Testbericht

Stefan Grundhoff, 27. Januar 2008
Limousinen haben in der heutigen Zeit selten etwas Beeindruckendes. SUVs und Vans sind im Gespräch; allenfalls noch Sportcoupés und Microcars. Doch welcher Familienvater bekäme bei diesem gemischten Doppel keine feuchten Augen?

Mit einer Limousine kann man kaum für Aufsehen sorgen. BMW M5 und Maserati Quattroporte sind seltene Ausnahmen. Der Bayer ist einer der stärksten, der Quattroporte wohl der schönste Sportwagen mit einer real nutzbaren zweiten Passagierreihe. Während man mit dem Norditaliener im öffentlichen Straßenverkehr schon einmal Applaus auf offener Szene erwartet kann, steht der M5 für kraftvolles Understatement. Der M5 sieht kaum anders aus als ein BMW 520d mit Magerausstattung. Es sind die netten kleinen Details, die die 507 PS unter der Haube erkennen lassen. Da sind die tief herunter gezogene Frontschürze in der unverständlicherweise die Nebelleuchten fehlen. Wer genau hinschaut, erkennt die leicht ausgestellten Kotflügel und die stilistisch zielsicher eingebrachten Lüftungskiemen hinter den vorderen Radhäusern. Am Heck glänzt neben dem oftmals fehlenden M5-Schriftzug nur die vierflutige Auspuffanlage. Doch ganz ehrlich: nach über 500 PS und zehn wild trampelnden Zylindern unter der Motorhaube sieht der Sportbayer nun wirklich nicht aus.

Der Maserati hat es einfacher. Er wurde nicht von einem bekannten Volumenmodell abgeleitet, sondern ist gerade optisch ein grandioser Sportwagen, der ungewöhnlicherweise eben zwei Türen extra hat. So wenig Mühe hat sich der hochpreisige Fiatableger auch bei der Namenswahl gegeben. Jeder sprachlich noch so unbegabte Schüler weiß, was Quattroporte heißt. Der italienische Viertürer präsentiert sich zweigeteilt. Die Front mit dem verchromten Kühlergrill, der von zu kleinen Xenonscheinwerfern eingefasst wird, wirkt geradezu zierlich und feminin. Die überlange Motorhaube, der lange Radstand und besonders das kraftvolle Hinterteil präsentieren sich dagegen deutlich maskuliner. Doch von allen Seiten ist der Italo-Beau ein Hingucker – aus bekannten Gründen deutlich mehr, als es ein 5er BMW je sein kann.

Beide Konkurrenten bieten Frontmotor, Heckantrieb und Leistung im Überfluss. Das V8-Aggregat des Maserati liegt weiter hinten und das Getriebe arbeitet an der Hinterachse. Beides gut für das Handling und schlecht für den Innenraum. Und der BMW zeigt, dass eine normale Bauweise keinerlei Nachteile mit sich bringt. BMW und Maserati charakterisieren sich insbesondere über die eindrucksvollen Triebwerke. Auch hier gewinnt der Quattroporte die Optikwertung um Längen, beim Thema Leistungspotenzial muss er jedoch zurückstecken. Der V8-Saugmotor mit 4,2 Litern Hubraum ist bis zum neuen Coupè das Maserati-Universalaggregat, leistet 294 kW/400 PS und 451 Nm Drehmoment. Die Fahrleistungen präsentieren sich noch eindrucksvoller als sie sich lesen. Trotz zwei Tonnen Lebengewicht schafft die Limousine mit dem Dreizack den Spurt auf Tempo 100 in bissigen 5,2 Sekunden. Die maximale Geschwindigkeit liegt bei 275 km/h. Mehr Leistung als die anderen Quattroporte-Versionen hat der Sport GT übrigens nicht. Neben der leicht geänderten Optik sorgt ein geänderter Mittelschalldämpfer vor allem bei hohen Drehzahlen für einen noch eindrucksvolleren Sound. In engen Gassen und Unterführungen die Sünde pur.

An dem Triebwerk selbst hat sich seit Marktstart nichts getan. Statt einer Leistungsspritze wurde zuletzt am Abgasverhalten und Verbrauch gearbeitet. Euro4 und ein versprochener Durchschnittsverbrauch von knapp 16 Litern auf 100 Kilometer sind bei einem Motorsporttriebwerk in Kleinserie kein Pappenstiel – bringt jedoch kaum Lorbeeren ein. Auch das M5-Triebwerk entstammt einer Kleinserie und BMW wird nicht müde zu penetrieren, dass der Hightech-Zehnzylinder zahlreiche Anleihen aus dem F1-Team in sich trägt. Das optisch allzu unspektakuläre Herz ist fraglos eines der sportlichsten Aggregate, die abseits der Rennstrecken derzeit zu bekommen sind. Fünf Liter Hubraum, 507 PS und ein Hochdrehzahlkonzept, das einem immer wieder das Blut in den Adern pochen lässt. BMW hat die Höchstgeschwindigkeit überflüssigerweise auf 250 km/h begrenzt. Erst gegen Aufpreis lässt man die Zügel bis Tempo 305 frei. Nicht wenige lassen ihrer Power-5er beim Tuner freimachen – dann sind rund 320 km/h drin.

