Testbericht

26. Januar 2012
Mailand (Italien), 26. Januar 2012 - Ein Alfa mit Automatik? Vor einigen Jahrzehnten hätte diese Frage noch für Aufruhr unter den Fans der Marke gesorgt. Doch die Zeiten ändern sich, schalten lassen kommt immer mehr in Mode. Dafür haben in den letzten Jahren vor allem Doppelkupplungsgetriebe gesorgt. Sie sind leichter und sparsamer als klassische Wandlerautomaten. Nun schickt Alfa Romeo die Giulietta mit Doppelkupplung an den Start. Lohnt sich der Mehrpreis? Attraktive Haut Bevor wir uns dem neuen Getriebe zuwenden, betrachten wir kurz die äußeren Werte der Giulietta. Der Fünftürer sticht deutlich aus der Kompaktwagen-Masse hervor. Vorne prangt stolz das "Scudetto", der typische Alfa-Grill, während das Markenlogo am Heck von vertikalen, gut sichtbaren LED-Rückleuchten eingerahmt wird. Das seitliche Profil erinnert insbesondere im Bereich der C-Säule an den 1er-BMW. Doch Alfa kopiert den Bayern nicht. Wir finden: Eine gelungene Designsprache, zumal der neue 1er optisch an Präsenz verloren hat. Mit 4,35 Meter ist die Giulietta übrigens drei Zentimeter länger als der BMW. Besonders gefällt uns der Schwung im hinteren Seitenfenster des Alfas, dort verbergen sich die Türgriffe. Hinzu kommt eine abfallende Dachlinie, die jedoch im Fond Konzessionen an die Kopf- und Beinfreiheit verlangt. Weniger ist mehr Wechseln wir nun ins Cockpit: Hier hat Alfa aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und ein adrettes Ambiente geschaffen. Aufgewertet wird die Räumlichkeit durch Dekoreinlagen. Besonders nett anzuschauen sind die optionalen Leisten aus dunklem gebürstetem Aluminium. Während im BMW 1er eine wuchtige Mittelkonsole Fahrer und Beifahrer trennt, setzt die Giulietta auf eine elegantere Lösung. Der untere Bereich mit den großen Klimareglern ist nicht nur recht schmal, sondern auch nach hinten zurückversetzt. So fühlen sich die Knie richtig wohl, hinzu kommt viel Platz für Schultern und Arme. Alles perfetto also im Alfa? Nicht ganz, ein paar Kleinigkeiten stören das positive Bild: Den Vordersitzen mangelt es an Seitenhalt, einige Bedienknöpfe könnten größer sein, zudem wirkt die Darstellung auf dem 6,9 Zoll großen Navi-Display etwas angestaubt.
Auf dem Trockenen Die Neuheit im Alfa Giulietta zeigt sich dem Fahrer lediglich in Form eines Wählhebels samt den bekannten Automatik-Buchstaben. Doch eine Automatik ist es nur vom Bedienungskomfort her. TCT steht für "Twin Clutch Transmission", auf deutsch: Doppelkupplungsgetriebe. Das System mit dem Code C635 weist gleich zwei Besonderheiten auf: Es wurde komplett vom Fiat-Konzern entwickelt und ist ein so genanntes trockenes Doppelkupplungsgetriebe. Begründet wird die Entscheidung dafür damit, dass im Vergleich eine nasse Ausführung mit Öl gekühlt werden muss (deshalb "nass"), weshalb eine Pumpe mitläuft, die Energie kostet. Hinzu kommt ein durch das Öl bedingtes Mehrgewicht. Zwar verkraften nasse Varianten ein höheres Drehmoment, doch das 81 Kilogramm schwere Alfa-TCT ist für immerhin 350 Newtonmeter ausgelegt. Markenkenner werden spätestens jetzt einwerfen: Das Sechsgang-System gibt es doch schon seit 2010 im MiTo, warum hat es bei der Giulietta so lange gedauert? Des Rätsels Lösung: Einige Bauteile stammen vom japanischen Zulieferer Aisin, der vom Erdbeben im März 2011 betroffen war. Auf Nachfrage wird übrigens bestätigt, dass im C635-Getriebe auch noch Platz für eine siebte Stufe ist. Gemischtes Doppel Kombinierbar ist das TCT mit dem 1,4-Liter-Turbobenziner und dem Zweiliter-Diesel, beide leisten jeweils 170 PS. Für unsere erste Testrunde wählen wir den Ottomotor. Mit dumpfem Klang legt er ohne spürbares Turboloch los. Dazu passt das Doppelkupplungsgetriebe, das stets den passenden Anschluss bereithält. Die Gangwechsel erfolgen unauffällig, zudem ist das Getriebe