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Testbericht

8. Juli 2017
Wir halten zum Kombi. Dieses Bekenntnis mussten wir einfach mal loswerden. Gleich zu Beginn dieses Vergleichstests, der sich so wunderbaren Luxuswagen wie dem BMW 5er Touring, dem Mercedes E-Klasse T-Modell und dem Volvo V90 widmet. Doch so wunderbar sie auch sind – am Markt werden sie langsam von den SUV verdrängt. Warum? Wir verstehen es nicht, können uns keine geschmackvollere Möglichkeit für Transportaufgaben vorstellen als große Kombis.

Kombis von BMW, Mercedes und Volvo mit eigener Markenidentität
Lassen Sie uns nun aber nicht über die Sinnhaftigkeit von Vorlieben philosophieren. Der eine steht eben auf Blond, der andere auf Brünett, ohne das jeweilige Schönheitsideal zwingend begründen zu können. Ganz ähnlich stellt sich das übrigens bei BMW-, Mercedes- und Volvo-Fans dar. Markentreue werden sich schon beim Begrüßungsaroma heimisch fühlen, wenn sie erstmals die Türen öffnen.Man könnte sich nun in elegischen Betrachtungen der luxuriösen Innenräume ergehen, hier das offenporige Holz, dort den samtigen Metall-Look hervorheben und eine Hymne auf massierende Ledersessel singen – doch das gilt für alle drei gleichermaßen. Die Unterschiede liegen da eher im persönlichen Geschmacksempfinden und gehen nicht in die Bepunktung ein. Wir müssen sie schon weiter hinten suchen. Ganz hinten, denn das Heck macht den Kombi ja erst zum Kombi.

Den größten Kofferraum hat immer noch das T-Modell
Widmen wir uns zunächst dem Paten der Gattung, dem E-Klasse T-Modell – seit Kombigedenken der Maßstab unter den Luxus-Transportern. Auch bei ihm hat der Lifestyle etwas am Blech genagt: Zu seinem eigenen Vorgänger verliert der aktuelle T 130 Liter maximales Ladevolumen. Es bleiben aber immer noch stattliche 1.820 Liter und damit 120 Liter mehr als im BMW sowie fast 300 mehr als im Volvo.

Cleverer Volvo mit geringer Zuladung
Ja, Sie haben völlig recht: Der V90 hat einen erstaunlich kleinen Laderaum. Dafür sieht er einfach großartig aus; so einen hätte man gerne in seiner Auffahrt parken, weil er sie so herrlich ziert – ehrlicher Kaufgrund. Und weil sich damit die Kinder so gut transportieren lassen – vorgeschobenes Argument. Wobei, an der Sache mit den Kindern ist was dran: Gegen Aufpreis klappen aus der Rückbank Erhöhungen als Kindersitze. Zudem gibt es ein Formteil im Ladeboden, das bei Bedarf zu einer Zwischenschottwand aufklappt, um Kleinkram zu sichern. Irgendwie clever und irgendwie anders. Typisch Volvo. Natürlich haben sie auch an die Fernentriegelung der Fondlehnen gedacht, an die elektrische Heckklappenbetätigung sowie an die selbsttätig hoch- und herunterfahrende Laderaumabdeckung. Doch im Überschwang des Andersseins ist den Ingenieuren möglicherweise durch die Lappen gegangen, dass zu einem großen Kombi eine große Zuladung gehört (mau: 447 Kilogramm). Und dass Urlaubs-Packern eine mickrige Durchreiche kaum genügt.Nett wäre auch die Möglichkeit, die Rücksitzlehne steiler stellen zu können, um so den Kofferraum bei entsprechendem Bedarf ein wenig zu vergrößern. Beim BMW und Mercedes ist das so, und im T-Modell klappen sogar die Rücksitzlehnen zu einer völlig ebenen Fläche um. Zudem hat es ein großes Fach unter dem Ladeboden, wo auf Wunsch eine voll versenkbare Kindersitzbank Platz findet. Beim Touring lässt sich hingegen in diesem Zusatzabteil die zweigeteilte Laderaumabdeckung in Fächern verstauen und die Heckscheibe fürs kleine Gepäck separat öffnen. Ein Patt zwischen den Kombi-Stars.Und bei den Sitzen? Da wünschte man sich im Mercedes-Fond eine schwächer geneigte Lehne sowie mehr Oberschenkelauflage, im Volvo besonders eine bequemere Polsterung. Beides hat der BMW zu bieten und schafft damit beste Voraussetzungen für die weite Reise.Ja, sie haben ihm in München mehr Komfort auf den Weg gegeben, weil das in der Oberklasse und darüber hinaus das Wichtigste für Vielfahrer ist. Etwa die Lärmdämmung. Haken dran, die Verbrennungsgeräusche des Sechszylinder-Diesel treten hinter den Vorhang des Autobahnsäuselns zurück.

