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Testbericht

4. Juni 2015
Dort reichen zwei Finger für die elektromechanische Servolenkung, hier kapituliert die Armmuskulatur fast unter den servofreien Lenkkräften – schon mal einen Caterham Seven 620 R direkt nach einem Porsche 911 Turbo durch den Grenzbereich gescheucht?

Caterham Seven 620 R lässt 911 Turbo neidisch werden
Zufällig fällt das Hockenheim-Date mit dem Allradschreck aus Zuffenhausen und dem britischen Leichtbau-Asketen auf den gleichen Tag. Und ja, bevor sich jemand in der Presseabteilung aufregt, es war wirklich ein reiner Zufall. Porsche 911 Turbo und Caterham Seven 620 R, das ist eigentlich so gegensätzlich wie Nord- und Südkorea. Aber nur eigentlich, denn bei der Rundenzeit auf dem Kleinen Kurs in Hockenheim sind sich beide Kurvenhelden so gut wie einig. Mit 1.09,7 Minuten ist der 310-PS-Seven fast genauso schnell wie der 520PS starke Biturbo-Elfer.Defekte Waage oder doch die Wahrheit? Schon beim obligatorischen Wiegen herrscht Freudentaumel. 602 Kilo presst der Caterham Seven 620 R auf die Anzeige, wohlgemerkt als Gesamtgewicht mit randvollem Tank. 663 Kilo werden schon für die Vorderachslast des Turbos notiert. Insgesamt ist der Stuttgarter Sportler mit 1.617 Kilo knapp über eine Tonne schwerer als der britische Rennfloh.Das Leistungsgewicht desCaterham Seven 620 R macht nicht nur gestandene Sportler wie den 911 Turbo (3,1 kg/PS) neidisch. Mit 1,9 kg/PS bewegt sich der stärkste je gebaute Serien-Caterham in Sphären von Porsche 918 Spyder (1,9 kg/PS) und Bugatti Veyron 16.4 (2,1 kg/PS). Reingehangelt, eingefädelt, verschnürt – los geht's im geistigen Nachfahren des einst von 1959 bis 1972 als Lotus Seven produzierten Einbaums. Das Einstiegs-Yoga, durch den Überrollkäfig, rein in den formelwagenähnlichen Fußtunnel und den Vollschalensitz mit Sechspunktgurt, endet klassisch britisch. DenCaterham Seven 620 R gibt es nur als Rechtslenker. Aufgrund der schmalen Karosseriebreite fällt die Eingewöhnungszeit im Caterham deutlich kürzer aus als in manch anderen rechtsgelenkten Fahrzeugen.

Vierzylinder mit DTM-Gedächtnissound
Ein Ruck an dem Schaltstummel, krach, und der erste Gang meldet sich mechanisch klackend zum Dienstbeginn. Klingt fast wie bei einem Formel-3-Renner. Alles, was danach kommt, erinnert akustisch an die guten alten DTM-Zeiten – damals, als die BMW M3 E30 und Mercedes 190 E Evo mit hochdrehenden Vierzylindern jubilierten.Gefühlt schreit der Zweiliter-Vierzylinder im Caterham Seven 620 R mit rudimentärem Auspuff samt Rennkat bis 10.000/min. In Wahrheit liegt die Maximaldrehzahl des Ford-Duratec-Triebwerks mit Kompressoraufladung bei "nur" 7.900/min.Kein Wunder, dass im Büro des Streckenwarts später erschrockene Gesichter dominieren. Irgendwas um die 100 Dezibel hätte die Lautstärkemessung wohl ergeben. Uns gefällt's, auch wenn später akustisch gesehen ein Wespennest im Ohr zurückbleibt. Ohne Ohrstöpsel klingt die Caterham-Eruption mit tinnitusartigem Summen minutenlang nach.Klack, klack, klack – hochgeschaltet wird unter Volllast ohne Kupplung, beim Herunterschalten verlangt der 620 R nach dem Kupplungspedal. Schaltpausen? Ach was, das sequenzielle Sechsganggetriebe von Sadev klingt nicht nur nach Motorsport, sondern fühlt sich mit schnellen Gangwechseln auch so an. Währenddessen überzeugt der Kompressormotor im Test mit seiner direkten Gasannahme und einer nahezu linearen Kraftentfaltung. Ein kratergroßes Turboloch, gefolgt von einem erschreckenden Punch, wäre das Letzte, was man hier gebrauchen könnte.

Emotionaler Tanz auf der Rasierklinge
Die Adrenalinproduktion läuft trotzdem auf Hochtouren. Mit aufgewärmten Semislicks lenkt der Caterham Seven 620 R zunächst scharf ein, schiebt dann aber unter Last kurzzeitig über die Vorderachse, bevor im Kurvenverlauf das Heck mit spürbarem Leistungsübersteuern zu drängen beginnt. Eigentlich sucht man mit dem Gaspedal permanent die Balance zwischen Unter- und Übersteuern.Spaß pur – da ist er mal wieder, dieser emotionale Tanz auf der Rasierklinge. Wer das zuweilen immer neutralere und einfacher beherrschbarere Fahrverhalten aktueller Sportler als langweilig empfindet, fühlt sich in der Power-Seifenkiste sofort zu Hause.ESP, ABS, Servolenkung, Traktionskontrolle – alles Fremdwörter im Caterham Seven 620 R. Gekurbelt wird im Test an einem selbstverständlich airbagfreien Momo-Sportlenkrad. Stöße und Haltekräfte der präzisen Lenkung machen dabei jedes Fitnessstudio überflüssig. Herrlich, mal wieder raus aus der immer mehr von Regelsystemen dominierten Sportwagenwelt.Auch die Bremsanlage ist für heutige Verhältnisse ein Dinosaurier. Wer mit ABS-gewohntem Bremsverhalten hektisch aufs Pedal hackt, rutscht mit blockierten und wild qualmenden Rädern von der Ideallinie. Gerne würde man die Bremsbalance etwas nach hinten verlagern, doch diese ist in dem nur per Einzelabnahme zulassungsfähigen 620 R nicht verstellbar. Wer sich an den richtigen Pedaldruck gewöhnt hat, kann auch ohne ABS ausgezeichnete Verzögerungswerte von bis zu 11,5 m/s2 hinlegen.Doch wehe, die Konzentration lässt einmal nach. Keine Cola-Dose passte auf der schnellen Runde mehr zwischen den linken Vorderreifen und die Mauer an der Querspange. Wie gut, dass der kleine Tankinhalt (36 Liter) rechtzeitig zum Boxenstopp ruft, bevor die Speziallackierung Roulette Green zum negativen Programmpunkt wird.
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Testwertung
4.5 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2015-06-04

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