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Testbericht

22. Dezember 2008

Lassen Sie uns einen theoretischen Kontrapunkt setzen - gegen Flauten-Prognosen, Krisen- Gefühl und Spar-Rhetorik. Lassen Sie uns fantasieren: Zur Verfügung steht Ihnen das Brutto-Jahresgehalt eines Besserverdieners, zur Wahl die besten aller Limousinen - Audi A8 , BMW 7er-Reihe und Mercedes S-Klasse jeweils als Basis-Diesel. Sie kombinieren nährstoffreiches Drehmoment mit kargem Spritkonsum - alle benötigen im Schnitt unter zehn Liter auf 100 Kilometer. Erstmals dabei: der S 320 CDI Blue Efficiency: er soll besonders umwelt- und damit sozial verträglich sein. Sozial verträglich? Der Blick fällt auf den neuen BMW 730d. Erste Frontal- Konfrontation mit seiner karikaturhaften Riesen-Niere. Aufsehen erregen ist im 7er Teil der Grundausstattung - künftige Eigner sollten mit bewundernden, neidischen oder gar abfälligen Blicken umgehen können. Auch im Innenraum steht der Siebener fürs neue Geld: er zeigt am offensivsten, was sein Eigentümer hat. Das Armaturenbrett beeindruckt mit einer Ansammlung von Reglern, Zierringen und Holzflächen. Doch anders als im futuristischen Vorgänger ist die Bedienung einfach: BMW trat aus der Zukunft zwei Schritte zurück in die Vergangenheit - und damit nach vorn. Protz sucht man vergeblich Der Gangwählhebel sitzt nicht mehr am Lenkrad, sondern wieder auf dem Mitteltunnel. Endlich steht i-Drive für schnell verständliche Bedienlogik. Und die Sitze lassen sich verstellen, ohne die (jetzt digitale) Anleitung zurate ziehen zu müssen. Weitgehend selbsterklärend ist auch der Mercedes. Allerdings erfordern die Regler der Klimaanlage (über Controller sowie Bildschirm) noch echten Entdecker-Geist, und das Einstellen der Sender erinnert an die Bedienung eines Röhrenradios. Protz sucht man vergeblich. Vor allem das alte Geld dürfte sich im zurückhaltenden Umfeld des Armaturenbretts wohlfühlen; gerade hier wirkt der TFT-Bildschirm als digitaler Instrumententräger fremd.

Dezent, aber bestimmt stemmt sich der Lamellen-Grill in den Wind, wirkungsvoll gibt der Mercedes-Stern als Peilhilfe oder Image-Standarte Orientierung. Gerne würde man bei der S-Klasse jedoch auf die aufgeplusterten Radläufe verzichten; sie passen maximal zu einer AMG-Version. Wenig zurückhaltend betritt auch der Audi A8 3.0 TDI mit seinem Platzda-jetzt-komm-ich-Schlund die Szene. Doch die reduzierte Linienführung scheint ewig jung. Noch vor seiner Ablösung im nächsten Jahr ist der A8 auf dem Weg zum Klassiker - mit zeitlos edlem Interieur, das allerdings auf schlechten Straßen leicht knistert und nicht das weitläufige Salon-Gefühl der S-Klasse vermittelt. Dazu passt, dass der Audi nur 485 Kilogramm transportieren darf; vier Schwergewichte mit Reisegepäck dürften den A8 bereits überfordern. Dass der Audi nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist, zeigen auch seine Instrumente. Zwar sind sie gut ablesbar, aber nicht multifunktional wie im BMW und Mercedes. Eine Limousine der alten Schule In der Aufpreisliste fehlen außerdem Technik-Neuerungen wie Wankausgleich und Fernlichtassistent, bei den Sicherheits-Extras gibt es weder Nachtsichtgerät noch Runflat-Reifen. In den Gesamtkapiteln Karosserie und Sicherheit ziehen S-Klasse und Siebener somit weit davon. Der A8 ist eine Limousine der alten Schule.

