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Testbericht

28. Dezember 2010
Nizza, 28. Dezember 2010 - Der erste Porsche Speedster kommt im Jahr 1954 auf den Markt. Er wird auf Wunsch des New Yorker Porsche-Importeurs Maximilan E. Hoffmann konstruiert. Hoffmann, der seit 1950 den 356 über den großen Teich holt, will ein preiswertes Einstiegsmodell. Es soll leicht und auch für die Rennstrecke geeignet sein. Und offen muss es sein, damit seine männlichen Fahrer problemlos mit den Mädchen am Gehweg Kontakt aufnehmen können. Hoffmann und sein ebenfalls aus Österreich stammender Händlerkollege John von Neumann, der an der US-Westküste agiert, bekommen von Ferry Porsche den mit 3.000 Dollar recht preiswerten, 55 PS starken 356 Speedster 1500 geliefert. Die gesamte erste Jahresproduktion geht in die USA. Bis 1957 werden 4.854 Exemplare gebaut. Die Hollywoodstars lieben den Wagen, Paul Newman macht damit noch Jahre nach Produktionsende Jagd auf Filmgangster.

Aktuell: Vierte Speedster-Generation Nun steht die vierte Speedster-Generation vor uns. Zwischenzeitlich hatte es die Modelle 911 Carrera 3.2 Speedster gegeben, gebaut 1988 und 1989 in einer Auflage von 2.103 Fahrzeugen mit 231 PS, und den 911 Carrera 2 Speedster, gebaut 1992 und 1993 in 930 Exemplaren mit 250 PS. Von dem aktuellen Speedster werden sogar nur 356 Exemplare angeboten. Damit will Porsche dem Ur-Speedster 356 Tribut zollen. Und heute handelt es sich nicht um das günstigste Einstiegsmodell der Marke wie 1954, sondern um einen der teuersten Elfer, den die Zuffenhausener im Angebot haben: Genau 201.682 Euro kostet eine der Raritäten.

Mit Anleihen von anderen 911ern Zwar findet die auf 408 PS erstarkte Variante des sonst 385 PS ausgebenden 3,8-Liter-Sechszylinder-Boxers noch in den Modellen 911 Sport Classic und 911 Carrera GTS Verwendung. Und auch Details wie die schwarz umrandeten Scheinwerfer oder die Felgen im Fuchs-Design werden in anderen Porsche-Modellen genutzt. Es stört auch nicht, dass die Entwickler weitere Teile geschickt aus vorhandenen Modellen entliehen und zur Speedster-Spezialität angerührt haben - der 911 Speedster ist trotzdem einzigartig.

Die Speedster-Formel: Flach und breit Als Ausgangsbasis dient die Rohkarosserie eines 911-Carrera-S-Cabriolets. Anleihen aus dem "Wide Body" des allradgetriebenen Carrera-4S-Cabrios führten im Heckbereich zu einer Verbreiterung um 44 Millimeter. Die leichten Türen aus Aluminium steuerte der 911 Turbo bei. Der Rahmen der Frontscheibe wurde um 60 Millimeter gekürzt. Damit ist der Speedster mit 1,23 Meter Höhe (1,28 Meter mit geschlossenem Dach) der flachste aller aktuellen Elfer: Der offene Speedster duckt sich 4 Zentimeter tiefer als ein Carrera S Cabriolet. Von vorn ist der Speedster an seiner speziellen Bugverkleidung, abgedunkelten Bugleuchten und den erwähnten schwarzen Scheinwerferringen erkennbar. Außerdem gibt es den Speedster nur in Blau und Weiß. Spezifische Seitenschweller und die eigenständige Heckverkleidung mit schwarzem "Speedster"-Schriftzug runden den individuellen Auftritt ab.

Sonderentwicklung: Manuelles Verdeck Für das neue Modell entwickelten die Porsche-Ingenieure ein manuell bedienbares Verdeck. Es wurde ein kinematisches Meisterwerk, das dem puristischen Speedster-Gedanken Rechnung trägt. Die Stoffqualität des stets schwarzen Verdecks entspricht der des 911-Cabriolets, während die Geräuschdämmung dem klassischen Speedster-Ansatz folgt: Das Verdeckgestänge ist zu sehen. Dennoch ist das hochwertig gemachte Teil voll alltags- und vor allem höchstgeschwindigkeitstauglich.

