Common-Rail-Maschine treibt den Touran in freundlicher Zusammenarbeit mit dem präzisen und passend gestuften Sechsganggetriebe zu beschaulichem Temperament. Aber selbst wenn die Bude voll beladen ist, genügt das frühe Drehmoment sogar auf der Autobahn für ausreichende Elastizität. Man fühlt sich meist ein wenig schneller, als man tatsächlich fährt.

Dacia Lodgy 243 Kilo leichter
Der Dacia Lodgy hört sich schneller an und ist es, beschleunigt trotz der hakeligen Sechsgangbox beherzt, zieht weniger homogen, aber wacker und ist minimal sparsamer. Was sich aber weniger durch motorseitige Überlegenheit seinerseits als durch das höhere Gewicht des VW erklärt. Der wiegt 243 Kilo mehr – verzichtete der Dacia auf die dritte Sitzreihe, wären es 300 Kilo.Das Angenehme der Schwere zeigt sich im Federungskomfort. Mit optionalen Adaptivdämpfern (1.015 Euro) flauscht der VW auch über herbe Pisten. Dagegen legten die Dacia-Techniker das Fahrwerk des Lodgy auf hohe Zuladung aus. So rempelt er leer über Unebenheiten und auch viel störrischer über Querfugen. Mit ein paar Zentnern an Bord federt der Dacia Lodgy dann erheblich besser, liegt da auf demselben hohen Niveau wie der VW.

VW Touran klar im Vorteil
Das gelingt dem Dacia Lodgy weder bei der Komfort- noch bei der Sicherheitsausstattung – mit vier Airbags, ESP und der nach Meinung der Preisliste erwähnenswerten Gurthöhenverstellung vorn (VW vorn und hinten) erreicht er hier den Stand der späten 90er-Jahre. Allerdings sind die vielen Sommer auch am Touran nicht unbemerkt vorbeigezogen, als Assistenzsysteme offeriert er nur den Spurhalte-, Tempolimit- und Aufmerksamkeitshelfer. Ach ja, und den Parklenkassi, der den Touran gern in sieben, acht Zügen in besonders enge Lücken rangiert. Dann aber, wenn er wieder selbstständig ausparken soll (was er eigentlich kann), im Display vermeldet: "Parklücke zu klein".An diesem Detail zeigt sich aber schön, was es am Touran nach zwölf Jahren zu kritisieren gibt: nämlich höchstens Details. Seine Verarbeitung erreicht eine solide Reife, sein Fahrwerk vereint Komfort und hohe Sicherheit mit einem vergnüglichen Handling.

Dacia Lodgy mit bescheidenem Handling
Mit Optionsbereifung biegt er neutral in Kurven, mit viel Präzision und Rückmeldung in der elektromechanischen Lenkung schliddert er im Grenzbereich in sachtes Untersteuern, was das ESP dezent wegregelt. Dagegen fährt der Dacia Lodgy sperriger durch Biegungen mit seiner stößigen, rückmeldungskeuschen hydraulischen Servolenkung. Schubbert er schließlich in heftiges Untersteuern, greift das ESP nicht ein, sondern eher an, regelt so heftig, dass sich der Dacia ganz kurz nicht mehr lenken lässt.Am Ende sprechen zwei Gründe für den Dacia Lodgy: Größe und Preis. Alle anderen Argumente schreien nach dem Touran. Der Dacia ist billiger, der VW besser – keine Gefahr, sich hier in Widersprüche zu, tja, verstricken.
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Testwertung
3.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2015-02-13

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