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Testbericht

23. April 2013
Mag sein, dass einige BMW-Fans nun ihre Köpfe voll Unverständnis schütteln und uns fragen wollen: Wieso vergleicht Ihr denn einen 1er mit einem Seat León? Wir sagen: Warum denn nicht? Der Seat León hat schon eindrücklich bewiesen, dass er längst kein simpler Abklatsch des Golf ist, sondern vielmehr ein solider Kompakter, der gern mal flotter um die Ecke fährt. Und genau diese Qualitäten zeichnen ja auch den heckgetriebenen 1er aus. Seat Leon ist motorisch klar überlegen 22.650 Euro ruft BMW derzeit für dessen günstigste viertürige Variante, den 102PS starken 114i, auf. Womit wir schon mitten im Dilemma des Basis-1er stecken. Denn während BMW bei ihm für ein Lederlenkrad 190 Euro zusätzlich kassiert, erhält der Kunde beim Seat-Händler für rund 21.870 Euro einen top ausgestatteten Seat León 1.4 TSI FR mit 122PS, Klimaautomatik, Freisprechanlage, Sportsitzen, Sportfahrwerk, 17-Zoll-Leichtmetallrädern, Tempomat und vielem mehr. 2.500 Euro wären mindestens fällig, um den 114i ausstattungsseitig aufzupeppen, und doch würde sich der 1er-Fahrer immer noch grämen. Warum? Wegen des Motors. Selbst wer den 1,6-Liter-Turbo verzweifelt bis auf die letzte Drehzahl auswringt, ist erst nach 11,3 Sekunden auf 100km/h (Seat Leon: 9,1 s). Für den Zwischenspurt von 80 auf 120km/h im fünften Gang nimmt sich der 135 Kilogramm schwerere BMW sogar über sieben Sekunden mehr Zeit als der nominell nur 20 Newtonmeter stärkere Seat León. Dessen Turbobenziner arbeitet zwar nicht ganz so leise und kultiviert, verhilft in Zusammenarbeit mit einem präziser rastenden und kürzer gestuften Getriebe aber zu deutlich besseren Fahrleistungen. Dass der Vierzylinder des BMW im Test auch noch mehr Benzin konsumiert (7,9 zu 7,6 L/100 km) fällt da schon kaum mehr ins Gewicht. Minimal begnügten sich die Kompakten mit durchaus akzeptablen 5,4 und 5,8 Litern (114i). Weniger Fahrkomfort im Seat Leon Kaum zu toppen ist hingegen das hinreißend agile Lenkverhalten des BMW. Ausstaffiert mit einer je nach Anstellwinkel variabel übersetzenden Sportlenkung (450 Euro) lässt er sich sehr präzise, schnell und dennoch gelassen durch Kurven jeglicher Art scheuchen – ohne Stöße und dank Heckantrieb auch ohne störende Antriebseinflüsse. Wünschenswert wäre hier höchstens noch etwas mehr Gelassenheit um die Mittellage herum. Ebenfalls eine Empfehlung wert: das adaptive Sportfahrwerk für 1.100 Euro. Angesichts der mäßigen Fahrleistungen des 1er mag es zwar nicht unbedingt notwendig erscheinen. Im Vergleich zum relativ steifbeinig abrollenden Seat Leon fängt es aber selbst in der Sport-Einstellung Unebenheiten aller Art viel geschmeidiger ab und ermöglicht auf diese Weise ein angenehm komfortables Fahrverhalten. Den Insassen im zackig einlenkenden Seat León bleibt hingegen nichts anderes übrig, als sich irgendwie mit dem serienmäßigen, nicht adaptiven Sportfahrwerk anzufreunden. Der Spanier gibt konsequent den Dynamiker und teilt oft Stöße aus, was besonders auf langen Strecken schon mal nerven kann. Eine Mitschuld hierfür tragen sicherlich auch die optionalen 18-Zöller mit 225/40er-Bereifung. Wer darauf verzichten kann, sollte sich besser den Seat Leon in der softer abgestimmten Style-Variante bestellen. Immerhin: Durch sehr flotte Fahrdynamikwerte und beeindruckend stark zupackende Bremsen gleicht der Seat León den Komfortverlust zumindest nominell wieder aus. Seat Leon fährt uneinholbar vor Gleichstand herrscht beim Innenraumcheck. Welche Cockpit- und Bedienphilosophie nun besser ist, sollte jeder für sich entscheiden. Im Seat Leon kommt serienmäßig das leicht verständliche Multimediasystem mit berührungsempfindlichem Monitor zum Einsatz, während sich der BMW-Fahrer schnell mit dem Dreh-Drück-Steller rechts der Handbremse angefreundet haben dürfte. In beiden Fahrzeugen lassen sich zudem unterschiedliche Kennlinien für Lenkunterstützung oder Gasannahme anwählen. Ansonsten lockt der 1er mit etwas hochwertigeren Kunststoffen, einer sportlich tiefen Sitzposition sowie perfekt unterstützenden Sportsitzen (490 Euro). Der Seat Leon punktet hingegen mit einem spürbar besseren Platzangebot im leichter zugänglichen Fond. Mit 380 zu 360 Litern (BMW) offerieren beide klassenüblich große Laderäume, die sich mit wenigen Handgriffen auf bis zu 1.255 Liter (Seat Leon) erweitern lassen. Wer seine Ladung lieber hier und da verteilt oder ein paar Skier mit einpacken möchte, dürfte hingegen nur im BMW glücklich werden. Eine dreigeteilte Rückbank ist ebenso verfügbar wie weitere Trennnetze. Zudem ist der 1er besser aufgestellt, wenn es um nützliche Optionen geht. So lässt sich das zugegeben sehr teure Navi (ab 2.390 Euro) beispielsweise mit Verkehrsinfos in Echtzeit oder mit Facebook-Daten füttern. Für den nicht webbasierten Navigierer im Seat Leon sind nur 650 Euro zu bezahlen. Dafür rechnet das Gerät aber so lange, dass der früher startende BMW gleich mal einen Vorsprung herausfährt, was ihm in diesem Test jedoch nicht weiterhilft: Der gut ausgestattete und zudem flottere Seat León gewinnt ihn mit deutlichem Abstand.
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Quelle: auto-motor-und-sport, 2013-04-23

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