Testbericht

23. August 2010
Haar, 23. August 2010 - Keiner hupt. Die Schranke vom Supermarktparkplatz geht nicht hoch, ist defekt. Die Auto-Schlange hinter uns wird immer länger. Aber keiner hupt. Unser riesiger Wagen überzeugt mit unerwarteter Präsenz, er fällt auf und selbst die Jugendlichen in ihren getunten Polos auf nächtlichen Brandenburger Landstraßen haben zwar vor keinem Baum, aber vor dem Nissan Pathfinder Respekt. Ein Audi Q7 sieht neben ihm klein aus und die Grundfläche unseres Japaners liegt knapp unter der eines VW-Busses. Außerdem: Der Wagen ist nicht irgendein popeliges Show-SUV, sondern ein beinharter Geländegänger.

Reisefähig Unser von außen mit eckiger Strahlkraft wirkender Wagen überrascht mit einem recht wohnlichen Innenraum. Im Gestühl sitzen wir bequem, selbst in der dritten Reihe hat man als Erwachsener irgendwie Platz. Dort hinzukrabbeln, erfordert, wie bei den meisten dritten Sitzreihen, geschmeidige Gelenke. Am Lenkrad fällt uns sofort das alte Nissan-Problem auf: Es lässt sich nur in der Senkrechten verstellen, zum Körper heranziehen aber von ihm wegdrücken lässt es sich nicht. Ansonsten genießen wir wegen der außergewöhnlichen Sitzhöhe einen erhabenen Blick auf die Straße, für den Blick nach hinten benötigen wir unbedingt die im Paket optional lieferbare Rückfahrkamera (2.980 Euro für die Ausstattung LE): Das Heck befindet sich irgendwo am Horizont und fällt zudem steil ab. Aber die Kamera macht einen hervorragenden Job, selbst bei den schwierigen Lichtverhältnissen einer verregneten Nacht. Ein Rückfahrlicht hat Nissan dem Pathfinder nur rechts spendiert - auf beiden Seiten wäre es wegen der Bildausleuchtung für die Kamera noch schöner.

Warteschlange in 25 Kilometer Um das Navigationssystem unseres Wagens einzustellen, müssen wir uns zwar weit nach vorne beugen - aber es zeigt uns präzise den Weg und führt uns gekonnt um jeden Freitag-Abend-Stau auf der A9 Richtung Berlin herum. Und es warnt nicht öde vor einem "Stau", sondern kündigt nett eine "Warteschlange" an - das hebt die Laune. Auch das Bluetooth-Freisprechsystem des Pathfinder ist eines der unkompliziertesten und unanfälligsten, das wir je in einem Testwagen hatten. Am Heck wartet noch ein Goody auf Leute, die es gerne lässig haben: Die Heckscheibe lässt sich separat zum "Mal-schnell-was-in-den-Wagen-schmeißen" öffnen. Ein bisschen umständlich ist die wegen der dritten Sitzreihe zweigeteilte Gepäckraumabdeckung. Diese muss an mehreren seitlichen Vertiefungen eingeklippst werden. Legen wir alle Sitze der zweiten und dritten Reihe um und ziehen die Abdeckung aus ihren vielen Verankerungen, dann öffnen sich vor uns 2.091 Liter Stauraum-Volumen.

Poltert und schwimmt Ganz klar: Der Pathfinder rüpelt über alles rüber, was sich ihm in den Wag legt. Querfugen aller Art gelangen relativ ungedämpft in unsere Rücken, gut, dass wir immerhin bequeme Sitze haben. Kurze Asphalt-Wellen werden exakt kopiert - da geht es uns nicht besser als dem Iveco Daily vor uns. Und die Lenkung ist für Stadt und Gelände gut, aber bei hohen Geschwindigkeiten wartet sie mit einem besorgniserregenden Spiel auf. In Kombination mit dem seitenneigungswilligen Fahrwerk wird das großzügige Lenkungsspiel in der schnellen Autobahnkurve was für Fahrer mit Nerven. Hier bekommt der handfeste Auftritt des Pathfinder seine ersten Kratzer. Wiederum gut: Die innen belüfteten Scheibenbremsen rundum haben das 2,3-Tonnen-Gefährt jederzeit im Griff, zwingen es bei Bedarf ruck zuck zum Stillstand.

Allrad fürs Gelände Der Pathfinder, der in seiner Pick-up-Variante Navarra heißt, ist serienmäßig mit einem permanenten Allradantrieb ausgerüstet. Dieser Antrieb lässt sich über einen Drehschalter in der Mittelkonsole einstellen. "Auto" ist die Stellung der Wahl für den Hausgebrauch von Otto-Normalverbraucher: 100 Prozent der Kräfte liegen am Heck an und werden bei Bedarf bis zu 50 Prozent nach vorne geschickt. Mit dieser Einstellung sind wir auf Asphalt und Feldwegen grundsätzlich sicher unterwegs. Die Stellung "4WD" empfiehlt sich nur fürs Gelände. Nissan selbst weist im Handbuch darauf hin: Der Allradantrieb verbraucht auf trockener Straße unnötig viel Energie und bringt wegen der jetzt rotierenden Kardanwelle eine zusätzliche Geräuschbelastung mit sich. "LO" aktiviert dann die Untersetzung - der Modus für die ganz schweren Situationen wie heftiges rutschiges Gefälle. Keine Frage, der Pathfinder kommt da locker weiter, wo andere Fahrzeuge längst sterben.

