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Testbericht

26. März 2015
Der klassische Wutbürger im Schwabenland regt sich ja gerne mal auf: mal über ein Bahnhofsbauprojekt, mal über die unkorrekte Ausführung der "geregelten Reinigung gemeinschaftlich benutzter Bereiche in Mehrparteienwohnhäusern" namens "Kehrwoche" und mal über extrovertierte Testwagen aus unserer Redaktionsgarage. Gefühlte 95 Prozent spießbürgerlichen Kopfschüttelns müssen die BMW M235i der Tuner RS Raceline und AC Schnitzer in der Stuttgarter Innenstadt über sich ergehen lassen, sobald ihre packenden Dreiliter-Sechszylinder im Vergleichstest aufdrehen und mit ihren modifizierten Abgasanlagen grölend so manches Heavy-Metal-Open-Air-Festival in den Schatten stellen. Auf zum Hockenheimring – hier werden die frisierten BMW M235i von AC Schnitzer und RS Raceline verstanden.

RS-Raceline-M235i mit Rennwagen-Atmosphäre
Reinzwängen in den Recaro-Vollschalensitz, Sechspunktgurte stramm ziehen – los geht's im M235i von BMW-Tuner RS Raceline aus dem hessischen Viernheim. Während auf der Karosserie eigentlich nur noch Startnummern und Sponsorenaufkleber fehlen, liefert der Innenraum schon im Stadtverkehr die fast perfekte Illusion, in die Startaufstellung eines VLN-Rennens unterwegs zu sein.Dafür produzierte die RS-Mannschaft zunächst den wohl exklusivsten Sperrmüll und räumte das Interieur des BMW M235i, bis auf das Armaturenbrett und die Mittelkonsole, vollständig aus. Zunächst flogen die Seriensportsitze und die Rücksitzbank raus. Es folgten der Dachhimmel sowie sämtliche Verkleidungsteile, Lautsprecher und Airbags (Fahrer- und Beifahrerairbag, Seitenairbags für Fahrer und Beifahrer, Kopfairbags für die vordere und hintere Sitzreihe).Mühevoll rupfte das RS-Team anschließend noch die Bitumenmatten raus, die im BMW M235i von der Stange zur Geräuschdämmung verklebt werden. Stattdessen sorgen nun, neben den Schalensitzen, ein verschraubter Überrollkäfig mit doppeltem Kreuz, doppeltem Dachkreuz und doppeltem Flankenschutz sowie schlichte Carbon-Türverkleidungen mit roten Öffnungsschlaufen für Rennwagenatmosphäre mit TÜV-Segen.

Kompromissloses Tracktool
Das ganze Teil sieht nicht nur nach Motorsport aus, sondern hört sich schon bei Spielstraßentempo so angriffslustig an, als ob gleich die Startampel beim 24-Stunden-Marathon auf Grün springt. Motor-, Getriebe- und Reifenabrollgeräusche sind im getunten BMW M235i von RS Raceline nicht in Watte gepackt, dazu knistert, knackt und knarzt die dämmungsfreie Karosserie – Baujahr 2014 und doch ein BMW-Hauch von früher – ehrlich und kernig. "Wir haben den BMW M235i, wie alle unsere Fahrzeuge, gezielt als kompromissloses Tracktool entwickelt. Auf Alltagstauglichkeit legen wir keinen Wert. Unsere Kunden sollen Rennfeeling spüren", sagt Sven Rau, Geschäftsfüher von RS Raceline.Im Windschatten folgt mit dem ACS2 Sport der BMW M235i-Ableger von AC Schnitzer. Der langjährige BMW-Veredler aus Aachen verfolgt eine andere Strategie – nahezu unveränderte Alltagstauglichkeit bei gesteigerter Performance. Im Innenraum bleibt die Tuningversion von AC Schnitzer nahezu dem serienmäßigen M-Look treu. Das Karosseriekleid des BMW M235i veränderte die Schnitzer-Truppe mit dezenten Carbon- Anbauteilen ebenfalls nur behutsam. Erwähnenswert: Verarbeitung und Passgenauigkeit erinnern an die hohen Standards ab Werk.Bevor die frisierten Zwofünfunddreißiger zum Duell in Hockenheim antreten, machen wir noch schnell einen Abstecher auf den von uns regelmäßig genutzten Maha-LPS-3000-Leistungsprüfstand. Beide Tuner holen aus dem aufgeladenen N55B30-Triebwerk (Serie: 326PS) noch weitere Pferde raus. Während RS Raceline einer Leistungssteigerung von Wetterauer vertraut, die in Kombination mit einer Remus-Komplettabgasanlage (inklusive Downpipe, Sportkat und Endschalldämpfer) angeblich 375PS leisten soll, entwickelt Schnitzer sein Leistungskit eigenständig.Der Aachener BMW-Spezialist beziffert die Motorleistung mit Zusatzsteuergerät, modifiziertem Ladeluftkühler sowie Abgasanlage samt Schnitzer-Hosenrohr, 200-Zeller-Kat und Schnitzer-Schalldämpfer auf 380PS.

