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Testbericht

Jürgen Wolff, 24. September 2018

Autonomes Fahren - andere sind da schon deutlich weiter, als die deutschen Premium-Autobauer. Cadillac etwa bietet ein System bereits als Extra an.

Es ist ein bißchen wie Carrera-Auto fahren. Nicht mit dem Drücker neben der Strecke, sondern im Auto selbst. Denn im Grunde funktioniert autonomes Fahren mit Super Cruise ähnlich wie eine Hightech-Realausgabe des Rennspielzeugs.

Los geht es mitten in Seattle am Museum of Pop Culture. Die ersten Kilometer in dem fast 5,2 Meter langen und 1,9 Meter breiten Cadillac CT6 fahren sich ganz herkömmlich: Navi an, das Lenkrad fest im Griff, mehr amerikanisch defensiv denn deutsch forsch in die breiten Kreuzungen. Dann geht es auf den Highway 5 North, Richtung Mountlake Terrace. Wir gleiten rechts die Auffahrt hinunter und reihen uns in den fünfspurigen Highway ein. Schon nach den ersten Metern auf der Schnellstraße erscheint im Hauptinstrument oben rechts vom Tachometer das graue Icon eines Lenkrades - Signal dafür, dass sich der Cadillac in das Super Cruise-Netzwerk eingeloggt hat: Wir sind drin.

Das aktuelle Netz erfasst in den USA und einigen Teilen Kanadas Freeways in einer Gesamtlänge von rund 215.000 Kilometern. Das Kartenmaterial erhält alle drei Monate automatisch ein Update. Derzeit sind es noch ausschließlich Freeways mit genau definierten Auf- und Abfahrten, die erfasst sind. Super Cruise arbeitet zudem mit Karten, die mit Lidar-Systemen erstellt wurden und mit einem extrem präzisen GPS. Lidar scannt mit Laserstrahlen die Umgebung und kann so sehr exakt die Position von Objekten messen. Nachdem sich das Super Cruise-Netzwerk gemeldet hat, genügt der Druck auf einen entsprechenden Knopf am Lenkrad, um das autonome Fahren zu aktivieren. Dann muss der CT6 nur noch auf Linie gebracht werden. Auf der Carrerabahn entspräche das dem Führungsschlitz in der Fahrbahn. Beim Cadillac erkennt die Frontkamera Straßenmarkierungen links und rechts und errechnet daraus die Fahrbahnmitte. Dazu kommen noch die GPS- und die Kartendaten aus dem Navigationssystem. Aus den Kartendaten erschließen sich Kurvenradien, Zahl der Fahrspuren, Auf- und Abfahrten sowie weitere Merkmale der Fahrbahn. GPS wiederum errechnet, wo genau auf der Fahrbahn der Wagen unterwegs ist. Das Ergebnis der Mess- und Rechentechnik: Die \"Blue Line\", an der entlang sich Super Cruise orientiert.

Und das funktioniert. Sobald die Leuchtlinie oben im Lenkrad grün wird, kann man das Lenkrad auf Dauer loslassen. Motto: \"Schaut mal, freihändig\". Die maximale Geschwindigkeit lässt sich über den Tempomaten einstellen. Und von nun an folgt der Cadillac stoisch der imaginären blauen Linie, passt seine Geschwindigkeit automatisch dem vorausfahrenden Verkehr an. Eine Kamera auf der Lenkradnabe erkennt, ob der Fahrer noch aufmerksam ist, Sensoren messen, wenn er die Hände wieder ans Lenkrad legt - bei Bedarf muss er ohnehin ins Geschehen eingreifen können und darf zum Beispiel kein Smartphone oder Tablet während der Fahrt nutzen.

Will der Fahrer überholen, muss er ebenfalls selbst aktiv werden. Es genügt, das Fahrzeug nach Links auf die Überholspur zu lenken, die Leuchtlinie im Lenkrad wechselt die Farbe nach Blau, anschließend an den Überholvorgang wieder nach rechts einschere, sobald die blaue Linie gefunden ist, wird die Lichtlinie am Lenkrad wieder grün - weiter geht es autonom. Theoretisch unbegrenzt: Laut Cadillac ist man schon einmal quer durch die USA vom Pazifik bis zum Atlantik gefahren, ohne das Lenkrad zu berühren.

Kommt Super Cruise mit den gelieferten Daten nicht mehr klar, um (teil)autonom zu fahren, warnt das System den Fahrer über mehrere Stufen. Zuerst beginnt die grüne Leuchtlinie im Lenkrad zu blinken, dann leuchtet sie rot und der Sitz beginnt zu vibrieren, ein Warnsignal ertönt. In der nächsten Eskalationsstufe bremst das Fahrzeug selbstständig, die Warnblinker gehen an, es rollt am Fahrbahnrand aus und über OnStar wird automatisch ein Notruf abgesetzt.

Auf der knapp einstündigen Testfahrt machte Super Cruise seine Arbeit bestens. Kein Wunder: Besondere Herausforderungen blieben ihm erspart. Man wird erst in ausführlichen Tests sehen, wie es zum Beispiel in engen Baustellen reagiert, auf plötzlich und knapp voraus einschwenkende Fahrzeuge, auf extreme Wetterlagen und ähnliches. Wer gerne aktiv Auto fährt, für den wäre Super Cruise zudem rausgeschmissenes Geld - aber wer auf langen Autobahnfahrten eh am liebsten mit Tempomat und Stauassistent unterwegs ist, der wird das Stückchen mehr Komfort sicher genießen.

Super Cruise gibt es als teilautonomes System (Level 3) zunächst nur für den Cadillac CT6 - gegen einen Aufpreis von 5.000 Dollar. Angesichts eines Fahrzeugpreises von rund 55.000 bis 88.000 Dollar nicht wirklich ein Problem. In Europa wird man noch länger auf Super Cruise warten müssen - es gibt anders als in den USA weder gesetzliche Regeln für autonomes Fahren, noch nutzbares Datenmaterial. Und da hat nach den USA dann ohnehin Cadillacs größter Markt Vorrang: China.

Testwertung
4.0 von 5

Quelle: Autoplenum, 2018-09-24

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