Den besseren ersten Fahreindruck kann der Maserati für sich verbuchen. Er hängt bissig am Gas, als möchte er es dem BMW zeigen, dass südlich der Alpen die echten Sportaggregate entstehen. Das sequentielle Getriebe wurde zuletzt überarbeitet und soll nun 35 Prozent schneller arbeiten. Wer stakkato unterwegs ist, gibt Gas und lässt die Paddel lässig schnacken. Etwas ruppig für eine Luxuslimousine, aber allemal schnell. Ohne Sporttaste, bei langsamem Tempo oder gar im Automatikmodus sieht das ganze schon anders aus. Dann wünscht man sich Dank allzu träger Zugkraftunterbrechungen eine vernünftige Automatik herbei. Maserati hat das Flehen der Kunden erhöht und bietet diese ab Anfang des Jahres an. Doch auch das sequentielle Getriebe des M5 ist im normalen Galopp alles andere als eine Bestbesetzung.

Traurig denkt man zurück an der alten M5, der mit 400 PS und einer grandiosen Sechsgang-Handschaltung grenzenlosen Fahrspaß bereitete. Der Automatikmodus kann auch im BMW nicht überzeugen und mit niedrigen Drehzahlen sollte man den Bayern schon einmal gar nicht bewegen. Dass er über 100 PS mehr hat als der Quattroporte mag man zunächst jedoch gar nicht glauben – weil der Nachschlag erst auf Knopfdruck serviert wird. Im Normalbetrieb ist der M5 ebenfalls mit 400 PS unterwegs. Dass das reichen sollte glaubt man nur so lange, bis man die unscheinbare M-Taste am Steuer gedrückt hat. Der Unterschied ist mächtig und Schub scheint keine Grenzen zu kennen. Von Tempo 160 bis 240 vergehen ein paar kurze Augenblicke und alles erinnert an eine Zeitreise. So schön und kraftvoll das Maserati-Triebwerk auch ist, der Italiener hat motorenseitig keine Chance gegen den M5.

Beim Fahrverhalten bieten beide Konkurrenten echtes Sportwagenflair. Die Feder-Dämpfer-Abstimmung ist bei Maserati und BMW gleichermaßen straff, aber alles andere als ruppig. Der Maserati wirkt eine Spur knackiger und kompromissloser – der BMW etwas massentauglicher. Einlenk- und Bremsverhalten ist tadellos und Bodenhaftung scheint im Grenzbereich keine Grenzen zu kennen. Schleuderverhinderer sorgen dafür, dass es in schnellen Kurven oder bei abrupten Richtungswechseln keine böse Überraschung gibt. Im Sportmodus lassen beide etwas mehr zu. Beide bieten sportlichen Luxus, hochwertiges Leder und sehenswerte Details. Der BMW ist gewohnt nüchtern, der Maserati elegant und deutlich charismatischer. Das Platzangebot kann sich hüben wie drüben sehen und erleben lassen. Nicht nachvollziehbar jedoch, wieso sich der Quattroporte in punkto Sitzkomfort eine derartige Blöße gibt. Beinauflage, Seitenhalt und Verstellmöglichkeiten sind deutlich schlechter als bei vielen Mittelklasselimousinen. Piloten über 1,85 Metern sitzen alles andere als gut. Auch Schalter, Knöpfe und das Navigationssystem des Maserati zeigen sich nicht auf der Höhe der Zeit.

Im schwarzen BMW-Leder fühlt man sich dagegen bestens aufgehoben. Alles denkbare lässt sich verstellen. Ähnlich wie bei Mercedes gibt es fahrdynamische Sitze für Fahrer und Beifahrer. In drei Stufen pressen sich die Seitenwände der Sitze aktiv gegen die Zentrifugalkräfte. Eine prima Sache – wenngleich die dynamische Unterstützung etwas weniger plötzlich einsetzen könnte. Das ganze kostet selbstverständlich Aufpreis. Als ob ein BMW M5 mit knapp über 90.000 Euro nicht schon teuer genug wäre. Mit den standesgemäßen Extras liegt man spürbar über der magischen 100.00er-Marke. Der Maserati ist kompletter ausgestattet, sondern fängt als Sport GT erst bei 115.000 Euro an. Auch hier kann man einiges draufsatteln. Am Ende ist es eine Frage der Individualität. Der Maserati ist das schönere Auto mit mehr Charme und einer verführerischen Individualität. Wer normative Maßstäbe und Alltagsnutzen bevorzugt kommt am BMW M5 jedoch nicht vorbei.

Quelle: press-inform, 2008-01-27

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