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Testbericht

Stefan Grundhoff, 29. August 2018

Für viele Oldtimerfans ist der Jaguar E-Type der begehrteste Klassiker, den man sich nur vorstellen kann. Doch die automobile Legende ist ab 2020 auch als Elektroversion zu bekommen - original aus dem Hause Jaguar. Wir haben die erste Testfahrt gemacht.

Man kann das Unverständnis der Oldtimerfans förmlich vor dem geistigen Auge sehen. Der Jaguar E-Type, eine automobile Unabhängigkeitserklärung der 60er und 70er Jahre mit seiner allzu maskulinen Form, nicht weniger als eine der ganz wenigen automobilen Legenden - und so etwas kommt nun mit Elektromotor. Nicht nur bei ausgemachten Klassikfans wird das auf Unverständnis, wenn nicht gar auf wahre Bestürzung stoßen. Blasphemie oder die Verschandelung von Kulturgut sind noch die harmlosesten Aussagen, die beim ersten offiziellen Auftritt des Jaguar E-Type Zero bei der spektakulärsten Klassikveranstaltung der Welt von Pebble Beach zu hören waren. \"Natürlich bauen wir keine originalen Fahrzeuge mit Matching Numbers oder im Bestzustand um\", gibt Tim Hannig, Direktor von Jaguar Land Rover Classic Entwarnung, \"der Markt der Klassiker wandelt sich. Es gibt mehr jüngere Leute die Klassiker fahren wollen und viele akzeptieren nicht mehr die Fehler wie echte Oldtimerfans.\"

Und für einige ist sogar der Komplettumbau von dem ursprünglichen Verbrenner auf einen Elektromotor denkbar. \"Wir bauen den E-Type so um, dass er jederzeit wieder zurückgerüstet werden kann\", legt Oldtimerfan Hannig nach, \"alles bleibt an seinem Platz und hat den gleichen Bauraum.\" Der Umbau selbst kostet rund 70.000 Euro und dauert gerade einmal 80 Stunden; vorausgesetzt, man bringt einen eigenen Jaguar E-Type mit, der sich in einem guten Zustand befindet. Wer will, kann den elektrischen Jaguar E-Type auch als Komplettangebot von JLR Classic bekommen. Im Bestzustand kostet er dann jedoch rund 300.000 Euro. \"Durch den Umbau wird die Struktur des E-Type nicht verändert\", bekräftigt Tim Hannig, \"es handelt sich um eine reine Montagelösung mit der Serientechnik von Jaguar i-Pace und Range Rover PHEV.\"

Ab Werk gab es den von 1961 bis 1974 produzierten Jaguar E-Type zunächst nur mit einem Reihensechszylinder mit 3,8 bzw. 4,2 Litern Hubraum. Zum Ende seiner Produktionszeit legten die Briten einen 5,3 Liter großen V12-Motor mit knapp 280 PS nach. Insbesondere auf dem US-Markt gibt es jedoch eine Reihe von E-Types, in die im Laufe der Jahrzehnte nicht nur ein Automatikgetriebe, sondern auch ein V8-Motor von Ford oder General Motors eingebaut wurde. Gerade solche Modelle wollen Tim Hannig und sein JLR-Klassikteam zu Elektromodellen umbauen - egal, ob es sich um E-Type Roadster oder Coupés handelt. \"Das Wesen des Autos darf sich jedoch nicht verändern\", ergänzt Tim Hannig, \"die Elektroversion muss dabei mindestens die Performance bieten, die der originale Wagen hatte.\"

Ob das mit dem Elektromotor einzuhalten ist, bleibt fraglich. Doch immerhin liegt das Leergewicht des Jaguar E-Type Zero mit rund 1,3 Tonnen auf dem Niveau des schnödes Benzin verbrennenden Urmodells. Wer die endlos lange Motorhaube öffnet, sieht unter klassisch gewölbten Formen ein sehenswertes Stück Hightech. Moderne Abdeckungen begraben unter sich die Elektronik des Range Range P400 PHEV sowie des Jaguar i-Pace. Im Jaguar E-Type Zero leistet der verbaute Elektromotor immerhin 190 kW / 258 PS. Das 40-kWh-Akkupaket soll je nach Fahrweise eine Reichweite von 330 Kilometern realisieren. Mit den Fahrleistungen des Ursprungsmodells kann der elektrifizierte Doppelsitzer dann jedoch nicht mithalten. Bei der Beschleunigung liegen beide Modelle mit rund sieben Sekunden auf Tempo 100 noch auf Augenhöhe, doch statt der 242 km/h des Verbrenners wird die Elektroversion bei 180 km/h abgeriegelt. Ob das jemanden stört? Eher nicht.