Von einer Person zu bedienen Im Gegensatz zu den Vorgängern und den aktuellen Cabrios liegt beim neuen Speedster die Stoffmütze auf dem Verdeckkasten-deckel auf (sonst liegt das Endstück des Verdecks unter dem Deckel). Um die nötige Dichtheit sicherzustellen, wird die Kapuze beim manuellen Verriegeln von innen gespannt. Dabei wird die Dichtung des Stoffes wasserdicht auf den Verdeckkastendeckel gepresst. Eine einzelne Person kann das Verdeck alleine öffnen und schließen. Allerdings muss man dazu aussteigen, der Speedster fördert also die Beweglichkeit seines Besitzers und es dauert auch ein wenig länger als das elektrische Öffnen des Cabrioletdachs.

Dorne durchbrechen die Heckscheibe Der Überrollschutz befindet sich unterhalb des Verdeckkastendeckels. Zwei Klappen machen im Notfall den Weg nach oben frei. Bei geschlossenem Verdeck sollen zwei Dorne auf den Bügeln das gezielte Durchstoßen der Heckscheibe gewährleisten. Diese besteht aus Sicherheitsglas, das in ungefährliche, stumpfe Partikel zerfällt. Trotz der typischen Zweisitzer-Optik mit dem voll geschlossenen Verdeckkastendeckel und seinen charakteristischen Auswölbungen bietet der 911 Speedster hinter den Sitzen viel Stauraum für zusätzliches Gepäck. Zusammen mit dem klassischen Elfer-Kofferraum im Bug, der 135 Liter fasst, entsteht ein durchaus urlaubstaugliches Kofferraumvolumen.

Viel Gewicht gespart Seinen sportlichen Anspruch unterstreicht der 911 Speedster nicht zuletzt durch seine umfangreichen Gewichtseinsparungen. Aluminiumtüren, der Verzicht auf die Rücksitzanlage und die serienmäßigen Keramikbremsen reduzieren das Gewicht erheblich. Auch der Verdeckkastendeckel besteht aus Aluminium. Dadurch ist es gelungen, trotz der umfangreichen Mehrausstattung des 911 Speedster mit 1.540 Kilogramm exakt auf dem Gewichtsniveau des offenen Carrera S zu bleiben. In Verbindung mit der höheren Motorleistung ergibt dies ein Leistungsgewicht von 3,8 kg/PS.

Testfahrt auf den Col de Turini Was das in der Praxis heißt, haben wir auf einer Fahrt von Nizza auf den Col de Turini ausprobiert. Das ist einer der bekanntesten Pässe der Seealpen; er verdankt seine Bekanntheit nicht zuletzt der Rallye Monte Carlo. Natürlich sind wir offen gefahren und während es in Nizza noch schön warm war, wurde es oben auf dem Pass in morgendlichen 1.600 Meter Höhe doch recht frisch. Da hieß es also: Daunenjacke, Schal und Mütze anziehen und der Zugluft tapfer trotzen. Und zugig geht es im Speedster allemal zu. Von wegen Windschott oder gar Airscarf - für Weicheier ist dieses Auto wirklich nichts, doch die Hälfte der Produktion dürfte ohnehin in warme Länder gehen, wo solche Überlegungen keine Rolle spielen.

Der Wagen will Drehzahlen Auf serpentinenreichen Strecken kann der Speedster sein ganzes Potenzial voll ausspielen: Das maximale Drehmoment von 420 Newtonmeter erreicht er bereits ab 4.200 U/min, 200 Touren früher als der 911 Carrera S. Außerdem bewirkt eine neue Resonanzsauganlage im Drehzahlbereich von 3.000 bis 4.000 U/min im Vergleich zum Carrera-S-Triebwerk eine Steigerung des Drehmoments. Dennoch will der Speedster fleißig auf Touren gehalten werden, wenn man richtig schnell fahren will, denn der Boxermotor entwickelt seine maximale Leistung erst bei 7.300 U/min, also kurz vor der Höchstdrehzahl von 7.500 U/min.

