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Testbericht

23. August 2017
Vielleicht wäre es all die Umstände wert: Dutzende Mails, bis es zu einem Termin kommt, neun Stunden Flug, das endlose Einreiseprozedere, die Fahrt durch trostlose Vororte zum Firmensitz, dem Renaissance Center. Dann müsste man wohl noch ein Weilchen warten, in einem dieser immer dunkel getäfelten Konferenzräume. Aber schließlich käme sie, Mary Barra, Chefin von General Motors. Und nach etwas belanglosem Geplänkel („Hatten Sie einen guten Flug?“ – „Ja, danke. Tolle Aussicht haben Sie hier.“) könnten wir ihr die eine Frage stellen, wegen der wir nach Detroit gekommen wären: „Madam Chairman, sind Sie den Insignia eigentlich mal gefahren, bevor Sie Opel verramscht haben?“

Opel etwas günstiger
Während Opels Mittelklasse auf eine Historie reich an Brüchen und Irrwegen zurückblickt, ist der Superb so ein Typ mit Vorzeige-Lebenslauf. In drei Generationen hat er sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet zur Staatslimousine und zum allgemein hoch angesehenen Geheimtipp. Ja, ein Widerspruch, doch auch darin gründen Reiz und Erfolg des Superb: dass er Kunden das Gefühl schenkt, ein besseres, dabei vernünftigeres und günstigeres Auto gekauft zu haben als andere. Wobei er so günstig gar nicht mehr ist: Ausstattungsbereinigt ist der Insignia 2.0 D, der als Business Innovation sogar Head-up-Display, Navi, Komfortsitze und LED-Matrix-Licht mitbringt, fast 3.700 Euro billiger als der wohlausstaffierte Superb 2.0 TDI Style.In beiden Fällen gibt es stattliche Autos mit je 9,1 m² Grundfläche. Der Superb nutzt sie effizienter, setzt sie in ein üppiges Platzangebot vorn und ein verschwenderisches im Fond um – beim Normsitzraum hinten überbietet er den Opel um sechs Zentimeter. Dahinter reicht es im Skoda für ein Gepäckabteil, das mit 625 Litern Volumen viele Kombis beschämt. Klappt die zweiteilige Fondlehne vor, bleibt eine Stufe in dieser Ladeprärie, aber auch Platz für 1.760 Liter.Unter die große Opel-Heckklappe passen dagegen nur 490 bis 1.450 Liter, und nach Umklappen der dreiteiligen Rücksitzlehne weist die Ladelandschaft Stufen, Schrägen und Einbuchtungen auf, die in Kreisen von Erdkundelehrern als Höhenreliefe durchgingen. Auf der tief montierten Rückbank mangelt es eher an Kopf- als an Beinfreiheit, und der Einstieg in den Fond gelingt wegen kleinerer Türen weniger herrschaftlich als im Skoda. Pilot und Co integriert der Insignia auf den hervorragenden Sitzen tief ins Auto, während sie im Superb etwas entrückt auf den breiten Sesseln thronen, die es nun mit Kühlventilation gibt.

