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Testbericht

5. April 2015
Neulich in der Kantine: Da tagträumt MotorKlassik-Kollege Alf Cremers ganz ungeniert, irgendwann mal mit einem ollen Mercedes 200 D plus Wohnwagen Tabbert Comtesse den Großglockner zu erklimmen. 55 rauchige PS träfen auf eine 1.200-Kilo-Zweiraumwohnung. Und ein Jahr später wären sie auch schon auf dem Gipfel, mögliche Lynchjustiz der Hinterherschleicher mal außen vor gelassen. Wir wüssten einen Weg, die Nummer zu beschleunigen: einfach das komplette Gespann an den Haken eines unserer Diesel-SUV hängen und auf den Gipfel schleudern. 3.500 Kilogramm Anhängelast und 850 Newtonmeter beim Cayenne S Diesel etwa bringen einen schon mal auf dumme Gedanken. Dabei ist der Porsche eigentlich ein ganz Netter, hält die V8-Diesel-Fahne hoch, wenn auch nur mit Euro-5-Stempel. Egal, selbst viele Trucker gucken neidisch aus ihrem Haus, denn außer bei Porsches Konzernschwestern Scania und MAN brummen selbst im 40-Tonner bloß noch Sechszylinder. In unserem 2,3-Tonner stemmen sich 4,1 Liter, beatmet von zwei Ladern, gegen das Downsizing in der Diesel-Oberklasse.

BMW X6 M50d leistet 381PS und 740Nm
Bei BMW ist jenes schon länger Programm. So grollt auch im neuen BMW X6 M50d wieder der bekannte Dreiliter mit drei Turboladern. Im Gegensatz zum künftigen Triturbo bei Audi/VW laufen sämtliche Lader übers Abgas und nicht etwa elektrisch. Viel Neues gibt es neben dem frischen Euro-6-Abzeichen motorseitig nicht zu berichten, die Aggregate blieben beim Modellwechsel (BMW) und Facelift (Porsche) ganz sie selbst.Allerdings erhielt der Cayenne-V8 ein optimiertes Thermomanagement, um den Verbrauch zu senken, sowie drei Extra-PS. Was bei nunmehr 385 etwa so relevant ist, als ob sich Leo DiCaprio beim Zählen der von ihm beglückten Models um drei vertun würde. BMW belässt es bei 381PS und 740 Newtonmetern. Problem? Nö. Spätestens ab 2.000/min, wenn hier wie dort das volle Drehmoment anliegt, bewegen sich der BMW X6 M50d und Porsche Cayenne in weiten Sätzen vorwärts. In sehr weiten Sätzen, die je nach Schwere des Gasfußes die elefantösen Fahrzeugmassen vergessen lassen.

Unbändige Trumms
Das imaginäre Ballast-Abwerfen gelingt besonders dem Porsche. Mit herrlich authentischem Klang ohne Lautsprechergedöns schiebt er noch unbändiger als der BMW X6 M50d, der im Sportprogramm mit aufgepepptem Sound und einem Tick mehr Laufkultur kontert. Der Cayenne kitzelt seine Insassen dagegen gern ein wenig durch, perfekter Massenausgleich sähe anders aus – verbuchen wir es mal unter Charakter.Gutes Stichwort, das einen kurzen Exkurs in die TDI-Historie nahelegt. Von wegen VW-Einheitsbrei. Der Konzern hatte sie alle: Zwei-, Drei-, Vier-, Fünf-, Sechs-, Sieb…, halt: Acht-, Zehn- und Zwölfzylinder. Einige sind wie Rudolf Diesel selbst untergegangen, andere treiben uns noch munter an.Freuen wir uns also an diesem Trumm, das ebenso nachhaltig wie sanftmütig nach vorn stapft, auch nach Erreichen der Spitzenleistung bis über vierzwo weiterdreht. Der BMW X6 M50d treibt seine Drehzahlmessernadel sogar noch zackiger in Richtung 4.500/min. Beide Achtgang-Wandlerautomaten unterstützen die Arbeit der Motoren flink und unauffällig zwischen Drehmomentflauschen und Nackenstretchen.

BMW X6 M50d verbraucht knapp 11 l/100 km
Aber ganz ehrlich – die Dinger auszudrehen, passt eh nicht. Lieber ziehen lassen, dicke Steigungen einebnen und gelegentlich registrieren, wie so ein Pott mit 2.000/min und 200km/h ein schwarzes Loch in die Atmosphäre stanzt. Im Schnitt verlangen sie dafür knapp elf Liter pro 100 Kilometer.Der Cayenne (Stahlfedern mit konventionellen Dämpfern Serie) bietet gegen Aufpreis Voll-Luftfederung sowie die größere Zahl an Fahrwerkstricks wie Anheben und Absenken samt speziellen Geländeprogrammen, wo der BMW X6 M50d lediglich adaptive Dämpfer und Luftpolster hinten an den Start bringt – wenn auch serienmäßig. Überdies nimmt der BMW X6 M50d das M im Namen ernst, rollt holzig ab, zackt Spurrinnen hinterher und bleibt stets in Bewegung. Mit Beladung wird es etwas besser, speziell mittlere Unebenheiten absorbiert er ordentlich. Hier kommt er sogar an den universellen Cayenne heran, der sich von keiner Fahrbahnunebenheit ernsthaft beirren lässt. Von kleinem Huckel bis großem Brecher, der Porsche pflügt einfach drüber. Auch seine Lenkung bleibt stets bei sich. Erscheint der BMW manchmal etwas aufgekratzt und künstlich, setzt der Porsche Kommandos präzise und verlässlich um.

Agiler Cayenne überzeugt mit gutem Handling
Trotz einer leichten Verhärtung bei den schnellen Lenkbewegungen der Fahrdynamiktests, mehr Sportwagenlenkung kann kein großer SUV – mehr Sportiv-Handling ebenfalls nicht. Sein Verteilergetriebe mit elektrisch betätigter Lamellenkupplung, bis zu 100 Prozent sperrbarem Hinterachsdifferenzial (Serie) sowie Torque-Vectoring (Option) ist eindeutig hecklastig abgestimmt. Untersteuern? Nichts davon. Der Cayenne lenkt neutral ein, um auf entsprechenden Pedalbefehl das Heck rauszulassen – und es je nach gewähltem Fahrprogramm früher oder später wieder einzufangen. Könnern gefällt diese überraschende Agilität, andere könnte es erschrecken.Anders der BMW X6 M50d. Er verteilt seine Kraft ebenfalls geschickt auf die Achsen und die einzelnen Räder, wirft aber subjektiv weniger Ballast ab, wirkt hochbeiniger, weniger geerdet und agil. Heckschwenks sind dafür keine zu befürchten. Eher schon ein verrenkter Nacken, denn hinten raus sieht man bei ihm so gut wie nicht. Gegen Aufpreis liefert er aber ein ziemlich komplettes Elektronikprogramm von Rundumkamera über digitale Instrumente samt Head-up-Display sowie fein auflösendem Bildschirm bis hin zu diversen gut nutzbaren Online-Funktionen.Da hängt der nur durchschnittlich vernetzte, weniger ausgefuchst navigierende Porsche etwas hintendran, entschädigt Fans aber mit Schlüssel links und zentralem Drehzahlmesser. Ganz abgesehen vom größeren Platzangebot, verschiebbaren Rücksitzen und der besseren Übersicht nach hinten. Für den Fall, dass dort mal ein 200 D samt Tabbert dranhängt.
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Testwertung
4.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2015-04-05

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