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Testbericht

14. Juni 2016
Beide Wagen, der Rolls-Royce und der Jaguar, stehen nebeneinander geparkt im Garagenhof. Die markanten Frontpartien des britischen Empire-Limousinensilbers zeigen in Fahrtrichtung. Die Motoren laufen im Stand noch vom Rangieren warm, man hört nur ein leises Summen, knapp über der Wahrnehmungsgrenze. Gut neun Liter Motoröl wollen beim V8 und beim V12 sorgsam auf Temperatur gebracht werden. Der majestätische Silver-Shadow-Kühler in Pantheon-Architektur überragt den XJ-Grill mit seinem exklusiven V12-Dekor deutlich.Ich habe die Wahl, welchen ich fahren darf, die Schlüssel stecken. Am Ende werden es beide sein, aber jetzt muss ich mich entscheiden. Instinktiv gehe ich auf den Jaguar zu, das Unterbewusstsein leitet mich zur ästhetischeren Form, zur leuchtenden Farbe namens Regency Red, zum hübschen Gesicht mit dem reizvollen Augenaufschlag. Der Silver Shadow in "Dark Ebony Black“ bleibt pikiert zurück.

Das Moto-Lita-Lenkrad stört
Ich setze mich ins beigefarbene Leder, vor mir eine Armaturentafel, die den Namen verdient und die in dieser Pracht der ersten XJ-Serie vorbehalten war. Mit sieben runden Smiths-Instrumenten – zwei große für Drehzahl und Vitesse, fünf kleine für Batterie, Öldruck, Wassertemperatur, Uhrzeit und Tank -, dazu eine imposante Kippschalterreihe. Die Freude, in einem besonderen Automobil angekommen zu sein, wird nur vom Moto-Lita-Lenkrad gedämpft, das in diese sportlich-elegante Limousine einfach nicht passen will, ein XJ ist nun einmal kein TR. Außerdem vermisse ich den entzückenden Hupring.Ungewöhnlich ist auch das Schaltgetriebe, mein Unterbewusstsein gaukelt mir in einem frühen XJ stets eine etwas spät reagierende Borg-Warner-Automatik vor. Ich muss mich zwingen, das Kupplungspedal zu treten und den Stickshift für das aus einem E-Type-V12 stammende Vierganggetriebe zu betätigen. Das bereitet durchaus Mühe, aber die Gänge rasten präzise, wahrscheinlich harmoniert die Manual Gearbox viel besser mit dem kurzhubigen, sehr drehfreudigen Zwölfzylinder. Doch das Öl ist noch nicht warm genug, um über 3.000/min zu drehen. Wir fahren über die Landstraße von Bergkirchen nach Markt Indersdorf. Im Rückspiegel sehe ich den Silver Shadow, wie er erhaben seine Bahn zieht, nur in der einen oder anderen schnell gefahrenen Kurve verrät ein wenig Seitenneigung, dass er doch von dieser Welt ist. Im XJ 12 habe ich es mir unterdessen gemütlich gemacht, rasch bin ich mit den Eigenheiten des äußerlich so anmutigen Wagens vertraut, auch mit dem herzhaften Händedruck der Kraftübertragung mit der Stockhandbremse und dem arg filigranen Blinkerhebel. Ich ertappe mich dabei, viel zu früh zu schalten; schon bei 2.500/min setzt der seidenweich hochdrehende Zwölfzylinder den Wagen so druckvoll in Bewegung, dass der Schaltreflex "automatisch“ einsetzt. Dabei müssen ja theoretisch vier Gänge bis Tempo 225 reichen.

Jaguar ist eben doch nicht Mercedes
Ab 3.000/min beginnt das Feuer im V12 zu glühen; wer bei 4.500/min schaltet, schont das Triebwerk und erlebt trotzdem den gewaltigen Schub, der mit einer unbeschreiblichen akustischen Sanftheit einhergeht. Das typische Mercedes-Gefühl des schweren Wagens stellt sich im XJ 12 nicht ein, was kein Fehler ist, sondern nur eine andere Kultur offenbart. Der Wagen wirkt agil und leichtfüßig, er lässt sich fein aus dem Handgelenk dirigieren. Selbst die sonst im Jaguar stets etwas gefühlsarm empfundene Lenkung arbeitet im XJ 12 mit der nötigen Rückmeldung, die der Brite als "Response“ bezeichnet. Die Rückfahrt trete ich im Rolls-Royce an und bin erstaunt, wie rasch ich mich in der ausladenden Limousine an die Rechtslenkung gewöhne. Man sitzt hoch und erhaben im Silver Shadow, die Windschutzscheibe steht steil; der Automatikwählhebel ist servounterstützt und damit geradezu ein Symbol für diese unerhörte Leichtigkeit des Fahrens, sie macht den einmaligen Charakter dieses Wagens aus. Man hört nur Windgeräusche und in ungebührlich schnell gefahrenen Kurven, was im fahrsicheren Shadow mit dem aufwendigen Fahrwerk tatsächlich geht, das Schmatzen der Avon-Superballon-Reifen. Gerne hätte ich einen Drehzahlmesser, um zu sehen, dass sich der Zeiger als Indikator dieser großvolumigen Mühelosigkeit selten über 2.000/min bewegt. Da ist es kein Wunder, dass die unübertreffliche, von General Motors zugelieferte Automatik in diesem Modus geradezu zärtlicher Sanftheit keinerlei Schaltrucke äußert. Beschleunigen wird im Silver Shadow als große stille Kraftströmung empfunden, ohne in den Sitz gepresst zu werden oder sich am seltsam ausdruckslosen Lenkrad festhalten zu müssen. Genügend Drehmoment dafür gäbe es. Mit der Leistung hapert es eher, knappe 200 PS für 2,2 Tonnen sind nicht viel, aber eben genügend. Den Titel "Schnellste Limousine der Welt“ würde ein Rolls-Royce nie anstreben, dem steht schon die imposante Kühlerarchitektur, gekrönt von der "Spirit of Ecstasy“, im Weg. Bis der Mercedes 6.9 erschien, hatte der Jaguar XJ 12 mit 225 km/h drei Jahre lang besagten Titel inne.

Der Rolls gleitet sanft dahin
Für einen Rolls-Royce wäre dieses Kräftemessen entschieden zu plebejisch. Dem Silver Shadow gebührt jedoch die Ehre, das komfortabelste Automobil der Welt zu sein. Solch hydropneumatische Samtpfoten hat nicht einmal die Göttin. Eine kleine Plakette im Motorraum bedankt sich bei André Citroën.Bei aller Rolls-Royce-Euphorie muss sich der Jaguar nicht abgelehnt fühlen. Seine Schönheit bleibt in der Limousinenwelt unübertroffen. Gerade als Serie I mit kurzem Radstand zeigt er Idealmaße und wunderbare Proportionen. Zur absoluten Vollkommenheit wünsche ich mir noch die gekröpften Auspuffrohre des Originals.
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Quelle: auto-motor-und-sport, 2016-06-14

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