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Testbericht

12. August 2014
Direkt an den Zuschauertribünen brüllt der Zehnzylinder des Audi R8 LMX laut protestierend wie ein beleidigtes Kind. Aber niemand hört ihn. Alles konzentriert sich auf das Renngeschehen. Dabei hat er sich doch ein Jahr vor dem Modellwechsel noch mal frisch rausgeputzt mit Laserlicht und Carbonflügel sowie ein Leistungsplus von 45PS gegenüber dem Standard-V10 antrainiert. Doch an diesem Sonntagmorgen um kurz vor sechs Uhr stehlen ihm seine LMP1-Brüder die Laser-Show, drehen auf dem gut 13 Kilometer langen französischen Rundkurs bei Le Mans dicht hinter dem führenden Toyota ihre Runden – zuverlässig wie ein Uhrwerk.

Audi R8 LMX mit 19-Zoll-FelgenNur wenige Hundert Meter abseits der Rennstrecke des 24-Stunden-Klassikers sieht die Sache anders aus, da entfaltet sich endlich die Strahlkraft des Audi R8 LMX mit ihren dicken Hinterbacken und den üppigen 19-Zoll-Felgen. Die Müdigkeit der ersten 14 Rennstunden verfliegt aus den Gesichtern der Besucher des größten europäischen Rennsportspektakels, als der stärkste Hengst aus dem großen Audi-Pferdestall über das Gelände des Circuit de la Sarthe paradiert.Ein paar Jungs schwingen ihre Fähnchen mit den vier Ringen darauf, andere Fans deuten stolz auf die Audi-Logos ihrer T-Shirts. Das ist es, was der Audi R8 LMX erwartet: Respekt. Dafür wurde er gebaut, das hat er erreicht, seit er 2006 – damals noch mit V8-Geschrei – antrat, den Blick auf die Marke mit den vier Ringen nachhaltig zu verändern. Oder wie es Audi-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg strategisch ausdrückt: "Wenn man in dieser Fahrzeugkategorie ein Auto im Programm hat, das wettbewerbsfähig ist, wird man als Marke ganz anders wahrgenommen."Zehn Uhr. Noch fünf Stunden bis zum Zieleinlauf. Toyota führt immer noch – ohne Supersportwagen in der Palette und ohne Fanmassen mit T-Shirts und Fähnchen. Der Audi R8 LMX hat genug vom Zuschauen, will selbst auf die Bahn. Er bahnt sich langsam den Weg Richtung Ausgang, posiert lässig und zugleich selbstbewusst für die Fotografen. Könnte irgendwo sonst auf der Welt ein Auto so schnell zum Star bei Twitter und Facebook werden wie der R8 LMX an diesem Tag in Le Mans? Maximale Aufmerksamkeit bei minimaler Drehzahl.

Nur Posing, keine Performance?Ist der Audi R8 LMX also nur ein Schein-Eiliger? Ein Schönling, der es nötig hat, seinen zugegeben imposant aussehenden Motor durch eine Scheibe für jeden sichtbar und von LED-Licht angestrahlt zur Schau zu stellen? Über die Wettbewerbsfähigkeit des R8 ist im Laufe seiner Bauzeit viel diskutiert worden. Ja, die Sitzposition ist für einen Supersportler zu hoch, und in Vergleichstests musste er sich Porsche geschlagen geben. "Der R8 hatte immer eine Technologieträgerfunktion und wird sie in Zukunft noch stärker haben", verspricht Chefentwickler Hackenberg. Angesichts von Hybrid-Sportlern wie Porsche 918 Spyder und BMW i8 hat Audi technologisch in der Tat noch Luft nach oben, mutet der Zehnzylinder-Saugmotor regelrecht archaisch an. Aber im Hier und Jetzt ist der Antritt des 570PS starken Mittelmotorsportwagens über jeden Zweifel erhaben. Der Audi R8 LMX beschleunigt im Test in 3,8 Sekunden von null auf 100km/h. Beeindruckend, obwohl er die Werksangabe um 0,4 Sekunden verfehlt. Auch der Bremswert – aus Tempo 100 steht der LMX nach gut 33 Metern – ist auf dem Topniveau der besten Supersportwagen. Es geht dem R8 nicht darum, besser zu sein als sein weit häufiger verkaufter Konzernbruder Porsche 911. Es geht, wie gesagt, um Respekt – und den genießt er.Rund 460 Kilometer sind geschafft, Zeit für einen Kaffee. Auf einem kleinen Rasthof in der Nähe von Verdun findet sich das ersehnte Koffein. Vor sieben Jahren haben die Umstehenden noch ungläubig gestaunt: "Ist das wirklich ein Audi?", lautete bei den ersten Ausfahrten die häufigste Frage. Gefragt wird man zum Audi R8 LMX bei Kaffeepausen heute immer noch – nach der PS-Zahl und wie er so geht. Aber keiner fragt, ob das wirklich ein Audi sei.Ein freundlicher Rentner verteilt im Namen von Frankreichs Präsident François Hollande handelsübliche Kugelschreiber und drückt Fragebögen in die Hände. Wie lange sind Sie in Frankreich? Und wie viel Geld haben Sie im Land ausgegeben? Man wolle mehr über die Touristen erfahren, erklärt er. Mit der Tankrechnung kramen wir schnell den Taschenrechner hervor: macht einen Verbrauch von unter 12 l/100 km. Pardon, Monsieur Hollande, aber ohne Ihr Tempolimit wären wohl deutlich mehr Euro im Land geblieben.

Audi R8 LMX siegt in Le MansWeiter geht es in Richtung deutsche Grenze – zur Absicherung des Führerscheins mit eingeschaltetem Tempomat. Umgeben vom edlen Leder-Alcantara-Ambiente, genießt der Fahrer den überraschend guten Federungskomfort auf bequemen Sitzen mit hervorragendem Seitenhalt. Auch wenn der Audi R8 LMX nicht so aussieht: Cruisen ist okay. VW-Konzernchef Martin Winterkorn hat mal über den R8 gesagt, er sei nicht nur ein faszinierender Supersportwagen, sondern auch "ein Auto zum Brötchenholen".Nach 600 Kilometern gibt’s ein Croissant. Im Radio sagen sie, der Toyota TS040 Hybrid sei in Le Mans eine Stunde vor Rennende ausgeschieden, ein Audi R18 e-tron Quattro führe jetzt das Feld an. Der Audi R8 LMX kassiert derweil auf der 823 Kilometer langen Tour hochgereckte Daumen, und selbst ohne großes V10-Konzert machen ihm leistungsstarke Vertreterkombis von Mercedes und BMW bereitwillig Platz. Der R8 ist ein Mittelmotorsportwagen von Audi, der einstigen Marke für Rentner mit Hut, und er ist wer.Sonntag, später Abend. Die 24 Stunden von Le Mans sind vorbei, der Audi mit der Startnummer zwei hat gewonnen. Zur Feier des Tages brüllt der V10 laut jubelnd. Auf der deutschen A 5 kann er sich voll austoben, dreht bassig über das Drehzahlband nach oben. Das schnelle Doppelkupplungsgetriebe wechselt die Gänge im Stakkato. Selbst in den Kurven und bei Geschwindigkeiten von über 300km/h lässt das Auto mit seinem steifen Alu-Space-Frame nie ein ungutes Gefühl aufkommen. Ein Auto zum Brötchenholen eben. Es ist mittlerweile dunkel geworden, der Audi R8 LMX erleuchtet mit seinem Laserlicht die Autobahn weit und fast taghell. Er ist schon eine Lichtgestalt.
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Testwertung
4.5 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2014-08-12

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