Weniger Gewicht macht es leicht
Was zu dieser gewissen Kühle passt, die das Interieur durchströmt. Doch klappt es in dieser funktionalen Wohlaufgeräumtheit mit der Bedienung besser als im Insignia. Da haben sie ein ziemliches Tastendurcheinander beisammen, das durch die Leiste für das Head-up-Display, verschachtelte Menüs von Bordcomputer und Infotainment sowie zitterige Nadeln der Digitalinstrumente nicht gerade kompensiert wird.Doch darauf kann man sich einstellen – und auf großes Vergnügen. Das mit dem Fahrwerksabstimmen haben sie ja drauf bei Opel, nur erdrückte das moppelige Gewicht das Talent. Nicht mehr beim Insignia II. Der baut auf GMs E2-Plattform auf, wiegt 25 Kilo weniger als der Skoda. Das macht es auch dem Zweiliter-Diesel leichter. Er legt beherzt und homogen los, ist kerniger im Klang, doch kaum weniger energisch im Temperament als der 20 PS stärkere TDI im Skoda.Beim alten, schweren Insignia waren die Getriebe lang übersetzt, um den Verbrauch im NEFZ-Zyklus zu drücken. Das braucht es jetzt nicht mehr. Über den knubbeligen Schalthebel lassen sich die sechs passend gestuften Gänge präzise ordnen. Mit wuchtigen 400 Nm zieht die Limousine jenseits des Richttempos auf der Autobahn entschlossen voran, derweil der Wind leise über die Karosserie fächelt und das Fahrwerk mit Adaptivdämpfern (980 Euro) herbe Querfugen überflauscht. Während der Insignia langen Unebenheiten im weichen Tour-Modus nachschwingt, strafft er sich in der Normal-Kennlinie, bewahrt aber selbst im strafferen Sport-Programm genügend Komfort auf runzeligen Landstraßen.Also auf solchen wie diesen hier: Verschlungen hangeln sie sich in engen Kehren am Berg entlang oder überspannen in weiten Schwüngen sachte Hügel. Wie schon beim allradgetriebenen Turbobenziner im Einzeltest entwickelt sich das hier zu einer kleinen Romanze zwischen dem Opel und der Straße. Es liegt an dieser fein ausbalancierten Lenkung: Sie spricht präzise, nicht giftig an, meldet klar, nicht aufdringlich zurück. Der Wagen fährt so agil-geschmeidig, sehr sicher und doch so unterhaltsam. Es ist lange her, dass sich die Begriffe Mittelklasse-Opel und Vergnügen in einem Satz ohne Verneinung dazwischen begegneten.Ganz so kurzweilig wird es im Superb nicht. Die hohe Sitzposition hebt dich aus dem Kurvengetümmel heraus. So steuerst du erhaben, während der Wagen Richtungsänderungen sorgsam abarbeitet, mit der nicht gar so präzisen und weniger rückmeldungsintensiven, aber sacht stößigen Lenkung. Auch er gibt sich spät mildem Untersteuern hin, bleibt dabei sehr sicher. Allerdings verzögert er erheblich schwächer als der Opel, braucht aus Tempo 130 mit kalter Anlage fünf Meter mehr Bremsweg.

Komfort des Opel Insignia überzeugt
Auch beim Komfort erreicht der Skoda nicht ganz das Niveau des Opel – trotz Adaptivdämpfern für 940 Euro. Der Superb federt beflissen, stolpert aber über Querfugen und wankt im Comfort-Modus stärker durch Kurven. Das Normal-Programm mindert neben den Karosseriebewegungen auch das Ansprechverhalten, und auf „Sport“ wird es bolzig statt sportlich.Dabei bringt Eile eh das optionale Sechsgang-DSG aus dem Tritt. Während es auf der Autobahn treffsicher, fugenlos und schnell schaltet, verhaspelt es sich bei flotten Landpartien, sortiert die Gänge immer wieder hektisch und mit Ruckeln um. Andererseits überzeugt der Antrieb mit besseren Fahrleistungen bei höherer Effizienz (6,7 l/100 km zu 7,4 beim Insignia). Das sichert dem Superb zwar den knappen Sieg, doch so eng war es bisher nur mit Rivalen aus dem VW-Konzern. Der Opel rangiert jetzt praktisch auf gleichem Niveau.Zurück zur Frage an Mary Barra. Wenn sie den Insignia vor dem Opel-Verkauf nicht fuhr, hat sie wenig Ahnung vom Potenzial der Marke. Wenn sie ihn fuhr, aber nicht merkte, wie nah Opel mit ihm an der Spitze ist, hat sie wenig Ahnung von Autos.
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Testwertung
4.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2017-08-23

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