Testbericht

Marcel Sommer, 30. November 2014
Nach einer Fahrt im Dienstwagen des Rally-Weltmeisters Sebastien Ogier ist eines zumindest klar: Der Höhepunkt der eigenen automobilen Erfahrung ist erreicht.

Sie zählen nicht ohne Grund zu den besten Autofahrern der Welt: die Rennfahrer der World Rally Championship, kurz WRC. Der zum zweiten Mal in Folge gekrönte König dieser Disziplin heißt seit ein paar Wochen Sebastien Ogier. Zusammen mit seinem ebenfalls französischen Co-Piloten Julien Ingrassia fuhr er in diesem Jahr wieder allen davon. Ein Grund mehr, sich sein Sportgerät, beziehungsweise seinen Dienstwagen mal ganz genau anzuschauen. Mehr noch. Auf dem Hochsicherheits-VW-Testgelände in Ehra-Lessien durfte eine Handvoll geladener Gäste aus der ganzen Welt zum ersten Mal dem Weltmeisterauto VW Polo R WRC selbst die Sporen geben - selbstverständlich mit feuerfester Unterwäsche, Rennanzug, Rennschuhen und dem HANS-System. Anders als der Rennschalen-Sitz aus Karbon, der wie ein Ski-Schuh an die Körperform der schmächtigen Rennfahrer angepasst wird, ist vom HANS schon nach wenigen Sekunden nichts mehr zu spüren. Aber auch der Schmerz der gequetschten Hüfte ist dank des aufsteigenden Adrenalins schnell verdrängt.

Die letzten Worte, die kurz vor dem rund zehn minütigen Ausritt auf dem Handling-Parcours unter der Sonne Niedersachsens und den wachen Augen der VW-Truppe in den Innenraum dringen, sind die des Norwegers Andreas Mikkelsen. Der VW-Werksfahrer erklärt noch schnell, wie dem Sequenziellen Sechsgang-Renngetriebe die Gänge reingehämmert werden müssen: "Nach vorn Runterschalten, zu Dir hin: Hochschalten. Die Handbremse einfach zu Dir ziehen und wieder loslassen." Na gut. Mit den Gedanken im Kopf "Wenn das ein 25 Jahre junger Norweger und ein 30 Jahre alter Franzose hinbekommen, wird das schon nicht so wild sein" geht es los. Sehr zur eigenen Freude gelingen die ersten Meter ohne nennenswerte Verschalter oder sogar Abwürger. Die erste gemütliche Linkskurve zeigt aber sofort auf, dass sich mit dem Fahrzeug hier erst einmal angefreundet werden muss. Ähnlich einer Frau ist ein Polo R WRC nur dann nett zu einem, wenn auch er nett behandelt wird. Eine falsche Bewegung und die stahlgewordene Zicke fängt an zu schreien. Gesagt getan, schon auf den ersten 400 Metern wird aus Versehen der Schaltknüppel beim Herausbeschleunigen nach vorn geprügelt - das Motorengeschrei und die rot aufflammende Drehzahlwarnung im handlichen Display erfüllt das Testgelände.

Der Mensch lernt aus Fehlern, und dies sollte der letzte an diesem Tag sein. Schon ein paar Minuten später ist der 315 PS starke und 1,6 Liter große Reihenvierzylinder eingeritten. Zusammen mit dem Allradsystem des 3.976 Millimeter langen Boliden ergibt sich eine Kombination, die für ein Dauergrinsen auf dem behelmten Gesicht sorgt. Die Zahnstangenlenkung mit Servounterstützung gibt zudem dem Fahrer das Gefühl in einem Go-Kart zu sitzen - direkter geht es nicht. Schnell wird klar, wenn hier jemand einen Ausflug ins Grüne macht, ist er selbst schuld - nicht das Auto. Denn das macht zu 100 Prozent genau das, was der Fahrer ihm befiehlt. Das Gefühl eins mit dem Auto zu sein, trifft nirgends besser zu, als in einem Rally-Boliden. Und mit keinem anderen Rennwagen könnte der Pilot mal eben so gemütlich ums Eck zum Brötchenholen fahren. Dass dem so ist, hat aber auch einen guten Grund. Denn zwischen den vielen Wertungsprüfungen der insgesamt 13 weltweit ausgetragenen Rallys müssen die Teams über öffentliche Straßen inmitten des normalen Straßenverkehrs von A nach B kommen.

Das spielt in den fünf Runden auf dem kurvenreichen Testgelände aber eigentlich gar keine Rolle. Hier werden gerade Rekordzeiten auf den Asphalt gebügelt. Zumindest fühlt es sich so an. Denn noch nie konnte mit einem Auto so kontrolliert gedriftet, Kurven so präzise durchfahren und so hart gebremst werden. Mit dem Traum gleich nach dem Aussteigen einen Jahresvertrag von VW-Motorsport unterzeichnen zu können, wird der letzte langgezogene Drift des Tages beendet - denkste! Mit einem breiten Grinsen im Gesicht übernimmt Ogiers-Teamkollege Mikkelsen das Lenkrad und zeigt mal kurz, warum es heute dann wohl doch nichts mit der Vertrags-Unterzeichnung wird. Zu allem Elend lädt Renningenieur Richard Browne anschließend auch noch zur Datenauswertung ins Team-Zelt ein. "Hier hat Andreas 33 Meter später gebremst als Du. Hier ist er 83 Meter mehr Vollgas gefahren als Du", und so weiter… Was bleibt ist das Wissen, dass Rallyefahrer zum einen so gut sind, weil sie schlicht bessere Autofahrer sind. Zum anderen, weil sie mit Autos fahren dürfen, die neben einer Waffenscheinpflicht eigentlich auch der Vergnügungssteuer unterzogen werden sollten. Denn in solch einem Auto fahren zu dürfen, kann doch eigentlich nicht als Arbeit gelten. Selbst, wenn wie in Mexiko bis zu 60 Grad im Innenraum herrschen. Und auch das dürfte kein Problem sein, denn die Jungs haben ja feuerfeste Anzüge an…
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Testwertung
4.5 von 5

Quelle: press-inform, 2014-11-30

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