lernfähig. Wollen wir ordentlich aufs Gas drücken, werden die Gänge länger ausgedreht. Derart heftig muss der aufgeladene Benziner aber gar nicht rangenommen werden: Schon bei 2.250 Umdrehungen stehen 230 Newtonmeter bereit, in 7,7 Sekunden geht es von null auf 100 km/h. Noch einen Nachschlag gibt es, wenn man den so genannten DNA-Schalter nahe des Schalthebels auf "D" schiebt. Das "D" steht für Dynamic, hier werden die Gänge etwas länger ausgedreht. Das Resultat: 250 Newtonmeter bei 2.500 Touren. Dynamischer Diesel Noch lässiger nimmt der Selbstzünder den Asphalt des Fiat-Testgeländes nahe Mailand unter die 16-Zoll-Räder. Hier steht die Kraft von 320 Newtonmeter bereits bei 1.500 Umdrehungen an. Wie gehabt gibt es im Dynamic-Modus einen Nachschlag: 30 Newtonmeter mehr bei 250 zusätzlichen Touren. Sobald der Diesel warmgefahren ist, verwöhnt er die Insassen mit hoher Laufkultur. Das TCT-Getriebe arbeitet jedoch subjektiv etwas träger, was aber angesichts der stämmigen Leistung kaum ins Gewicht fällt. Störender ist hingegen die relativ betuliche Arbeitsweise der Start-Stopp-Automatik. Sie ist bei den beiden Giulietta-Versionen serienmäßig an Bord und bei Bedarf abschaltbar.
Lust am Lenkrad Richtig Laune macht das agile Handling der Giulietta. Im ersten Moment mag man die Lenkung für schwergängig halten, doch das ändert sich rasch auf kurvenreichem Geläuf. Hier zeigt sich, dass kleinste Lenkbewegungen präzise umgesetzt werden. Anders ausgedrückt: Das Auto gehorcht dem Fahrer, was besonders im Dynamic-Modus gilt. Beeindruckend ist die geringe Seitenneigung in Kurven, die wir mit mehr Seitenhalt auf den Sitzen noch besser genießen könnten. Abgerundet wird der positive Eindruck durch das Fahrwerk, welches eine ausgewogene Mischung aus komfortabel und straff darstellt. Natürlich kann die Giulietta ihren Frontantrieb nicht leugnen, doch dank des serienmäßigen elektronischen Sperrdifferenzials Q2 ist der Grenzbereich weit oben angesiedelt. Nicht billig, aber fair Optik hin, Fahrspaß her, letztlich wird beim Händler abgerechnet. Für die Ausrüstung mit TCT ruft Alfa Romeo zusätzliche 1.800 Euro auf. Bei der Giulietta 1.4 TB MultiAir ergibt sich so ein Preis von 26.000 Euro, der 2.0 JTDM dieselt nach Zahlung von 28.900 Euro vom Hof. Dafür gibt es die ansehnliche Turismo-Ausstattung. Serienmäßig sind hier unter anderem eine Klimaautomatik, eine Audioanlage, 16-Zoll-Leichtmetallfelgen oder auch ein Lederlenkrad an Bord. Hinzu kommt, dass der Benziner nur alle 30.000 Kilometer zur Inspektion muss, beim Diesel sind es sogar 35.000 Kilometer. Werfen wir noch einen Blick auf die Konkurrenz, allen voran natürlich der unvermeidliche VW Golf. Als GTD leistet er wie der Alfa auch 170 PS. Mit DSG und hinteren Türen müssen 31.235 Euro nach Wolfsburg überwiesen werden. In ähnlichen Gefilden befindet sich der BMW 120d: Er bietet für 31.400 Euro eine Achtgang-Automatik und 184 PS.
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Technische Daten
Antrieb:Frontantrieb
Anzahl Gänge:6
Getriebe:Doppelkupplungsgetriebe
Motor Bauart:Diesel mit Common-Rail-Direkteinspritzung
Hubraum:1.956
Anzahl Ventile:4
Anzahl Zylinder:4
Leistung:125 kW (170 PS) bei UPM
Drehmoment:350 Nm bei 1.750 UPM
Preis
Neupreis: 28.900 €
Fazit
Es ist beinahe wie in den 1960er-Jahren: Mit der Giulietta TCT hat Alfa Romeo ein stimmiges Gesamtpaket geschaffen, welches sich selbst hinter einem BMW 1er nicht zu verstecken braucht. Das Aussehen eines Autos ist natürlich immer Geschmackssache. Unbestreitbar ist jedoch das gute Zusammenspiel zwischen Motor und Doppelkupplungsgetriebe, gepaart mit einem trotz Frontantrieb exzellenten Handling. Das legendäre "Cuore Sportivo": Hier schlägt es wieder.
Testwertung
4.5 von 5

Quelle: auto-news, 2012-01-26

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