BMW M235i von AC Schnitzer mit 412,3PS
Unsere Prüfstandswerte sprechen eine andere Sprache. Bei identischen Messbedingungen wird der BMW M235i von RS Raceline etwas wärmer als sein Kontrahent, was sich in den unterschiedlichen Ansauglufttemperaturen (OBD) widerspiegelt. Die RS-Version kann zwar kurzzeitig mehr Ladedruck aufbauen, schafft es aber nicht, diesen zu halten (RS: max. 0,865 bar, Schnitzer: max. 0,745 bar). Mit 364,9PS liegt der RS-Raceline-M235i unter seiner versprochenen Leistungsangabe, während AC Schnitzer in der Endleistung seinen Prospektwert mit gemessenen 412,3PS klar übertrifft. Wir hoffen mal, dass auch die Endkunden mit einem so großzügigen Leistungszuschlag verwöhnt werden.Auch subjektiv überzeugt der AC-Schnitzer-M235i im Vergleichstest mit einer harmonischeren Leistungsentfaltung über weite Teile seines Drehzahlbands, während der RS-M235i im unteren Drehzahlbereich zwar druckvoll antritt, der Durchzug gen höheren Drehzahlen aber nicht ganz so gierig anhält. Wichtig für den Vergleich: RS Raceline nutzt die Achtgangautomatik mit kürzeren Übersetzungen, während der Schnitzer das knackige, aber länger übersetzte Sechsgang-Handschaltgetriebe trägt. Kein Wunder also, dass der BMW M235i von RS Raceline trotz geringerer Leistung den Nierengrill beim Spurt bis 180km/h vorne hat. Beide Tuning-2er unterbieten den bereits getesteten Serienhecktriebler mit Automatik (0–100: 4,8 s, 0–200: 18,1 s).

M235i von RS Raceline lenkt erfrischend direkt ein
Doch die Längsdynamik interessiert bei den heutigen Probanden so viel wie Bergsteigerfachwissen auf Sylt. Zunächst darf sich der RS-Raceline-M235i auf dem Kleinen Kurs in Hockenheim querdynamisch austoben. Ähnlich wie das Serienmodell trägt er 18-Zoll-Mischbereifung, allerdings mit breiterem Format (Serie: 225/245 vorne/hinten; RS Raceline: 235/265) und Michelin-Pilot-Sport-Cup-Pneus (Serie: Michelin Pilot Super Sport).Im Vergleich zum Serienmodell punktet der BMW M235i von RS Raceline dadurch mit besserem Gripniveau. Fahrwerksseitig setzt RS Raceline auf ein zehnfach in Zug- und Druckstufe verstellbares Bilstein-Clubsport-Gewindefahrwerk mit einer aggressiveren Achsgeometrie als im Serienstand. Ergebnis: Das Tracktool lenkt erfrischend direkt ein und überzeugt auch unter Last dank einer Drexler-Differenzialsperre mit sehr guter Traktion an der Hinterachse.Die weitestgehend neutrale Abstimmung wurde mit einem Schuss Sicherheit kombiniert – ein gutmütiges Set-up für die Nordschleife. Auf dem verwinkelten Kleinen Kurs tendiert der RS-M235i dadurch jedoch, speziell beim Herausbeschleunigen aus engen Ecken, ganz leicht zum Untersteuern.Ein weiterer Kritikpunkt: Das Serien-ABS harmoniert nicht perfekt mit den Michelin-Cup-Reifen. Sowohl bei der Standardbremsmessung als auch auf der Rennstrecke bleibt der RS-Raceline-M235i im Vergleichstest hinter den Verzögerungswerten des Serienmodells zurück. Dank Pagid-Bremsbelägen, Stahlflexleitungen und Rennbremsflüssigkeit tritt die verfeinerte Serienbremsanlage beim Rennstreckenbesuch aber standfester als im Serien-M235i auf, der bereits nach wenigen heißen Runden unter Fading litt.

BMW M235i von AC Schnitzer bremst besser
AC Schnitzer wählt mit dem Dunlop Direzza 03G in der weichen R2-Mischung einen noch kompromissloseren Reifen in puncto Trockengrip. Das Gripniveau ist höher als mit den Michelin-Cupreifen. Der getunte BMW M235i von AC Schnitzer überzeugt daher mit deutlich besseren Bremswerten. Zur weiteren Steigerung der Querdynamik trägt er ein speziell abgestimmtes Gewindefahrwerk mit KW-Komponenten, das stufenlos höhenverstellbar und in Zug- und Druckstufe justierbar ist.Insgesamt lenkt der weinrote BMW M235i noch etwas zackiger ein, beginnt aber beim Herausbeschleunigen früher als der RS Raceline mit dem Heck zu drücken. Eine Traktionsschwäche kann auch ihm nicht nachgesagt werden. "Wir nutzen auch eine Drexler-Sperre, die einen höheren Sperrgrad als die Sperre aus dem BMW-Zubehör hat", erklärt Manfred Wollgarten, der für die Fahrwerksabstimmung des Schnitzer-M235i verantworlich war.Für die ganz leichte Tendenz zum Übersteuern ist neben der schmaleren Hinterachsbereifung (235er rundum) unter anderem auch das aggressivere Set-up an der Hinterachse verantwortlich. Während der Sturz der beiden Tuningversionen hinten nahezu identisch ist, fährt Schnitzer Spur null und der RS-Raceline-BMW eine leichte Vorspur. Dadurch reagiert der Schnitzer etwas stärker auf Lastwechsel. Die agilere Abstimmung passt perfekt zu den engen Kurven des Kleinen Kurses.Und was sagt die Stoppuhr? Mit einer Rundenzeit von 1.12,1 gewinnt AC Schnitzer das Zeitfahren mit zwei Zehntelsekunden Vorsprung auf den RS-M235i, doch die Mannschaft von RS Raceline kann auf ihren Erstauftritt im sportauto-Test stolz sein. Mit 1.12,3 min unterbietet ihr Tracktool die bereits getesteten M235i von . Beim Thema Emotion, abseits von nüchternen Zahlen, macht dem leer geräumten RS-Zweier ohnehin keiner etwas vor.
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Testwertung
4.5 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2015-03-26

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