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Testbericht

5. August 2016
"Schlaghosen! So was hab ich damals getragen? Allerhand.“ Walter Röhrl kann es kaum fassen und haut sich vor Vergnügen auf die Schenkel, als ihm Jochi Kleint das iPhone mit dem Youtube-Video unter die Nase hält. "Olympia-Rallye 1972“ heißt das auf Super 8 gedrehte Filmchen. Der schnoddrige Hanseat Kleint und der wohl berühmteste Sohn Regensburgs waren damals Kollegen im Rallyeteam von Ford Deutschland. Mit den Capri RS 2600, die von Kleints älterem Bruder Ernie präpariert wurden, mischten sie die Weltelite der Drifter tüchtig auf.44 Jahre später stehen die beiden schlank und fit wie eh und je auf dem Parkplatz der Ausflugsgaststätte "Krug & Café am See“ in der schleswig-holsteinischen Provinz. Sie schauen zu, wie das von Tuner Christian Sorg liebevoll restaurierte Rallyeauto von anno dunnemals aus dem Anhänger rollt. "Gut schaut er aus, der Capri“, sagt Röhrl. Direkt vor dem Café startete die erste Wertungsprüfung der Olympia-Rallye namens Mölln. 5,5 Kilometer schneller Asphalt, vorbei an mächtigen Alleebäumen, meistens fünfter Gang, nur bei der Meierei, bei Kilometer zwei, lauert eine S-Kurve, bei der die Rallyefahrer in den Dritten zurückschalten mussten.

Walter Röhrl vermeintlich zu schnell für die Zeitnahme
Am 18. August 1972 markierte der Capri mit der Startnummer 23 in Mölln die Bestzeit. "Zwei Minuten, 28 Sekunden“: Das weiß Röhrl heute noch ganz genau. 133 km/h im Schnitt. "Ganz schön hurtig“, meint er trocken. Doch der Rallyeleitung war Röhrls Zeit nicht geheuer. Wie kann es sein, dass ein unbeschriebenes Blatt schneller ist als Cracks wie die französischen Alpine-Treter Jean-Pierre Nicolas und Bernard Darniche, BMW-Ass Achim Warmbold oder der Finne Hannu Mikkola im Ford Escort? Genau, das muss wohl ein Zeitnahmefehler gewesen sein, hieß es. Und deswegen strichen sie kurzerhand Röhrls Zeit. "Allerdings bloß so lange, bis sie gesehen haben, dass wir auch auf den anderen Prüfungen extrem schnell waren“, amüsiert sich Röhrl noch heute. "Dann waren wir wieder in Wertung.“ Röhrls Vorbereitung auf die Olympia-Rallye, die vor der Eröffnung der Sommerspiele von den Olympiastädten Kiel (Segel-Regatten) nach München (restliche Wettbewerbe) führte, war alles andere als perfekt. "Vier Wochen vor dem Start hat mein Stammbeifahrer abgesagt“, erzählt Röhrl. "Per Telefon habe ich nach neuem Co gesucht. Ich habe Johann Rothfuß dann in Kiel am Bahnhof kennengelernt. Einen Tag vor dem Start. Unvorstellbar.“ Den Aufschrieb fertigte er mit einem Freund an, einem Regensburger Mathematikstudenten, der später auf Zahnmedizin umsattelte. Mit dem Dentisten Dr. Detlef Wolf hat er immer noch Kontakt: "Er ist jetzt mein Zahnarzt.“

250 Mark Gage – jährlich
Leise brabbelnd läuft der von Tuner Jörg Eichberg präparierte V6 warm, und Röhrl erinnert sich daran, wie 1972 alles begann, als er sich als 24-jähriger Nobody bei der Ford-Sportabteilung bewarb. Herbert Marecek, sein Stammbeifahrer, muss den Ford-Bossen wahre Heldensagen erzählt haben, was die bisherigen fahrerischen Glanztaten seines Kutschers in einem Heckmotor-Fiat 850, aber auch in einem Porsche 911 anging. Jedenfalls beschloss Rennleiter Mike Kranefuss: "Dieser Röhrl kriegt einen Capri von uns.“ Eine Gage gab es auch. "250 D-Mark, jährlich“, erinnert sich Röhrl. Er macht ein verdrossenes Gesicht dazu.Der aufstrebende Rallyeartist arbeitete in den frühen 70er-Jahren als Fahrer beim Bistum Regensburg. Zäh hält sich das Gerücht, dass Röhrl den Bischof persönlich chauffierte. Tatsächlich war sein Fahrgast der in Diensten des Klerus stehende Oberfinanzrat Dr. Heinrich Zenglein. Nebenbei arbeitete Röhrl als Skilehrer. Röhrl und Kleint schauen nochmals das Video an. Die Fahreranzüge, Zweiteiler in knalligem Orange, sorgen für Heiterkeit. "Ihr seid ja dahergekommen wie das Straßenbauamt“, amüsiert sich Christian Geistdörfer, Röhrls Copilot von 1977 bis 1987, der die Wiederbelebung des Capri zusammen mit seinem Freund Klaus Frieg initiierte.