Ur-Faucher Die Kraft des Pathfinder kommt hierzulande ausschließlich von einem 2,5-Liter-Diesel mit vier Zylindern. Dieser brummt, faucht und gurgelt - und klingt stark nach Nutzfahrzeug. 190 PS sind am Ende da und ein maximales Drehmoment von 450 Newtonmeter. Dieser gewaltige Griff an die Kurbelwelle erfolgt bei 2.000 U/min - und erst ab 1.500 U/min ist der Schub brauchbar. Bis dahin passiert nicht viel im Motorengebälk, aber bei 1.500 U/min schlägt der Selbstzünder erbarmungslos zu. Uns haut es fast in die Sitze, in 11,0 Sekunden ist der schwere Kasten auf Tempo 100, rauf geht's offiziell bis zu monströsen 186 km/h. In unserem Test klebte die Tachonadel maximal gerne bei 196, auf der Bergab-Strecke über der 200-km/h-Markierung. Es sei mal dahingestellt, ob es verantwortungs- und sinnvoll ist, den japanischen Sumo-Sportler bei deutschen Autobahn-Geschwindigkeiten zu hetzen, aber es geht - auch über lange Strecken.

Ganz schön hungrig Und während der echte Sumoringer mit Unmengen an fettigen Hühnerhäuten und Bier seinen Hunger und Durst stillt, verdrückt unser Pathfinder mindestens 11,2, im Schnitt sogar 12,9 Liter Diesel auf 100 Kilometer. Die große Stirnfläche, die kantige Form und das hohe Wagengewicht fordern hier unbarmherzig ihren Tribut. Wann das Euro-4-Aggregat auf Euro 5 umgestellt wird, ist noch offen - theoretisch dürfte der Siebensitzer laut Nissan noch bis Ende 2011 mit einem Euro-4-Motor ausgeliefert werden. In Sachen Umweltverträglichkeit hat das ansonsten zum robusten Wagen passende Aggregat noch ein paar Reserven.

Hummel in der Hand In unserem Pathfinder teilen wir die Gänge über eine manuelle Sechsgang-Schaltung ein. Im Leerlauf verschwimmt der Schalthebel vor unseren Augen, so stark vibriert er. Wenn wir ihn anfassen ist es, als hielten wir eine dicke Hummel in unserer Hand gefangen. Wollen wir dann einen Gang einlegen, müssen wir vor jeder Stufe einen spürbaren Widerstand überwinden, wir rammen die Gänge geradezu in ihre Position. Das macht Spaß und gibt dem Fahrer ein Gefühl von Souveränität - zumal das Schaltwerk durchaus präzise ausgelegt ist, Hakler kennt es nicht. Ach so, das Ende der Supermarkt-Geschichte: Aus unserer misslichen Lage an der Schranke hat uns nicht das überforderte Personal geholfen. Ein hilfsbereiter Straßenzeitungs-Verkäufer hat das schwarzgelben Brett einfach aus seiner Verankerung gefetzt - ging anscheinend ganz leicht. Dafür: Danke noch mal.
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Technische Daten
Antrieb:Allradantrieb (permanent)
Anzahl Gänge:6
Getriebe:Schaltgetriebe
Motor Bauart:Reihen-Turbodiesel
Hubraum:2.488
Anzahl Ventile:4
Anzahl Zylinder:4
Leistung:140 kW (190 PS) bei UPM
Drehmoment:450 Nm bei 2.000 UPM
Preis
Neupreis: 46.770 € (Stand: August 2010)
Fazit
Der Nissan Pathfinder ist nichts für all diejenigen, die versuchen, mit einem iPhone und ein paar Flip-Flops jung zu bleiben. Er passt schon eher zu Typen, die es gerne etwas praktischer, echter und robuster haben. Der riesige brummige Wagen macht heftig Spaß und lässt sich auch über sehr lange Strecken komfortabel fahren. Hinzu kommen seine ausgeprägten Gelände-Fähigkeiten.

Auf der Soll-Seite landen die schwammige Lenkung, das eigentlich unmögliche Fahrwerk und das Umweltverhalten des Antriebs. Aber: Selbst Mitfahrer sehen darüber hinweg und finden den Pathfinder unheimlich sympathisch.
Testwertung
4.0 von 5

Quelle: auto-news, 2010-08-23

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