Testbericht

7. März 2012
Logroño (Spanien), 8. März 2012
Hier drinnen ist alles Natur, ganz massive Natur: echtes Metall, echtes Leder, echtes Holz und echtes Lammfell. Bei der Dimensionierung dieser ökologisch wertvollen Materialien haben die Innenraumgestalter aus dem Vollen geschöpft - und Üppigkeit sowie Überfluss finden wir nicht nur in der Kabine des Bentley Mulsanne. Wir testen den für Schloss- und Palastauffahrten gemachten Repräsentations-Wagen.

Schon beim "B" ist alles klar
Ein Mulsanne ist nicht dafür da, sich in enge Parklücken zu quetschen oder sich sonst irgendwie klein zu machen: Beinahe 5,60 Meter Länge korrespondieren treffend mit fast zwei Meter Breite. Die senkrecht aufbauende Front dominiert optisch die meisten anderen Verkehrsteilnehmer - nur der natürliche Feind des Mulsanne, der Rolls-Royce Phantom, kann hier gegenhalten. Und mit dem Gitter-Grill emanzipierte sich bereits Anfang der 1980er Jahre der damalige Mulsanne Turbo von den tempelartigen Grills der ehemaligen Mutter Rolls-Royce. Die "Flying-B"-Figur auf dem Kühlergrill des Bentley ist für 2.731 Euro zu haben. Der Aufpreis ist ein Statement: Niemand, der sich einen Mulsanne nicht leisten kann, soll auch nur kurz denken, dass er sich den Mulsanne leisten könnte.

Royaler Überhang 
Das Gesicht mit den großen Kullerscheinwerfern innen und den kleinen Zusatzscheinwerfern unten außen sieht alles andere als fröhlich aus. Es erinnert fast ein wenig an die Miene des sympathischen, aber immer ein bisschen traurigen Roboters Marvin aus der Originalverfilmung der englischen Serie "Per Anhalter durch die Galaxis". Aber auch die Kugelscheinwerfer gaben in den 1980ern Bentley die Chance, sich von damals baugleichen Rolls-Royce-Modellen zu unterscheiden. Das Heck des Mulsanne ist ebenfalls etwas ganz Besonderes in der heutigen Autowelt: Der gigantische Überhang sieht nicht unbedingt gut aus, hat aber definitiv etwas erhaben Royales. Hier ist bereits klar: Kurvenräuber schauen anders aus dem Blech. Aber darum geht es ja auch nicht.

Sowas von dick
Bei Wagen vom Schlage eines Mulsanne stellt sich immer die gleiche Frage: Ist das noch ein Selbstfahrer-Auto, oder muss hier ein Chauffeur ran? Bentleys Selbstverständnis von einer sportlichen Marke klingt eher nach Selbstfahrer - aber alleine schon die Innenraumgestaltung lässt uns an dieser Auffassung zweifeln. Vorne gibt es zwar jede Menge Platz, aber der Fond passt auch extrem bequem für sehr große Passagiere. Und: Der Beifahrersitz lässt sich vom Fond aus verstellen - womit der Platz hinter dem Beifahrer zum teuersten des gesamten Fahrzeugs wird. Vorne fährt der Chauffeur und im Fond werden vom Eigentümer die ultradicken Holztische runtergeklappt. Mindestens ebenso massiv sind die Holzleisten an den oberen Türverkleidungen: Furnier ist ein viel zu schwaches Wort für diesen schweren Einsatz von Naturmaterialien. Das Leder auf den Sitzen ist vom Feinsten und alles wird selbstverständlich in England von Hand verarbeitet.

Champagner-Lager
Ein ganz neues Ausstattungsmerkmal steht für den Fond zur Verfügung: Im Rahmen der neuen Mulliner Driving Specification sitzt für 9.228 Euro ein Champagner-Flaschenkühler in der Mitte der Rücklehne. Hinter einer Glastür warten in gleißendem Licht zwei Flaschen mit dem edlen Prickel-Getränk - so etwas Schnödes wie Sekt wird dort wohl selten gastieren. Zwei eher an Grale erinnernde Kristallgläser werden vor dem Kühlfach klapperfrei in Position gehalten.

Dezent versteckt
Der Achtzoll-Multimedia-Bildschirm des Mulsanne verschwindet bei Nichtgebrauch hinter der Holzvertäfelung des Armaturenbretts. Über metallene Registerzüge lassen sich die Kabinen-Luftströme regeln. Rundinstrumente mit Chromringen schauen aus dem Holz und der Fußboden ist unter dickem Teppich versteckt. Die Navi-Bedienung wirkt wie eine Mischung der Systeme des VW Phaeton und des MMI von Audi. Die Mulsanne-Sessel betten die Insassen für die lange Reise und das gesamte Überedel-Interieur wirkt entspannend. Die Schallschutz-Doppelverglasung gehört zum Serienumfang - allerdings vernehmen die Passagiere die Windgeräusche ab 120 km/h. In Sachen Geräuschkomfort gibt es leisere Wagen - bei Fahrzeugen aus der 300.000-Euro-Klasse fällt uns eben jede Kleinigkeit auf.