Vier Zylinder im Volvo gegen sechs Zylinder bei BMW und Mercedes
Ohnehin ist der Reihensechszylinder aus München ein besonders sanftmütiges Exemplar, das dennoch beim Gasgeben schnell zubeißt. In Verbindung mit der unauffällig und zielsicher schaltenden Achtgangautomatik empfiehlt sich das bärenstarke Dieseltriebwerk als ideale Touring-Motorisierung. Man sollte zugreifen, solange es diesen Motor noch zu kaufen gibt – seine Zeit läuft ab.Volvo gibt bereits einen Vorgeschmack auf die Zeit danach – der V90 kommt ausschließlich als Vierzylinder. Stärkste Diesel-Motorisierung ist der D5 – zwangsgekoppelt an Allradantrieb. So fällt der Volvo hier im Vergleichstest zweifach aus dem Rahmen: mit fleischiger Traktion und einem veganen Triebwerk. Keine Frage: Sie haben sich wirklich Mühe mit dem Vierzylinder gegeben.Ein kleiner Kolbenverdichter hilft dem Turbolader beim Anblasen auf die Sprünge, verbessert das Ansprechverhalten. Und die Achtgangautomatik müht sich redlich, dazu den passenden Gang zur Verfügung zu stellen. Doch das wirkt zuweilen hektisch – etwa wenn sich der Automat beim Sortieren der vielen Übersetzungen verheddert. Bei Lastanforderung landet er in einem niedrigen Gang, was die Drehzahl hochschnellen lässt und den Diesel vernehmlich knurrend ins Bewusstsein rückt.Standesgemäß ist das nicht. Wer mindestens 58.000 Euro für einen Luxus-Kombi hinblättert, darf die Ruhe und Gelassenheit eines drehmomentstarken Sechszylinders erwarten. So wie im BMW. Oder wie im Mercedes. In Stuttgart scheinen sie die Gelassenheit praktisch erfunden zu haben. Kein zweiter großer Kombi ruht so sehr in sich wie das T-Modell, wobei der Touring hier erstaunlich nahe aufgerückt ist.

530d und E 350d rücken zusammen
BMW hat die Stärken der E-Klasse genau studiert. Ihre Ausgewogenheit, die Harmonie, das Abgeklärte. All das findet sich nun auch im Fünfer – kombiniert mit einer fantastischen Handlichkeit. Anders als die allradgetriebene Limousine, die wir jüngst in Heft 9 hatten, lenkt der rein hinterradgetriebene Touring leichtfüßig ein. 126 Kilogramm wiegt der bayerische Kombi weniger als der schwäbische, und das spürt man nicht nur in jeder Kurve, sondern auch beim Beschleunigen und Bremsen. Genauso zeigt sich, dass Mercedes die E-Klasse Richtung 5er positioniert hat. Es gibt nun den zusätzlichen Fahrmodus „Sport plus“, dessen Name Programm ist. Damit hängt der Dreiliter-V6 dann bissiger am Gas, während das Neungang-Wandlergetriebe schneller und häufiger schaltet. Das ESP lässt dann sogar leichte Lastwechselreaktionen samt weich eindrehendem Heck zu, was die mitteilsame Lenkung präzise vermeldet.Damit stemmt das T-Modell auf der Teststrecke praktisch die gleichen Werte in den Teer wie der Touring und wedelt auf der Landstraße dem BMW freudig hinterher, lässt sich nicht abschütteln. Unterschiede ergeben sich vor allem subjektiv: Die E-Klasse transportiert noch viel vom Gefühl des großen, schweren Wagens, der satt in der Spur liegt. Und der Bodenwellen mit bräsiger Gleichgültigkeit in den Tiefen seiner Luftfederung aufsaugt.Der Fünfer ist hier verdammt nahe dran, vermittelt aber vor allem im Fond nicht ganz diese wunderbare Ausgeglichenheit. Mit deutlichem Abstand folgt der Volvo. Seine Federung gibt sich reichlich Mühe, Unebenheiten zu kaschieren. Doch vor allem die kleinen Verwerfungen der Straße kommen spürbar zu den Passagieren durch, bringen Unruhe an Bord. Lange Bodenwellen quittiert das Fahrwerk mit deutlichen Hubbewegungen, die speziell auf der Rückbank empfindliche Mägen reizen können.Erstaunlich gut schlägt sich der V90 bei der Dynamik, lenkt zielgerichtet ein, bleibt bis zum sanften Untersteuern bei den Ausweich-Übungen in Reichweite zu den Konkurrenten und setzt beim Verzögern aus Tempo 100 sogar den Maßstab. Sicherheit ist schließlich eine der Kernkompetenzen der Marke, und so zeigt sich der Volvo auch bei den Assistenzsystemen auf Höhe der Zeit.

Multimedia: einmal alles, bitte
Anders sieht es in der schönen neuen Multimedia-Welt aus – ebenso wie das T-Modell bietet der V90 keine integrierten Streaming-Dienste. Zudem lässt sich das Smartphone hier nicht kabellos laden, und ein Anschluss fürs Telefonieren über Außenantenne fehlt ebenfalls. Nur der Fünfer räumt bei Multimedia, Telefon und Entertainment voll ab, ist State of the Art, wie man den Technikvorsprung so schön auf Englisch formuliert, und spricht die Digital Natives an (wer bei diesem Ausdruck jetzt stutzt, gehört übrigens nicht dazu).Nicht zuletzt deshalb gewinnt er diesen Vergleichstest, entscheidet jedes Kapitel der Eigenschaftswertung für sich. Häufig liegt der Mercedes nur wenige Punkte dahinter, was sich in Summe allerdings zu einem messbaren Rückstand aufaddiert. Es sind keine Schwächen, die ihn zum Zweiten machen; es sind vielmehr die Stärken des BMW, die diesen gewinnen lassen.Der neue Fünfer Touring ist ein ausgereiftes, ausgewogenes und feines Stück Automobilkunst. Er hat sich über die Generationen im Windschatten seines großen Vorbilds, des T-Modells, herangesaugt – und tatsächlich überholt. Und der große Volvo-Kombi? Der beeindruckt alle Markentreuen nicht nur mit seiner hervorragenden Ausstattung, sondern auch mit beständigen Verbesserungen im Detail, dem beharrlichen Herausarbeiten der Konturen und dem Schärfen des Charakters hin zum Designobjekt. Man muss diese Edel-Kombis einfach mögen.
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Testwertung
4.5 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2017-07-08

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