Ford Capri RS – 230 PS treffen auf 950 Kilo
Zeit für eine Probefahrt. Röhrl klemmt sich hinter das tief geschüsselte Lenkrad. "Kein Servo, klar“, sagt er. Wir schnallen uns an. Die Sitzschalen sind gemütlich gepolstert, die Sechspunktgurte wirken vertrauensbildend. Ansonsten schaut es im Capri mit der passiven Sicherheit mau aus. Kein Käfig, kein Seitenaufprallschutz, nur ein karger Überrollbügel an der B-Säule. "Damals hat man keinen Gedanken daran verschwendet, dass das Rallyefahren gefährlich sein könnte“, meint Röhrl. "Aber schon beim Training hat’s in Mölln damals einen tödlichen Unfall gegeben“, wirft Geistdörfer ein. Röhrl brummt: "Weiß ich nicht mehr. Ich weiß bloß noch, dass ich jung war und ein großes Herz hatte. Und einen riesigen Nagel im Kopf.“ An flottes Fahren ist in Mölln heutzutage nicht zu denken. Es gilt Tempo 70. Doch auf einem abgesperrten Feldweg nimmt sich der zweifache Weltmeister den Capri zur Brust. Er tritt aufs Fahrpedal. Der V6 brüllt auf. Die 230 PS haben mit den 950 Kilo Leergewicht kaum Mühe. Im vierten Gang fliegen wir auf einen Rechtsabzweig zu, der höchstens 40 km/h verträgt. Die Geräuschkulisse suggeriert: 200 km/h. Tatsächlich waren es wohl nur 120 oder 130 km/h. Röhrl steppt auf den Pedalen wie der junge Fred Astaire, bremst, gibt Zwischengas, bremst weiter, gibt erneut Zwischengas, knüppelt den zweiten Gang rein. Und das alles in einer fließenden Bewegung und scheinbar ohne Hektik. Er zupft kurz an der Handbremse. Das Heck schwenkt aus. Röhrl pariert dies elegant. Und gibt wieder Gas.

Motorschaden bei Plattling
Debriefing im Auto: "Für die damalige Zeit war der Capri ein großes Auto“, sagt der zweifache Weltmeister. "Er neigt kaum zum Untersteuern. Das Übersteuern ist leicht zu kontrollieren, auch dank des großen Lenkeinschlags und weil der Radstand so lang ist.“ Driftgenuss ohne Reue also? Röhrl strahlt: "Ja. Ich habe oft durch die Seitenscheibe auf die Straße geschaut.“ Überhaupt sei es erstaunlich, mit welch einfachen Mitteln damals tolle Rallyeautos gebaut wurden. "Hinten hat der Capri ja bloß eine Starrachse mit Blattfedern“, wundert sich Röhrl. "Und am Fahrwerk haben wir die ganze Rallye über nichts verändert, egal ob es auf die Rennstrecke ging oder über brutalsten Schotter. Wir haben bloß die Räder gewechselt.“ Für detailverliebte Experten: Auf Asphalt fuhr man 13-Zöller vom Typ Pirelli Supersport, auf Schotter den Pirelli MS 35. Die vier Tage im gelb-blauen Capri haben Röhrls Leben verändert, obwohl es kein Happy End gab. Ausgerechnet in heimatlichen Gefilden, auf der Anfahrt zur Wertungsprüfung auf der Sandbahn im niederbayerischen Plattling, machte der Motor komische Geräusche. "Ein Pleuellager war kaputt. Wir haben aufgehört, bevor’s ihn ganz zerreißt. Wir sind da in Führung gelegen, 14 Sekunden vor Darniche. Das war schon bitter. Aber für meine Karriere war die Olympia-Rallye trotzdem ein Raketenstart. Plötzlich haben alle Sportchefs meinen Namen gekannt.“
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Quelle: auto-motor-und-sport, 2016-08-05

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