Testbericht

Stefan Grundhoff, 27. Januar 2008
Es regnet Bindfäden. Doch die OE3-Wetterfrau schwört, dass es über 1.500 Metern schneit. Grund genug also, mit dem Jeep Grand Cherokee Kühtai, das bekannte Hochplateau in den Tiroler Alpen, zu erklimmen.

Auch wenn sich die amerikanischen Allradspezialisten mit volumenstarken Modellen wie Compass, Patriot und Co. ihr unverfälschtes Kletterimage zunehmend verwässern: Der Grand Cherokee ist noch immer das Rückrat der ehemals so urwüchsigen Jeep-Modellpalette. Die organischen Formen von einst sind mit der aktuellen Ausgabe des Grand Cherokee verschwunden. Das Topmodell ist optisch und technisch ein ernsthafter Jeep. Einer, der einen auch bei Schnee und Eis nicht im Stich lässt.

Die endlosen Bindfäden werden schon kurz nach dem Grenzübergang zwischen Mittenwald und Seefeld zu Schneeregen – in höheren Lagen verheißt das: Es wird spaßig. Eigentlich geht es nach Sölden. Der Tamtam-Wintersportort am Ende des Ötztals lässt sich über Autobahn und öztaler Bundesstraße auch im Winter bestens erreichen. Doch wer weiß, ob es dort schneit. Also muss unser Grand Cherokee Overland im Schneeloch Kühtai zeigen, was er auf Schnee und Eis kann. Der Pass, der kein solcher ist, gehört zu den höchsten und schneesichersten Skiorten Österreichs. Die Strecken nach oben sind Paradiese für Autofans.

Bereits ein paar Kilometer nach dem Abzweig Axams wird der Schnee dichter und die ersten Schilder weisen darauf hin, dass die Verwendung von Ketten sinnvoll wäre. Doch der 2,2 Tonnen schwere US-Allradler mit dem Mercedes-Herz soll ohne jede Kletterhilfen zeigen, was er kann. Der Allradantrieb Quadra-Drive-II gehört bekanntermaßen zu den besten und kann die Kraft je nach Untergrund variabel auf einzelne Achsen und Räder verteilen. Das System arbeitet denn auch bei der zunehmend rutschiger werdenden Bergstraße einwandfrei und reagiert in Sekundenbruchteilen. Für den Gelände-Trip hat der Overland nicht nur das Jeep-eigene Allradsystem mit elektronisch gesteuertem Verteilergetriebe, elektronischer Differenzialsperre und Traktionskontrolle, sondern auch eine zuschaltbare Geländeuntersetzung an Bord. Die Kontrollleuchte der Anti-Schlupf-Regelung zuckt bei der zügigen Bergfahrt nur dann und wann auf und unterstreicht den fahrdynamischen Eindruck an der präzisen Lenkung mit einer sparsamen Lightshow..

Hatte die laute Hinterachse bei der Autobahnpassage aus München noch mächtig genervt, so ist angesichts des geringeren Tempos bei der Bergfahrt nur noch ein leichtes Mahlen zu vernehmen. Die Servounterstützung ist angenehm direkt und so lässt sich das leichte Untersteuern bei schneller Kurveneinfahrt problemlos korrigieren. Der drei Liter große Commonrail-Diesel aus dem Hause Mercedes-Benz verrichtet ebenso eindrucksvoll seinen Job wie der Allradantrieb. 160 kW/218 PS und 510 Nm pressen den Indianer eindrucksvoll bergauf in Richtung Kühtai. Das Getriebe ist gut – man kennt es seit Jahren. Da Konzernmarken wie Dodge, Chrysler oder Jeep auf die aktuelle Siebengang-Automatik aus dem Hause DaimlerChrysler verzichten müssen, arbeitet zwischen den Vordersitzen die bekannte Fünfstufenversion. Der Jeep beschleunigt in kaum mehr als neun Sekunden auf 100 und erreicht über 200 Km/h. Einen ordentlichen, aber im Klassenvergleich erträglichen Schluck genehmigt sich der Diesel an der Tankstelle: Durchschnittlich sind es 10,2 Liter auf 100 Kilometer. Euro-4 ist Serie.

