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Testbericht

9. Juni 2016
Von Liebhabern weiß man ja, dass sie mitunter gern und lange warten müssen, da ist es eigentlich kaum überraschend, dass sich die Giulia so ziert, bevor sie sich den Alfa-Fans zeigt. Erst gab sie ein stehendes Debüt auf der IAA, dann – viel später als gedacht – durfte der bärenstarke Quadrifoglio gefahren werden. Und nun ist sie da, die neue Limousine von Alfa Romeo, auf die wir Freunde der Marke seit 1978 warten. Damals ersetzte die Giulietta mit Transaxle-Hinterachse die seit 1962 gebaute klassische Giulia.

Alfa Romeo Giulia mit Diesel zum ersten Vergleich
Und nun fragt der Mann von Alfa Romeo einfach so: "Welche wollt ihr?" Er meint damit die Farbe. Den Roten, sagen wir, ein Alfa zählt halt immer noch zu den Autos, die rot sein dürfen. Und der Audi A4, den wir, damit es der Giulia nicht zu fad wird, zu einem ersten Vergleich mitgebracht haben, ist ebenfalls rot. Beide übrigens mit Dieseltriebwerken – die Benziner-Giulia lassen noch länger auf sich warten –, der Alfa mit dem neuen 2,2-Liter und 180 PS, 190 PS leistet der 2.0 TDI im Audi. Einsteigen, Tür zu, der Schlüssel landet in der Ablage, der Startknopf sitzt unterhalb der linken Lenkradspeiche, nicht nur das sieht ein wenig nach Ferrari aus. Der Diesel wummert los, ein wenig präsenter, als man es aus dem Audi A4 gewohnt ist, aber nun, das ist immerhin ein Alfa. Die Gegend rund um das Fiat-Konzern-Testgelände bei Balocco, auf dem wir die Giulia ausfassen, ist ja wenig bekannt für landschaftliche Schönheit, eher für Reisfelder, regnerische Frühlinge, flaches Land und als Wirkungsstätte von Amedeo Avogadro, dem Entdecker der gleichnamigen Konstante. Über den Bergen im Norden hängen die Regenwolken wie Fesselballons, also bleiben wir mit der neuen Giulia und dem seit letztem Jahr bekannten A4 im Flachland, es gibt auch so viel zu erleben.

Ausstattungsvariante mit traditionsreichem Namen "Super"
Unsere rote Giulia hat das Sechsgang-Schaltgetriebe, eine Kombination, die sicher auch auf dem deutschen Markt häufiger geordert werden wird. Sie steht ab 37.400 Euro in der Preisliste, die Ausstattungsvariante trägt den traditionsreichen Namen "Super". Für 2.250 Euro Aufpreis kommt die Giulia mit Achtstufenautomatik. Der rote A4 ist etwas teurer, er ist ab 38.550 Euro zu haben, mit S tronic – wie in diesem Fahrvergleich – ab 40.850 Euro. Keine großen Unterschiede auch bei der Ausstattung, die Giulia ist als Super recht gut ausstaffiert, Klimaautomatik, Parksensoren, 17-Zoll-Alus oder Stoff-Leder-Sitzbezüge sind immer an Bord. Das ist beim A4 ähnlich, bis auf wenige Ausnahmen; Parkpiepser und Alus gehen beispielsweise extra. Zurück in die Giulia, denn schließlich wollten wir wissen, wie sie nun fährt: Auf den Landstraßen zwischen Feldern und Berghängen erweist sich der 180-PS-Diesel als passende Motorisierung, er hängt gut am Gas, der Alfa zieht locker an den diversen Fiat- und Iveco-Transportern vorbei, klingt dabei ein wenig kerniger als der Selbstzünder im Audi. Geschenkt, die Unterschiede sind vermutlich nur im direkten Vergleich erfahrbar. Zur Charakteristik passt das eng gestufte Sechsganggetriebe, dessen höchste Fahrstufe für den Landstraßengebrauch nicht zu lang übersetzt ist. Das Getriebe schaltet sich übrigens leichtgängig und auf kurzen Wegen. Ebenfalls sehr harmonisch gestaltet sich die Zusammenarbeit von TDI und S tronic im A4; spontane, ruckfreie Schaltmanöver, passende Abstufung, da gibt es wenig zu mäkeln.

