Testbericht

29. Mai 2006
München, 24. Mai 2006 – „Darf ich hinten sitzen?“ In den Niederungen des üblichen Straßenverkehrs klingt dieser Satz vielleicht befremdlich. Aber wer schon mal im Fond des Jaguar Daimler Super Eight Platz nehmen durfte, hat auf einmal größtes Verständnis. In einem Fahrzeug aus dem Fuhrpark von Königen ist vorne ordentlich Platz, aber hinten kann man die Beine übereinander schlagen. Die Tradition geht weiter Seit 1960 gehört die britische Edel-Automobil-Schmiede Daimler zu Jaguar. Alle Jaguar-Topmodelle werden seit dem mit dem Markenamen Daimler ausgezeichnet. Von außen sind die Luxusgefährte an der geriffelten Oberkante ihres Kühlergrills zu erkennen. Vor 102 Jahren wurde diese bereits eingeführt, um die Motorkühlung zu verbessern. Bis heute ist es die unverwechselbare Insignie seiner Lordschaft. Auch sonst verströmt die lange Limousine behutsame Eleganz. Das englische Blechtuch sitzt perfekt auf dem schlanken Körper des Edelmanns. Das Schloss hinterm Schloss Der Innenraum ist eine Wucht. Hellbeiges Leder, Wurzelholz, der sparsame Umgang mit Kunststoff und die raumgreifende englische Parklandschaft massieren die Seele. Es ist, als wenn ein Stück der West Midlands zum Besuch einlädt. Die Villa steht jedem offen. Wenn die Tür ins Schloss fällt, sitzt man im englischen Landhaus und blickt zunächst auf eine runde Uhr. Wie bei vielen Wagen der Oberklasse bildet sie auch hier den Angelpunkt der Mittelkonsole. Auf ihrem schwarzen Ziffernblatt prangt der klassische Daimler-Schriftzug. Beim Aussteigen möchte man sie am liebsten mitnehmen. Offen und ruhig Das Edelholz umspült das gesamte Armaturenbrett und die vorderen Türen. Teilweise ist es mit feinen Intarsien versehen. Da Leder und Dachhimmel sehr hell sind, wirkt die Raumfreiheit groß und freundlich. Beim Stichwort Helligkeit hat sich Daimler ohnehin sehr ins Zeug gelegt. Wird in den Abendstunden im Chalet das Licht entzündet, leuchtet selbst der Fußraum. Einen angenehmer und kompletter illuminierten Fahrzeuginnenraum wird man schwer finden. Das riesige Glas-Schiebedach tut tagsüber sein Übriges, um den Sonnenstrahlen den Weg zu ebnen. Ein kleiner Teil der Gummidichtung kam uns beim Test entgegen, ließ sich aber mit einem kurzen Druck wieder an seinen Platz befördern. Der Chauffeur nimmts mit britischem Humor.