Blubbern und Röhren aus neuem Auspuff Eine neue Abgasanlage sorgt für den passenden Abgasgegendruck. Sie liefert einen eindrucksvollen Sound: Niedertourig blubbert und hochtourig röhrt es viel besser als in den normalen Elfern. Anders als im Sport Classic, der ähnlich ausgestattet ist, hört man das im offenen Speedster auch richtig gut. Das alleine dürfte für manche schon Kaufgrund genug sein. Der 911 Speedster ist nur mit PDK-Getriebe lieferbar, das am Dreispeichen-Lenkrad mit Schaltpaddles auch manuell geschaltet werden kann (Porsche sollte alle Modelle mit diesen Paddles anstelle der unhandlichen Schiebetasten ausstatten, die ansonsten im Lenkrad sitzen).

Besonders agiles Fahrverhalten Mit einem Fahrzeugschwerpunkt von unter 50 Zentimeter zeigt sich ein besonders agiles Fahrverhalten. Immerhin ist auch die Spurbreite der Vorderachse um sechs Millimeter größer als beim 911 Carrera S Cabriolet, an der Hinterachse sogar um 34 Millimeter. Dort kommt auch ein stärkerer Stabilisator zum Einsatz. Des Weiteren verfügt der Speedster zusätzlich über ein Sperrdifferenzial an der Hinterachse. Das resultiert in hervorragender Traktion - der Speedster kommt teuflisch schnell aus den engen Kehren des Col-de-Turini-Passes. Wie alle Top-Elfer verfügt auch der Speedster serienmäßig über das aktive Dämpfungssystem PASM. Dank einzeln regelbarer Dämpfer kann der Fahrer zwischen zwei Fahrwerkprogrammen wählen: "Normal" oder "Sport". So kann man mit dem Auto wie ein Wilder rasen, da es äußerst satt auf der Straße liegt. Wir waren aber auch erstaunt, wie komfortabel man dahincruisen kann - der Speedster ist absolut alltagstauglich.

Hingucker par Excellence? So fuhren wir nach unserer Rückankunft in Nizza die kurze Strecke nach Monte Carlo rüber. Zum einen wollten wir den Wagen mit geschlossenem Dach ausprobieren (man fühlt sich richtig heimelig untergebracht und auch 1,90-Meter-Leute haben noch genug Platz über dem Kopf). Zum anderen wollten wir testen, wie so ein blauer Sonderexpress in der Stadt der Reichen auffällt. Doch nicht allzu viele Leute reckten ihre Hälse nach uns. Ob es daran lag, dass der Speedster geschlossen nicht so auffällig ist wie geöffnet, da seine Heck-Höcker verborgen sind, oder daran, dass die Monegassen ohnehin einen Supersportwagen nach dem anderen geboten bekommen, wissen wir aber nicht.
Technische Daten
Antrieb:Heckantrieb
Anzahl Gänge:7
Getriebe:Doppelkupplungsgetriebe
Motor Bauart:Boxermotor
Hubraum:3.800
Anzahl Ventile:4
Anzahl Zylinder:6
Leistung:300 kW (408 PS) bei UPM
Drehmoment:420 Nm bei 4.200-5.600 UPM
Preis
Neupreis: 201.682 € (Stand: Dezember 2010)
Fazit
Trotz Vollausstattung und hochwertigem Interieur erscheint der Porsche 911 Speedster teuer. Doch nur 356 Stück gehen in den Handel (es gibt noch zwei Presse-Testwagen und einen Ersatz, die müssen aber ins Museum). So dürfte der reinrassige offene Sportwagen zur Wertanlage mutieren und in den Garagen kalifornischer Millionäre oder arabischer Scheichs landen. Wer ihn allerdings zum Fahren kauft, wird mit einem Sportfahrzeug erster Güte belohnt. Und auch im Alltagsbetrieb dürfte der Roadster überzeugen.
Testwertung
5.0 von 5

Quelle: auto-news, 2010-12-28

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