Am Steuer ist der E-Type Zero nicht wiederzuerkennen. Das Ein- und Aussteigen ist beschwerlich wie beim originalen Modell und groß gewachsene Personen blicken unverändert über den Windschutzscheibenrahmen, doch statt der bekannten Kippschalter und Chromarmaturen blickt der Fahrer auf ein Hightech-Armaturenbrett aus Karbon. Hinter dem spindeldürren Holzlenkrad gibt es digitale Instrumente für Geschwindigkeit, Rekuperation und Restreichweite. \"Wer will, kann auch sein historisches Cockpit behalten\", sagt Tim Hannig, \"doch dann wird zumindest der Drehzahlmesser gegen einen Bordcomputer mit entsprechenden Informationen ausgetauscht.\" Diese Testversion bietet jedoch noch mehr, denn neben den beiden digitalen Runduhren vor dem Fahrer gibt es in der Mitte der einstigen Armaturentafel vier Kippschalter und einen großen Multifunktionsbildschirm für Navigation, Soundsystem und zahlreiche weitere Funktionen. Wer will, kann sich sogar eine Klimaanlage einbauen lassen und diese über das Touchdisplay steuern. Auch die Mittelkonsole ist mit Induktivladeschale für ein Mobiltelefon und einem Drehschalter für die beiden Fahrstufen D und R sowie die Parkposition P wie aus einem Raumschiff. An das Gestern erinnert nur der verchromte Handbremshebel. Von außen ist der Elektroantrieb allenfalls durch den fehlenden Auspuff zu erkennen. Dass unter der Tankklappe ein E-Stecker schlummert, merkt niemand.

Mit Blick auf den kühlen Pazifik geht es los. Ein Tritt auf das gewohnt kleine Gaspedal und der offene Elektroroadster stürmt los, als wäre sein Ende nah. Der Spurt des Briten ist imposant, das fehlende Röhren von sechs oder zwölf Brennkammern wirkt jedoch absolut skurril und verstörend. Dass in dem Probanden keine Servounterstützung verbaut ist, stört nicht. Im Gegenteil, denn der Jaguar E-Type Zero fährt sich tatsächlich ähnlich wie man es von dem historischen Verbrenner kennt. Einzig die Kraftentfaltung und die Charakteristik der charismatischen Triebwerke fehlt und das schmerzt wohl nicht nur bei ausgemachten Oldtimerfans. Handling, Beschleunigung und Bremsen - der umgebaute E-Type fährt sich wie ein ganz normales Elektroauto. Natürlich sieht er besser aus und nicht nur durch das fehlende Motorgeräusch werden immer mehr Passanten auf den coolen Oldtimer aufmerksam.

Dass er über einen Elektroantrieb verfügt, sorgt beim Publikum für erste Irritationen. Doch die Amerikaner sind bei der Tour rund um Pacific Grove offen und interessiert. Ähnlich sieht es bei potenziellen Kunden aus, denn Jaguar Land Rover hat nicht erst nach den ersten Testfahrten eine Reihe von Interessenten. \"Eine echte Limitierung haben wir nicht\", unterstreicht Tim Hannig, der zumindest ein niedriges dreistelliges Kundenpotenzial sieht. Erst einmal heißt es abwarten, denn die Erprobungen laufen noch und die ersten Modelle werden nicht vor 2020 ausgeliefert. Vielleicht gibt es doch ein paar mehr Interessenten, die die legendäre E-Type-Karosserie mit einem modernen Elektroantrieb als Alltagsauto wollen. Für diesen Fall ist vorgesorgt. Bei entsprechender Nachfrage wird der Doppelsitzer nicht nur in der britischen Klassikzentrale im Süden Englands, sondern auch im neuen Klassikcenter in Essen umgebaut.

Testwertung
4.0 von 5

Quelle: Autoplenum, 2018-08-29

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