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Testbericht

20. Oktober 2015
Andauernd versucht einen der F-Type rumzukriegen. Vor der Ameisenkurve, hinten in der Sachs, überall, jedes Mal beim Anbremsen: Statt sich wenigstens eine Runde lang auf die Linie zu konzentrieren, einen sauberen Strich zu fahren, will er nur rumalbern; stupst einen mit den Torque-Vektoren ins Popometer, tänzelt, schlenzt, flirtet. Die Botschaft: "Komm, pfeif auf die ein, zwei Zehntel, lass uns lieber Spaß haben, du, ich, wir beide; los, zier dich nicht!"

Vantage S und F-Type zwei Roadster für die Sinne
Anfangs versucht man, all das noch irgendwie zu ignorieren, zu verdrängen, sagt sich, erst die Testarbeit, dann vielleicht noch ein bisschen Vergnügen. Ab einem gewissen Punkt jedoch erliegst du ihm: seinem Charme, und der Erkenntnis, dass Performance hier und heute nur die Begleiterscheinung von Entertainment ist, und nicht, wie sonst so häufig, umgekehrt.Der Aston Martin V12 Vantage S tritt mit dem gleichen Selbstverständnis an. Auch er wurde für die Sinne entwickelt, nicht um Sinn zu ergeben; und wie der Jag ist er inmitten einer wachsenden Zahl immer femininerer Roadster noch Macho durch und durch – nur erreichte er dieses Ziel auf einem anderen Weg: Im Laufe seiner mittlerweile zehnjährigen Karriere wurde er behutsam hochgezüchtet, vom V8 zum V12, vom V12 zum V12 S. Erst mild, dann immer wilder. Jaguar hingegen hat mit dem F-Type gleich von Anfang an mächtig auf den Putz gehauen. Allein dieser Werbeslogan: "It's good to be bad" - zu Deutsch: Es ist gut, böse zu sein.

Jaguar F-Type R AWD Cabrio mit heckbetontem Hang-On-Allrad
Dem stereotypischen Jaguar-Fahrer dürfte angesichts des Mottos jedenfalls erst mal die Pfeife aus dem Mundwinkel gepurzelt sein - zumal kein Wort jemals übertrieben war, denn bad ist der Jaguar F-Type fürwahr, als R-Modell vielleicht sogar badass: Auf der einen Seite der bärige Punch des V8-Kompressors, auf der anderen die bisweilen ziemlich überforderte Hinterachse, und dazwischen der Fahrer, der beides irgendwie in Einklang zu bringen versucht.Mit den 2016er-Modellen ändert sich nun aber einiges, und einiges nachhaltig. Zum einen erlöst man das Cabrio endlich vom Schicksal der zweiten Geige. Konkret: Der 495PS starke V8 S wird vollumfänglich zum F-Type R befördert; zum anderen verschnürt man dessen 550-PS-Kraftpaket fortan auf Wunsch mit Allradantrieb - keinem braven natürlich, der das Heck komplett an die Kette legt, sondern mit einer Hang-on-Lösung, die sich weitgehend darauf beschränkt Kraft auf den Boden zu bringen. Bedeutet: Regulär fließen 100 Prozent des Antriebsmoments an die Hinterachse, erst im Bedarfsfall leitet eine Lamellenkupplung maximal die Hälfte nach vorn um.Und dem Fahrempfinden nach liegen Theorie und Praxis tatsächlich nah beisammen. Im Klartext: Der Allrad fällt nie unangenehm auf. Das unvermeidliche Mehrgewicht von 80 Kilo wird mithilfe der 680Nm auf eindrucksvolle Weise übermannt, und auch beim Einlenken, wo so manchem Vierrad-Kollegen ja gern mal die Vorderachse verkrampft, bewahrt sich das Jaguar F-Type R AWD Cabrio im Vergleichstest die Gelenkigkeit seiner heckgetriebenen Pendants.Mehr noch: Durch die Anbindung der Vorderachse verfügt die aktive Momentenverteilung nun über einen zusätzlichen Angriffspunkt. Heißt: Das elektronisch gesteuerte Diff stachelt mit Kraftimpulsen entlang der Hinterachse weiterhin das Handling an, der Allrad spitzt es nun jedoch zugunsten eines präziseren Abbiegens zu. Eine Win-win-Situation also, die der Aston Martin V12 Vantage S aber relativiert.

Aston Martin V12 Vantage S wirkt akkurater als der Jag
Sein Antrieb ist simpler gestrickt, spart sich das Herumgeschubse von Drehmomenten ebenso wie eine Allradoption. In Traktionsprobleme gerät er dennoch nicht. Unterschied nur, dass er sich erst gar keine macht: Der 573PS starke 5,9-Liter-Sauger entfaltet seine 620Nm gefühlvoller als der ungestüme Jaguar-Fünfnull, legt etwas zäher los, zieht sich dann aber straff und linear an der Drehzahl hoch und bleibt stets ganz knapp diesseits der Haftungsgrenze seiner mechanisch gesperrten Hinterachse. Überhaupt wirkt der Vantage stellenweise akkurater. Lenkung, Fahrwerk, alles ist authentischer, griffiger, lässt sich anfassen und hält auch dann noch dagegen, wenn man mal richtig zulangt.Der Jag hingegen flutscht einem immer ein bisschen in den Fingern herum. Racer nennen ihn seifig, stören sich an der leichten Unschärfe zwischen Aktion und Reaktion, Genießer indes empfinden ihn als wunderbar leger: aufgeknöpfte Hemdsärmel, Used-Look-Jeans – diese Richtung. Was besser ist? Die Frage stellt sich nicht. Es geht um Vorlieben. Um Liebe vielleicht sogar, und ein wenig auch um Sex.