Da von Anfang an der Innenraum des Jeep Grand Cherokee wegen seiner preiswert anmutenden Materialien kritisiert worden war, hat Jeep mittlerweile nachgelegt. Der edle Overland ist die Topversion mit Alcantara-Sitzen, Holzblenden und einigen optischen Annehmlichkeiten an der Karosserie. Veredelt wird er bei Magna-Steyr in Graz und nicht in der Grand-Cherokee-Heimat USA. Trotzdem steht der Grand-Cherokee-Innenraum weniger wertig da als bei der Konkurrenz: Viel Kunststoff, wenig Design und lieblose Oberflächen lassen den Abstand zu X5, ML oder XC90 der neuesten Generationen größer denn je erscheinen. Das Navigationssystem kann ebenfalls nur eingeschränkt überzeugen und etwaige Fondpassagiere bekommen nicht einmal gegen Aufpreis eine Sitzheizung. Ansonsten ist die Serienausstattung weitgehend komplett. Dass gerade das bei diesem Wetter sinnvolle Xenonlicht nicht einmal gegen Aufpreis zu bekommen, ist in dieser Klasse doppelt bitter. Erst bei der wohl im nächsten Jahr anstehenden Modellpflege soll Abhilfe geschaffen werden. Nicht mal eine im Winter besonders wichtige Scheinwerferwaschanlage ist bis dahin zu bekommen.

Das Platzangebot ist vorne und hinten angenehm. Aber die Rücksitze sind viel zu weich und die Kopfstützen lassen sich nur unzureichend verstellen. Man wird das Gefühl nicht los, dass die Liebe zum Detail nach wie vor nicht die starke Seite der amerikanischen Autobauer ist.

Das Schneegestöber draußen kümmert sich darum wenig. Es schneit mittlerweile, als wollte Frau Holle den bitterwarmen und schneelosen Winter an einem einzigen Abend vergessen machen. Trotz Schnee und vereister Fahrbahn ist der Grand Cherokee schnell unterwegs. Die Ortschaften liegen längst hinter ihm. Und bis auf das Kühtaier Hochplateau sind es nach dem Navigationsschaubild noch fünf Kilometer. Als man den Ortseingang – Kühtai, 2020 Meter – passiert, steht fest: Der Jeep Grand Cherokee ist bei widrigen Witterungs- und Straßenbedingungen eine feste Größe und in den Bergen eine Glanzbesetzung. Er lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen, gibt dem Fahrer einfach ein sicheres Gefühl. Genug für heute. Jetzt ertst mal ein Zwischenstopp auf der Alm und dann ab ins Hotel. Erst morgen früh geht es auf der anderen Seite runter ins Ötztal.

Für den Basispreis von 54.790 Euro bekommt man mit dem Jeep Grand Cherokee Overland 3.0 CRD einen prächtigen Wegbegleiter für den nächsten Winterurlaub (die reguläre Basisversion kostet 44.290 Euro). Bei dem kraftvollen Commonrail-Triebwerk gibt es kein Grund, mit dem 326 PS starken Achtzylinder zu liebäugeln. Der bringt kaum bessere Fahrleistungen, verbraucht in flotter Fahrt abernahezu das Doppelte. Serien- und Sicherheitsausstattungen sind - abgesehen von ein paar kleinen Makeln - überzeugend. Der Jeep ist gerade wegen der gelungenen Mischung aus Antriebseinheit und Fahrwerk eine ernste Alternative zu Audi, BMW oder Mercedes. Wenn Jeep endlich etwas mehr Liebe zum Detail zeigen würde, wäre noch mehr drin.

Quelle: press-inform, 2008-01-27

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