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Testbericht

5. Februar 2017
Drehmoment kann man nie genug haben, heißt es. Das postuliert sich so leicht, bis man eine hinterradgetriebene Limousine erwischt, die eben nur einen Teil davon auf die Straße bringen kann. Der Rest verpufft kläglich in der Traktionskontrolle. Später probiert man eine Leistungsstufe drunter aus – und stellt fest, dass die glücklicher macht, weil das Drehmoment-Grip-Verhältnis deutlich besser passt.Eine Stufe kleiner? Da wäre der Mercedes-AMG C 43 so ein potenzieller Glücklichmacher. Aus der Sicht von AMG ist er das Einstiegsmodell unterhalb des C 63, aus der Sicht von Mercedes dagegen die zweitstärkste C-Klasse. Und aus der Sicht des Audi S4 sowie des Volvo S60 Polestar ist der C 43 ein Konkurrent. Wenn man so will, dann handelt es sich bei ihm um einen AMG-isierten Mercedes C 400 – mit 367 statt 333 PS sowie 520 statt 480 Nm Drehmoment.

Zwei V6 gegen Volvos Vierzylinder
In Zeiten der Turbotechnik ist dieser Leistungssprung des doppelt aufgeladenen Dreiliter-V6 keine Motorartistik, sondern Folge eines höheren Ladedrucks sowie angepasster Motorsteuerung. Doch die Änderungen am Fahrwerk sind noch stärker charakterbildend: So erhält die C-Klasse steifere Achsschenkel und Traggelenke der Federlenker an der Vorderachse sowie Teile der C-63-Elastokinematik an der Hinterachse. Vorne wie hinten fährt der C 43 mehr negativen Sturz. Zudem ist das adaptive Sportfahrwerk serienmäßig, ebenso ein dreistufiges ESP sowie eine größere Bremsanlage samt 18-Zoll-Rädern – und ein heckbetont ausgelegter Allradantrieb.Ähnlich verfährt Audi beim S4, nicht jedoch Volvo beim Polestar. Der ist sozusagen ein per größerem Turbolader, strömungsoptimierter Auspuffanlage und angepasstem Motormanagement werksgetunter S60, muss aber mit einem Vierzylinder auskommen. Ein Kompressor unterstützt den Turbolader und ringt dem Zweiliter 367 PS sowie 470 Nm ab. Das prinzipiell bei so hoher Aufladung zu erwartende Turboloch soll der Kompressor füllen, also erwartet man ein aufgewecktes Triebwerk, das hellwach am Gas hängt.Nun, erwarten kann man viel, in Erfüllung gehen die Erwartungen dagegen nicht immer. Dass ein Kompressor unter der Motorhaube arbeitet, ist zweifelsfrei am Sirren zu hören – doch nicht so recht zu spüren. Der Zweiliter schiebt eher verhalten aus dem Keller an, kommt erst bei mittlerer Drehzahl zur Sache, ohne anschließend ein Turbo-Feuerwerk zu zünden, wie etwa der ähnlich stark aufgeladene AMG-Zweiliter in einem A 45. Und der Volvo-Vierzylinder läuft rau. Im direkten Vergleich kann der Polestar-Fahrer dem S4 und C 43 zwar folgen, doch der Zweiliter muss sich dabei hörbar anstrengen.Auf der Autobahn wirkt der Polestar nervös, sein serienmäßiges Sportfahrwerk gibt Bodenwellen in Form von Stößen weiter. Die schlimmsten Peaks fangen glücklicherweise die weichen Polster auf. Vor allem im Fond sitzt man sehr angenehm. Vorn dagegen fehlt es groß gewachsenen Personen an Oberschenkelauflage.