Aston und Jag begeistern mit obszönem Klang
Allein über das Design der beiden ließen sich allerhand schlüpfrige Geschichten verfassen, der Klang driftet gar ins pornöse ab. Wir gehören hier sicher nicht zu den Prüden unserer Zunft, ganz sicher, doch was in aller Welt hat Jaguar geritten: Grölen, Poltern, Röhren, dazu das sperrfeurige Geratter beim Durchziehen und dieses Spratzeln, wenn die pfeilschnelle Achtstufenautomatik einen Gang hochklatscht. Oh! My! God save the Queen!Der Aston Martin V12 ist kaum leiser, artikuliert sich aber nicht ganz so pubertär. Auch bei ihm ist es die Abgasanlage, die der Akustik Volumen verleiht, im Gegensatz zum F-Type jedoch verschmilzt sie mit dem Motorklang, statt ihm die Show zu stehlen. Kein Rumgeballer bei Lastwechseln, keine Gewehrsalven beim Schalten, sondern nur dieser stimmige Hard-Chor aus dem Schnauben des V12 und einem herrlich versoffenen Auspuff-Playback.

Genießer-Sportwagen statt Ideallinenzögling
Die Herausforderung besteht beiderseits jedenfalls darin, sich vor lauter Genießen nicht vom Fahren abzulenken. Wobei – ganz wichtig – Genuss in diesem Zusammenhang keineswegs als Alibi zu verstehen ist, mit dem wir Schreiber ja gern mal Unzulänglichkeiten in der Dynamik rechtfertigen. Klar sind die zwei keine Ideallinienzöglinge, und gottlob auch nicht die Nächsten in einer langen Schlange, die dem 911 ans Leder wollen – aus Prinzip schon nicht. Aber sie sind Sportwagen, waschechte – der Aston Martin V12 Vantage S mehr, der Jaguar F-Type als AWD mehr denn je: halbwegs sauber verteilte Achslasten, vollständig abschaltbare Fahrhilfen, ausreichend Power für einen Slide und Sportreifen als Option – die hier allerdings nur Aston Martin zog.Euphorie hin oder her: Ein paar Schwächen bedürfen dann doch der Erwähnung. Beim Jaguar liegen sie im Verborgenen, in der Basis und letzten Endes im hohen Grundgewicht; im Aston hingegen sind es offensichtliche. Eine betrifft das Infotainment, das sich über die renovierte Mittelkonsole nun zwar nervenschonender bedienen lässt, vor allem in der Navi-Darstellung aber nach wie vor ganz gruselig nach 90ern mieft. Haar in der Suppe, okay, spielt fürs Fahrfeeling keine Rolle, geschenkt. Nur ist da eben noch etwas: das Siebenganggetriebe – ein automatisiertes und beileibe nicht das schnellste.

Aston Martin Vantage S spielt V12-Blockbuster mit Schaltpausen
Mag ja sein, dass man Schaltzeiten und Übersetzung für das S-Modell noch mal raffen konnte, dennoch wirken die Gangwechsel immer noch wie die Werbeunterbrechungen in einem dieser Action-Blockbuster. Im Ernst: Stellen Sie sich das ruhig wie im Fernsehen vor, wo einem – gerade wenn der Bogen mal Spannung aufbaut – ja auch immer irgendein Dödel was über Blasenschwäche und Arzneikürbisse erzählen muss. Immerhin: Mit steigender Last verdichten sich diese Durchhänger zu einem kurzen, durchaus stimmungsvollen Kick im Hinterteil, sodass der technische Rückstand des Getriebes kein fahrdynamisch relevanter ist. Im Gegenteil: In imposanten 1.13,4 min. donnert der Aston Martin V12 Vantage S um den Hockenheimring, wobei das Kompliment nicht nur für die Zeit als solche gemeint ist, sondern insbesondere für die Art und Weise, wie sie entsteht.Spätestens in der Querspange kommt einem der Begriff der Fahrmaschine in den Sinn. Und im Gegensatz zu vielen, die in letzter Zeit behaupten, eine zu sein, ist es er hier auch – der Vantage im Allgemeinen und der V12 S im ganz Speziellen. Er mischt ehrliche Arbeit mit Feinmechanik, fordert, fordert heraus, überfordert aber nie und steht gefühlsmäßig damit wohl irgendwo zwischen Corvette und Carrera S: nicht ganz so grobmotorisch, nicht ganz so filigran, aber – Obacht Meinung – emotionaler als beide zusammen. Objektiv betrachtet fehlt beim Einlenken vielleicht etwas der Biss, und der Performance bestimmt ein gutes Stück zur Weltspitze. Subjektiv jedoch vermisst man nichts.

Zehntel? Bei F-Type und Vantage V12 S zählt der Moment
Und das gilt genauso auch für das Jaguar F-Type R AWD Cabrio, das die Sache mit dem sportlichen Ehrgeiz sogar noch einen Tick lockerer nimmt – im Slalom ebenso wie auf der Strecke. Dank Allradantrieb und Kompressordruck puncht er zwar energischer aus Scheitelpunkten als der zart übersteuernde Aston Martin V12 Vantage S, mit seiner leierigen Lenkung, der zahmeren Bereifung und dem leichten Spiel im Heck bohrt er sich aber nicht ganz so zielstrebig in sie hinein.Einen Punkt und 0,3 Sekunden Rückstand fängt er sich damit in der Endabrechnung ein – doch das ist kaum mehr als eine Randnotiz für Autos, bei denen weniger die Zehntelsekunde zählt, als vielmehr der Moment.
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Testwertung
4.5 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2015-10-20

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