Stilmöbel Die Sitze sind tatsächlich monarchiegeeignet. Das beweist nicht nur die Tatsache, dass der Super Eight neben dem britischen Königshaus auch von anderen Herrschaftshäusern gerne gefahren wird, sondern auch die direkte Sitzprobe. Genau richtig geben sie dem Körper zu Lande, in der Stadt oder bei rasanter Autobahnfahrt Halt. Vorne wie hinten in alle Richtungen elektrisch verstellbar, atmen sie den wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Standard des Fahrgasts. Dessen Füße stehen derweil auf unverschämt dicken Schafwoll-Teppichen. Fond-Gemach Auf den luxuriösen Fahrersitz muss man nicht unbedingt scharf sein. Der VIP-Bereich liegt schließlich hinten. Beine austrecken: Kein Problem. Einen Film in den Front-Kopfstützen genießen: Kein Problem. Die Lautstärke von hinten regeln: Kein Problem. Den Beifahrersitz von hinten nach vorne verschieben: Ein Knopfdruck und ein meterlanges Gipsbein ließe sich leicht rangieren. Hier hinten ist immer Tea Time, immer ein gemütlicher Sonntagnachmittag. Und wenn das herrschaftliche Mobil zum Stehen kommt, rollt sich, wir haben es gesehen, ein virtueller roter Teppich aus. Allerdings finden achtern nur zwei Leute Platz. Der Wegfall der Mittelarmkonsole, in der die Multimediabedienung integriert ist, muss zusätzlich bestellt werden. Das schlägt mit sage und schreibe null Euro zu Buche. Die Kopfstützen der Rücksitzbank lassen sich leider nicht umlegen, wobei fraglich ist, ob dieses kleine Plus an Übersicht bei einem 5,20 Meter langen Gefährt überhaupt noch ins Gewicht fällt. Schließlich sind die Einparksensoren Serie. Englische Ergonomie Bei der Anordnung der Knöpfe und Schalter scheint man die Lockerheit bei Jaguar aufgegeben zu haben. Alles hat seinen Platz und wirkt sehr übersichtlich. Für Freunde der Haptik wurde der Navigations-Bildschirm als Touchscreen ausgeführt. Das System ist übersichtlich und funktioniert hervorragend. Das bildgebende Verfahren kommt in klassisch mondäner Optik daher. Und dem Fahrer wird es so angenehm wie irgend möglich gemacht. Mit einem kleinen Knopf seitlich am Lenkrad lässt sich nicht nur dieses verstellen, sondern auch die Pedalerie. Genau wie die Sitze lassen sich diese nach vorne und hinten verschieben, bis Bein, Fuß und Pedal-Stahl eine perfekte Einheit bilden.

Mechanismen ohne Grenzen Der Start erfolgt traditionsbehaftet durch Drehen des Schlüssels. Wer es geschafft hat, sich hochzuarbeiten, kennt das Werkzeug zur Cottage-Pforte bereits. Ford Fiesta und Ford Transit heißen die Gefährte aus anderen Welten, mit denen sich der Daimler das Design des Öffnungs-Geräts teilen muss. Mit einem Lächeln starten wir trotzdem den Wagen. Der Ton des Triebwerks ist ruhig und gleichmäßig. Die größte Motorisierung ist gleichzeitig die kleinste: Es gibt nur eine. Eine, die es in sich hat. Netter Zug 4,2 Liter Hubraum umfasst das Acht-Zylinder-Aggregat. Aber das reicht nicht. Daimler hat noch einen Kompressor vorgeschaltet. Damit ziehen 395 Galopper am edlen Fahrzeug. Beim Cruisen unter Alleebäumen grummelt der Motor mit unerhörter Sanftheit. Eingelullt von der Gleichmäßigkeit ahnt man nichts vom heranziehenden Gewitter. Ein kräftiger Tritt aufs Gas und es geschieht ein Ereignis wie eine Explosion. Ohne Ladehemmung legt der große Wagen einen guten Lauf hin. Wie ein Gentleman, der auch mal kräftig zulangen kann, wenn es darum geht, die Lady zu verteidigen. Hier zeigt sich, dass das Fahrzeug auch für eine ausgesprochen sportliche Fahrweise geeignet ist. Das Drehmoment von 541 Newtonmetern liegt bereits bei 3.500 U/min an. Von null auf 100 rennen die über 1,6 Tonnen in 5,3 Sekunden. Die Gänge fließen dahin, bei 250 km/h wird aber abgeregelt. Man will schließlich nicht übertreiben. Windgeräusche gibt es erst ab Tempo 200. Fahrwerks-Benehmen Das wunderbar in der Hand liegende Holzlenkrad entpuppt sich zwischen 170 und 175 km/h bei unglücklichem Autobahnbelag allerdings als flatterhaftes Wesen. Die Vibrationen werden erst durch das Spiel der Handgelenke gedämpft. Ein kurzer Tritt aufs Gas löst das Problem nachhaltig. Bei dieser Geschwindigkeit sind natürlich auch noch Autobahnkurven drin. Die Limousine liegt in diesen Speed-Regionen sicher aber leicht unruhig und kommt somit nicht an den Straßenlage-Komfort der Mercedes-S-Klasse heran. Run aufs Buffet Die Härte der Welt bleibt draußen. Aber dafür muss das Herz des Edelwagens auch kräftig schlagen. Wenn es dann ans Essen geht, gibt es kein Halten mehr. Es muss unbedingt der größte Apfel vom Spritbaum sein, sonst ist der feine Herr not amused. 13,7 Liter des teuren Super-Saftes zog sich das Triebwerk auf Autobahn, Stadt und Land rein. Für reinen innerörtlichen Verkehr gibt Jaguar ganz unverblümt einen Verbrauch von 18,6 Litern an.