Alfa Romeo Giulia agiler als der Audi A4
Ein paar Kurven finden sich hier ja doch, auch weil wir trotz der Regenwolken in Richtung Berge abgebogen sind. Im zweiten und dritten Gang packt der Alfa alles zwischen Spitzkehre und schnellen Biegungen, der Wagen schwingt leicht und flockig durch die Kurven. Selbst bei leicht feuchtem Asphalt sind keine Traktionsprobleme feststellbar, und man muss es schon gehörig übertreiben, damit sich das ESP mit flackernder Kontrollleuchte meldet. Das freilich geht im A4 nicht ganz so flockig. Seine Untersteuertendenz ist spürbarer, und gerade in nassen Kehren verlieren die Vorderräder schon manchmal die Contenance. Stört kaum, die Traktionskontrolle kümmert sich darum, schön fühlt es sich dennoch nicht an. Die Giulia soll die direkteste Lenkung im Marktsegment der Premium-Mittelklasse-Limousinen haben, heißt es. Kann sein, sie spricht aus der Mittellage fast ein wenig zu hastig an, Rückmeldung und Präzision sind einwandfrei. Ganz anders die Lenkung im A4, die nicht ganz so exakt und mitteilungsbedürftig agiert. So entsteht stets das Gefühl, bei schneller Kurvenfahrt mehr und kräftiger am Lenkrad zu kurbeln als im Alfa, der beschwingter und leichtfüßiger durch die Kehren tänzelt.

Die Giulia begeistert
Oben auf dem Berg liegt ein Dorf, so ist das in Italien halt. Auf dem Marktplatz neben der Kirche verkaufen sie Gemüse, Käse und Salami aller Art. Die beiden roten Limousinen sorgen gleich für Aufsehen, das Publikum ist zwar im Rentenalter, dennoch fachkundig. "La nuova Giulia", der Alfa wird gleich erkannt und bewundert, der Audi mit anerkennendem Nicken registriert. Ob das der neue 2,2er-Diesel sei, will ein älterer Herr wissen. Ja, antworten wir, der mit 180 Cavalli. Bellissima, antwortet der freundliche Italiener und fügt hinzu, bevor er mit einer kleinen Kiste Suppengemüse und Zucchini abtritt, dass Alfa ja nun wirklich die schöneren Autos baue. Man muss es nicht so blumig ausdrücken wie der oberste Konzern-Designchef von Fiat, Lorenzo Ramaciotti, der bekanntlich sagte, das Design der Giulia sei sanft wie eine Wolke, die nicht preisgebe, welche Kraft in ihr stecke. Schwer vorstellbar, dass Audi-Designchef Marc Lichte so etwas über den A4 sagt, dennoch kann man konstatieren, dass die Limousine elegant und stimmig aussieht.

Audi A4 federt etwas feiner
Auf dem Weg zurück Richtung Balocco suchen wir uns ein paar herbere Landsträßchen aus, auch diese Prüfung absolviert die Giulia mit Bravour. Dass sie keine Sänfte ist, war zu erwarten. Doch obwohl das Aktivfahrwerk mit Verstelldämpfern noch nicht lieferbar ist und der Testwagen herkömmlich federt und dämpft, rollt er sehr geschmeidig über die Verbindungswege zwischen den Reisfeldern. Etwas geschmeidiger gibt sich hier der Audi, der kleine Unebenheiten weicher niederbügelt und große feiner ausfedert, ein Klassenunterschied ist das aber nicht. Bleibt noch etwas Zeit, um uns der Bedienung zu widmen. Sie folgt mit einem Dreh-Drück-Steller deutschen Vorbildern, ohne in der Klarheit der Menüstruktur und der Übersichtlichkeit an diese heranzureichen. Auch bei Material- und Verarbeitungsqualität besteht ein gewisser Abstand zum A4, Werkstoffe und Bedienelemente wirken im Audi einfach wertiger. Auch keine überraschende Erkenntnis, die wenigsten Alfa-Liebhaber wird es stören, das lange Warten hat sich auch so gelohnt.
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Testwertung
4.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2016-06-09

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