Perfekte Lenkung, verstellbares Fahrwerk
Der Fahrer des Mulsanne hat schon mal an der Lenkung Spaß: Direkt und präzise lässt sich mit ihr spielfrei die Richtung des großen Schiffs vorgeben. Dadurch wirkt der Wagen etwas agiler, als es seine schiere Größe und sein enormer Hecküberhang vermuten lassen. Das verstellbare Luftfahrwerk senkt bei hohen Geschwindigkeiten das Fahrzeug und somit dessen Schwerpunkt ab. Trotzdem: Wer ungestüm ums Eck zieht, wird mit deutlichem Wanken abgestraft. Auch das Fahren über Speed-Bumper will geübt sein: Der Fahrer sollte es mit dem 2,6-Tonnen-Gefährt ganz sanft angehen lassen - der Mulsanne ist eben nichts für Anfänger. Der Umgang mit diesem kraftvollen Gleiter will gelernt sein. Ein erfahrener Lenker lässt seine Passagiere im Mulsanne schweben - ein Komforterlebnis, wie es in der heutigen Autowelt selten zu finden ist.
 
Unerbittliches Drehmoment
Den Antrieb erledigt im Mulsanne selbstverständlich ein ganz besonderes Triebwerk: ein V8-Motor mit 6,75-Liter-Hubraum. Das Aggregat ist ein Stück Bentley-Geschichte, wurde aber immer wieder gründlich überarbeitet. Heute hat es zwar immer noch eine unten liegende Nockenwelle und nur zwei Ventile pro Zylinder, aber es ist beispielsweise mit einer Zylinderabschaltung ausgerüstet. 512 kultivierte Pferde entspringen dem Doppel-Turbolader-Aggregat. Die Zeiten, in denen sich Bentley-Kunden bei Leistungsangaben mit einem "ausreichend" zufrieden gaben, sind lange vorbei. Atemberaubend ist das Drehmoment: 1.020 Newtonmeter liegen bereits bei 1.750 U/min an. Das hat Folgen.

Speed-Block
Ein Tritt aufs Gas und der Motor grummelt ein bisschen. Kein Kreischen, Heulen oder Brüllen stört die Ruhe. Man hat das Gefühl, der Wagen kommt nur gemächlich in die Puschen. Doch die Messung zeigt: In 5,3 Sekunden schießt der 2,6-Tonnen-Block auf Tempo 100 - der Wagen ist eben so groß und komfortabel, dass die Insassen von der brachialen Beschleunigung nicht viel mitbekommen. Beinahe beängstigend ist die Höchstgeschwindigkeit: Bis zu 296 km/h sind mit dem Ober-Bentley drin. Mit der Zylinderabschaltung werden die Insassen natürlich nicht belästigt: Das Umschalten in den Vierzylinder-Betrieb erfolgt unmerklich, eine Anzeige ist dafür nicht vorgesehen. Zumal der Mulsanne am Zapfhahn trotzdem kräftig zulangt: Im Schnitt ist er mit 16,9 Liter pro 100 Kilometer dabei. In der Stadt liegt der Normverbrauch laut Werk bei 25,3 Liter. Hier wäre in Zukunft vielleicht auch Platz für den brandneuen Motor aus dem Bentley Continental GT V8 - mit 507 PS bewegt das Aggregat den 2,3 Tonnen schweren Einstiegs-Bentley mit durchschnittlich 10,5 Liter pro 100 Kilometer. Die Schaltarbeit wird im Mulsanne von der auch im Continental GT V8 arbeitenden Achtgang-Automatik erledigt. Das ZF-Getriebe schaltet sanft und sauber und unterstützt so das kraftvolle Komfortgleiten.
Technische Daten
Antrieb:Hinterradantrieb
Anzahl Gänge:8
Getriebe:Automatik
Motor Bauart:Otto-V-Motor mit Turboaufladung
Hubraum:6.750
Anzahl Ventile:2
Anzahl Zylinder:8
Leistung:377 kW (512 PS) bei UPM
Drehmoment:1.020 Nm bei 1.750 UPM
Preis
Neupreis: 292.740 € (Stand: März 2012)
Fazit
Der Bentley Mulsanne ist kein Auto für Anfänger: Nur geübte Fahrer können ihn im perfekten Komfortzustand halten. Und auch wenn vielleicht der ein oder andere Selbstfahrer auf den großen Briten Lust hat: Dank der Entspannungs- und Arbeitsmöglichkeiten im Fond ist der Wagen eher eine Chauffeurslimousine. Ausstattungsmerkmale wie der extravagante Champagner-Kühler in der Mitte der Rücksitzlehne unterstreichen dies deutlich.Der handgemachte Naturmaterial-Innenraum überflutet seine Insassen mit massivem Holz und feinstem Leder. In den richtigen Händen wird der Bentley Mulsanne zum außergewöhnlichen Komfortwagen mit heftigen Längsdynamik-Reserven.
Testwertung
4.5 von 5

Quelle: auto-news, 2012-03-07

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