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Testbericht

10. Juni 2016
Allein ist es blöd: Da sitzt du hinterm Volant und siehst im Rückspiegel immer den leeren Tanzsaal. So muss sich ein Provinz-Impresario fühlen, der für den Live-Act eines bald vergessenen Next Superstars die größte Halle am Ort gemietet hat und erkennt: Das billige Vereinsheim des Minigolf-Clubs Gut Schlag 63 hätte auch gelangt. Diese Kingsize-Vans, mit kräftigen Dieseln gut gerüstet für die lange Reise und mit Allradantrieben (Mercedes knapp 4.000, VW gut 3.300 Euro Aufpreis) vorbereitet für hoch gelegene Skihütten, sind nichts für Einsiedler. Doch bevor nun jemand weiterblättert, weil er gar nicht so viele Leute kennt, kommt die Entwarnung. Die Raumfülle, die vielen Sitze (sieben serienmäßig beim VW, sechs beim Mercedes): Sie sind einfach da, wenn man sie braucht, und stören kaum.

Mercedes V-Klasse mit mehr Assistenz
Mit 4,89 Metern ist der Multivan nicht länger als eine ausgewachsene Limousine und lässt sich dank ordentlicher Übersichtlichkeit auch einigermaßen unverkrampft parken. Die V-Klasse, die hier als mittellange – nun ja – Langversion (Aufpreis zum 4,90 Meter kurzen Normalmodell: 880 Euro) antritt, fordert mit 5,14 Metern schon mehr Raum. Dafür hilft sie dem Fahrer an Engstellen mit 360-Grad-Kamera und aktivem Parkassistenten. Damit kann der VW nicht dienen. Parkhäuser können dennoch zum Horror werden. Denn mit ausgeklappten Spiegeln sind beide Vans fast 2,30 Meter breit. Also besser raus auf die Straße mit den gewaltigen Mobilien, die vor allem von hinten an Bernd das Brot erinnern. Dass die zwei mit Allradantrieb antreten, bleibt meist im Verborgenen. Die elektronisch überwachte Lamellenkupplung (V-Klasse) und deren Haldex-Pendant im Multivan schieben die Momente sehr diskret zwischen den Achsen hin und her. Ihr Können zeigen sie aber eindrucksvoll, wenn es drauf ankommt. Etwa an glatten Steigungen.Anfangs reifenscharrend, doch dann verlässlich kommen die zwei beim Anfahren in Schwung, wobei der VW dank der mechanischen Sperre an der Hinterachse (982 Euro) größeres Klettertalent beweist. Dass das Allradmehrgewicht das Handling bremst, zeigt sich ein wenig beim VW. Viel erwarten sollte man aber auch nicht vom Benz. Wir reden eben von 2,5-Tonnern mit hohem Aufbau. Der Mercedes wirkt minimal betulicher als der VW, wenn es in und durch Kurven geht, obwohl er mit seiner integrierenderen Sitzposition und der leichtgängigeren Lenkung limousinenhafter daherkommt. Gemäßigt ums Eck und dann, wenn es pressiert, wieder Tempo aufnehmen, so mögen es die zwei.Etwas nageliger und weniger spritzig hochdrehend als der Zweiliter-TDI, bringt der bullige 2,1-Liter-Diesel den V 250 wieder auf Tempo – und allenfalls den Fahrer interessiert dabei, dass der VW-Motor bissiger anpackt und mehr liefert. Die Siebenganggetriebe -– gelassen agierende Wandlerautomatik hier, zackiges DSG mit Freilauf im Schubbetrieb dort -– sind den drehmomentstarken Motoren jedes auf seine Art harmonische Partner. Trotz Freilauf konsumiert der VW allerdings 0,2 l/ 100 km mehr, bleibt aber ebenfalls unter zehn Litern Testverbrauch.

Platz als ultimativer Luxus
Kein Grund zum Jammern auch beim Rundgang durch die Autos. Wer Platz als ultimativen Luxus ansieht, findet vor allem im Mercedes seinen Himmel. In der zweiten und dritten Sitzreihe, die unser Testwagen als kommodes Dreiersofa mitführt, gibt’s aber auch im Multivan keine Enge. Ganz hinten, wo die separat zu öffnende Heckscheibe einen praktischen Zugang zum Kofferraum ermöglicht, setzt die V-Klasse noch eins drauf. Der Stauraum des Multivan mag groß sein, doch der Mercedes schluckt immer noch einige Koffer mehr. Blöd nur, dass so wenig Zuladung erlaubt ist. Umräumen lässt sich der VW etwas schneller, weil die Möbel leichter in den Schienen gleiten. Doch bei Variabilität und Funktionalität sind die zwei gleichermaßen großes Kino. Schließlich lassen sich alle möglichen Sitzkonfigurationen und viele angenehme Dinge (beim Mercedes etwa kühlbare Fondsitze, beim VW integrierte Kindersitze) ordern.Ein bisschen geschmeidiger federt der Mercedes, vor allem kleinere Stöße filtert er besser weg. Auch wirken Abroll- und Windgeräusche besser gedämmt als im VW, was die Ohren feiner registrieren als die Messgerätschaft. Ausreichend leise sind beide bei konstantem Tempo, das ruhig in Richtung 200 tendieren darf: Die Bremsen machen einen guten Job und sind mit der bewegten Masse, die ja bei voller Beladung locker drei Tonnen beträgt, nicht überfordert. Sidebags kosten extra. Im Ernst Überfordert ist eher das Normalverdiener-Budget. Besonders kräftig langt VW dem Käufer in die Taschen, denn mit dem Grundpreis von gut 57.000 Euro für den Comfortline ist es nicht getan.

Verführerisches All-Inclusive-Angebot
Leder, linke Schiebetür, Navigation? Kosten extra. Sogar Seitenairbags für Fahrer und Beifahrer samt Kopfairbags berechnet Volkswagen gesondert. Da erscheint der V 250 d Avantgarde Edition trotz des viel höheren Grundpreises geradezu günstig, denn Mercedes hat hier ein verführerisches All-inclusive-Angebot geschnürt, das mal locker Extras für mehr als 10.000 Euro beim Multivan entspricht. LED-Licht und Fahrerassistenzsysteme, die VW nicht einmal gegen Aufpreis bietet, sind hier Serie, wie auch Leder, Navigation, zwei Schiebetüren und sogar Metallic-Lack.Das macht den Sieg des Mercedes komplett, der auch in der Eigenschaftswertung vorn liegt. Doch auch für den VW gilt: Er nimmt viel Bares, schenkt aber auch Wahres. Fröhliche Gesichter im Spiegel zum Beispiel.
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Testwertung
4.5 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2016-06-10

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