Da sollte man keinen (optionalen) Internet- Zugang wie im BMW erwarten - das zügige Reisen steht im Vordergrund. Stattdessen wirbt Audi mit dem Image-Brandeisen eines serienmäßigen Allradantriebs. Nach wie vor sichert der Traktionsvorteil dem A8 verlustfreies Vorwärtskommen in der kalten Jahreszeit. Packt den Fahrer dagegen auf griffigem Untergrund die Querdynamik-Lust, so sollte er es in engen Kurven nicht übertreiben: Der Audi vergrößert sonst den angepeilten Radius untersteuernd. Die Lenkung bewegt sich dabei wie in zähflüssigem Öl und stößt auf derben Bodenwellen. Klarer Favorit im Kapitel Fahreigenschaften Leichtfüßig und präzise lässt sich dagegen der BMW durch die Hügel zirkeln. Sofort stellt sich eine erdige Verbundenheit zur Straße ein, und man nimmt den 7er um eine Fahrzeugklasse kleiner wahr als die S-Klasse. Die pfeift dank adaptiven Stoßdämpfern zwar ähnlich schnell um die Kurve, agiert aber nach dem Motto "No sports, please". Klar, dass mit dieser Einstellung das Kapitel Fahreigenschaften an den hoch motivierten BMW geht. Deutlich. Der 7er zeigt aber auch, dass eine Lenkung sogar übermotiviert sein kann. Auf der Autobahn überträgt sie unangemessen viele Fahrbahndetails. Ähnlich die Federung: Sie lässt den BMW über tiefe Absätze stolpern und über Stakkato-Querfugen stuckern selbst im Modus Comfort des dreifach verstellbaren Stoßdämpfers. Eines Luxusliners würdig wiegt der 730d nur über lange Bodenwellen.

Im Audi dagegen fühlen sich die Passagiere nie von der Federung klassengerecht umschmeichelt. Den Maßstab im Komfortkapitel setzt wieder einmal die S-Klasse - man muss nur den spärlich gepolsterten Sitzen des Audi in die flauschigen Sessel des Mercedes entfliehen. Erst hier lassen sich Glenn Goulds Goldberg-Variationen selbst bei hoher Reisegeschwindigkeit frei von Störeinflüssen genießen. Verlorenen Boden macht der 730d mit seinem herausragenden Sechszylinder-Diesel gut. Vor allem beim Verbrauch schlägt BMWs Efficient Dynamics knapp Blue Efficiency, die neue Sparstrategie von Mercedes für den kleinsten Diesel der S-Klasse. Deren Servopumpe läuft nur mit, wenn der Fahrer lenkt. Beim Warten an der Ampel schaltet die Siebengang-Automatik des S 320 CDI zudem selbständig in Stellung N, um den Wandlerverlust zu minimieren - was nur in der Stadt und im Stau gelingen kann, beim Test-Verbrauch aber keinen Vorteil bringt. Dafür zeigt sich ein Komfort-Nachteil: Wer bei Grün schnell aufs Gaspedal geht, spürt das Einlegen der Fahrstufe als leichtes Rucken. Davon abgesehen ruht das Mercedes-Getriebe in sich und lässt den Fahrer auf der Drehmomentwelle surfen, während der BMW bei Leistungsanforderung zu hektisch in niedrigere Gänge schaltet. Nur ein knapper Sieg des Neuen Und der Audi? Dessen ruppiger TDI wirkt wie aus einer früheren Zeit - den Wettstreit zwischen 730d und S 320 CDI betrachtet der A8 3.0 TDI als Zaungast; als Günstigster im Test gewinnt er nur das Kostenkapitel und endet abgeschlagen auf dem letzten Platz. Dass der 7er als komplette Neukonstruktion diesen Vergleich gewinnt, wird niemand wundern; eher schon, dass ihm die drei Jahre alte S-Klasse dank überragendem Komfort dicht auf den Fersen ist. Selbst wenn man also das Geld und den Willen hätte, in der Luxusklasse shoppen zu gehen, fiele die Entscheidung nicht gerade leicht.

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Quelle: auto-motor-und-sport, 2008-12-22

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