Fronttriebler-Feeling im Polestar
Auf der Landstraße zeigen sich die Öhlins-Stoßdämpfer eher in ihrem Element, demonstrieren enormen Ehrgeiz, was sich bei genauer Betrachtung allerdings als übertriebene Härte entpuppt. Die stumpfe Lenkung dämmt aufbrandenden Fahrspaß-Jubel weg, liefert kaum Rückmeldung zu den Gripverhältnissen an der Vorderachse. So merkt man erst am sich vergrößernden Kurvenradius, dass die Front des S60 von der Haft- in die Gleitreibung übergeht – obwohl er ein Allradler ist, fühlt sich der Polestar dabei wie ein Fronttriebler an. Und in der Stadt? Da vermittelt der Volvo mit seinem riesigen Wendekreis nicht gerade Handlichkeit, schiebt sich das im Heckbereich coupéhafte Dach ins Einpark-Panorama.Wer nun die reinen Fahrdynamikwerte betrachtet, wähnt den Polestar in Schlagweite zu seinen Konkurrenten. Doch das trifft nur auf dem trocken geföhnten und glatt gebürsteten Testgelände zu. Gesellen sich Bodenwellen zu den Kurven, dann fängt das Fahrwerk an zu bocken. Wir wollen bei den Volvo-Fans keine falschen Hoffnungen wecken und rücken bereits hier mit der ungeschminkten Wahrheit heraus: Für den Polestar sprechen vor allem sein Design, seine Andersartigkeit sowie seine hervorragende Ausstattung. Den Sieg im Vergleichstest machen der AMG und der S4 unter sich aus.Dabei spielen natürlich die lustbetonten Kriterien wie etwa der Fahrspaß eine große Rolle. Aber nicht nur: Der Audi punktet bei Alltags-belangen, bietet den Passagieren am meisten Platz und beim Beladen den breitesten Kofferraumausschnitt. Das sind Argumente, die den S4 zum angenehmen Begleiter adeln. Auch übrigens, dass sich seine Bordunterhaltungselektronik etwas einfacher als im Mercedes nutzen lässt. Der kontert dafür mit Lenkunterstützung im Stop-and-go-Verkehr sowie teilautonomem Fahren. Beim Federungskomfort kommt der C 43 nicht ganz an die Geschmeidigkeit des S4 heran – anders als früher versteht sich Audi nun auf eine breite Spreizung der adaptiven Stoßdämpfer; gelungen ist auch die Dämmung des Innenraums.

Toller Sound im C 43
Das Ohr interpretiert den Dezibel-Überhang im C 43 als emotionalen Klang. Sein V6-Biturbo intoniert den Verbrennungssong leidenschaftlich, dennoch harmonisch und angenehm, röhrt selbst bei geöffneten Auspuffklappen nicht zu aufdringlich, klingt fast schon reihensechszylindrisch. Nur im Sport-Plus-Modus brüllt der C 43 wie ein traditioneller AMG, feuert beim Schalten unter Volllast Chinaböller aus den Endrohren.Genüsslich buttert man eine Ladung Drehmoment auf den Asphalt. Dick, sämig und geschmeidig. Und es schmeckt so herrlich nach ungekünstelter Sportlichkeit. Nach der passenden Dosis, in der Kraft und Übertragung in perfekter Balance stehen. Die Vorderachse hakt sich ein, das Heck macht mit, ganz selbstverständlich ohne künstliche Momentenspielchen. Schon ist die Kurve mit unbeirrtem Herrschaftsanspruch eingenommen, und der C 43 posaunt über die nächste Gerade. Spielerisch, locker-flockig und mitreißend. Am liebsten würde man sich nun in einem Kurvendickicht verirren, darin herumtollen und erst wieder herausfinden, wenn der Sprit zur Neige geht. Wann hat eine C-Klasse zuletzt solche Begeisterung ausgelöst?Trotz optionalem Sportdifferenzial kann der S4 nicht mithalten. Seine Leidenschaft hält sich etwas reservierter im Hintergrund. Der V6 klingt toll, das Getriebe schaltet passend, das Heck lenkt mit, sogar viel mehr als im Mercedes. Aber es dreht fast schon unvermittelt ein. „Künstlich“, das Wort können sie bei Audi schon nicht mehr hören, aber es trifft den Kern auch beim S4: Obwohl sich das alte Audi-Problem der gefühlskalten Lenkung auf einem Lösungsweg befindet, haftet dem gesamten Fahrwerk noch immer eine digitale Grundstimmung an. Lastwechselreaktionen wie die im Dynamik-Modus wegwischende Hinterachse kommen wie einprogrammiert, ja unnatürlich und können durchaus überraschen.

Audi: Weniger Emotion aber bessere Bremsen und Komfort
Die gleiche Strecke, die man vorher im C 43 mit Juchheissassa niedergerungen hat, scheint jetzt belangloser. Doch der Vergleichstest bewertet nicht nur Emotionen. So heimst der Audi an anderen Stellen äußerst entschlossen Punkte ein: Seine Bremse verzögert hartnäckiger als diejenige des Mercedes, sein Triebwerk ist etwas sparsamer, sein Innenraum großzügiger, sein Federungskomfort höher, seine Wartung etwas günstiger. Und trotz des subjektiv digitalen Fahreindrucks lässt er sich bei den objektiven Fahrdynamikwerten wenig zuschulden kommen.So küren wir hier tatsächlich ausnahmsweise zwei Sieger: den Mercedes-AMG C 43 als den Spaßigsten und gleichzeitig Sportlichsten. Sowie den Audi S4 als den Alltagstauglichsten und Praktischsten – und als Gewinner nach Punkten.
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Testwertung
4.5 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2017-02-05

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