Radaranlagen Einst wurde das Radar eingesetzt, um den Süden Englands zu schützen. Jetzt hat es auch im Super Eight seinen Platz gefunden. Ein Abstandstempomat, wie wir ihn bereits aus der Mercedes-S-Klasse kennen, verrichtet hier sein Werk. Wir in Deutschland mögen Geräte, die funktionieren. Und das Gerät funktioniert. Das gilt auch für die Bremssättel, die aber vorne bereits nach 8000 Kilometern angerostet waren. Was nicht weiter schlimm ist, denn im Preis des Top-Jaguar ist ein majestätischer Service enthalten. Immer fahren können Um die Oberklasselimousine hat sich ein ganzer Hofstaat an Serviceleistungen versammelt. Die dreijährige Vollgarantie ist ohne Kilometerbegrenzung. Sämtliche Wartungs- und Inspektionsarbeiten für diesen Zeitraum sind inbegriffen. Alle Verschleißteile, bis auf die Reifen, werden anstandslos ersetzt. Falls das Fahrzeug zur Reparatur muss, wird es abgeholt und wieder vorbei gebracht. In der schlimmen Wartezeit bekommt der Fahrer ein adäquates Ersatzmobil. Die Autos werden nur auf Anfrage gebaut. Der Käufer kann sich, wenn er denn möchte, sein Nobel-Vehikel persönlich vom Werk in England abholen. Inselgrundstück Dieser Engländer ist käuflich. Sein Preis in der Grundausstattung: 112.500 Euro. Dabei ist hier der Begriff Grundausstattung vielleicht fehl am Platze. Die hat nämlich nichts zu tun mit den nackten Modellen anderer Hersteller. So sind unter anderem Leichtmetallfelgen, Bi-Xenon-Scheinwerfer mit Reinigungsanlage, elektrische Fensterheber und Schiebedach, Edelholzpaneele, Garagentoröffner, Klimaautomatik, Alpine-Premium-Klangsystem sowie die elektrisch verstellbare Pedalerie bereits enthalten. Die mögliche Sonderausstattung umfasst gerade mal zehn Positionen, unter anderem andere Felgen, eine beheizbare Frontscheibe und eine Sprachsteuerung. (gh)
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Technische Daten
Antrieb:Heckantrieb
Anzahl Gänge:6
Getriebe:Automatik
Motor Bauart:V-Benzinmotor
Hubraum:4196
Anzahl Ventile:4
Anzahl Zylinder:8
Leistung:291 kW (395 PS) bei UPM
Drehmoment:541 Nm bei 3500 UPM
Preis
Neupreis: 112.500 € (Stand: Mai 2006)
Fazit
Der Daimler Super Eight ist das perfekte Fahrzeug für eine gepflegte Landpartie. Er hat das durch Eliteschulen geprägte Verhaltensmuster eines Gentlemans. Dessen Gelassenheit ist bei klitzekleinen Verarbeitungsschwächen gefragt, welche aber durch die sehr üppige Serienausstattung und das konkurrenzlose Servicepaket mehr als wettgemacht werden.

Der Gesamtauftritt des Briten ist schlüssig und überzeugend, in seinem Motor scheinen 1.000 kleine Harleys zu wohnen. Das feine Gewand des Adel-Wagens lässt das Flair der Insel aufkommen, ohne die Zeit rückwärts laufen zu lassen. (gh)

Quelle: auto-news, 2006-05-29

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