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Testbericht

21. November 2014
Klischees sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Im Juli dieses Jahres betrug die durchschnittliche Niederschlagssumme in Großbritannien 86,6, in Deutschland hingegen 128 Liter pro Quadratmeter. Verdammt. Wobei – es passt zur Idee dieser Geschichte. Wie bereitet man einem bestenfalls durchwachsenen Sommer ein würdevolles Ende, ein Ende, das ihm zum besten Sommer der letzten Dekade, ach was, aller Zeiten qualifiziert? Schwierig. Denn "Mittelmäßigkeit ist von allen Gegnern der Schlimmste", behauptet zumindest Johann Wolfgang von, womit er natürlich recht hat, der Herr Goethe, denn mittelmäßig war er, dieser Sommer. Für welches Cabrio stellt diese Mittelmäßigkeit das wohl kleinste Hindernis dar? Für einen Rolls-Royce. Noch exklusiver als ein Bentley, stressfreier als die Rasselbande von Porsche bis Ferrari und frei von der Kompromisshaftigkeit der Großserien-Mercedes, -Audi, -BMW. Und das war schon immer so, auch 1957, als das Silver Cloud Drophead Coupé mit größter Penibilität von Hand gefertigt wurde. Das gilt gleichermaßen für die Herstellung heute, wenn innerhalb von rund 450 Arbeitsstunden ein Rolls-Royce Phantom Drophead Coupé entsteht. Natürlich änderten sich die Zeiten, denn damals war die Geburtsstätte eines Rolls-Royce dort, wo heute Bentley produziert. Und heute, dirigiert von BMW, steckt eine höhere Komplexität und weniger originäre britische Ingenieurleistung unter der ausufernden Hülle – was nichts am unbedingten Luxus und an der Britishness ändert. Es wäre also ein Leichtes, die beiden prächtigen Wagen über enge, durch dichte Hecken begrenzte Sträßchen rollen zu lassen, auf einer beliebigen grünen Wiese ein stilechtes Picknick zu inszenieren – karierte Decken inklusive –, na, eben das gesamte Insel-Klischee abzufeiern. Vermutlich wäre sogar das Wetter okay gewesen.

Autoritäten auf den Straßen
Doch meist wird ja das, was vor der eigenen Haustür an Landschaft herumliegt, nur von Nicht-Heimischen geschätzt und gewürdigt. Warum also nicht einmal mit den Cabrios das bayerische Klischee von Balkonen, die sich unter der Geranien-Last, herrlichen Bergstraßen, die sich unter der Touristen-Last, und Biertischen, die sich unter der Hax’n-und-Maßkrug-Last biegen, sprengen? Und irgendwie ist zumindest der Rolls-Royce Phantom hier ja auch zu Hause. Also flanieren er und sein Ahne in Richtung Alpen, zunächst ganz schnöde über die Autobahn.Bis zu 165km/h könnte der Silver Cloud schnell werden, doch das muss er nicht, maximal 120km/h sind genug, während um die Briten herum Urlauber gen Süden eilen und es Fahrer deutscher Premium-Produkte selbst mit Wohnanhänger magisch auf die linke Spur zieht. Dennoch umgibt die zwei Rolls das, wofür anderswo Horden von Marketingspezialisten beschäftigt werden, um sie den Produkten anzuerziehen – Autorität. Niemand wagt, den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand zum Rolls-Royce Phantom und Silver Cloud zu verkürzen, Überholvorgänge finden mit vorsichtigem Geschwindigkeitsüberschuss statt, und läuft man doch auf ein langsameres Fahrzeug auf, huscht es sofort zur Seite.

Rolls-Royce Phantom mit 5,61 m der Längere
Die Textilverdecke liegen im jeweiligen Heck, aber klar doch, die Radios schweigen, gezwungen (im Silver Cloud funktioniert es nicht) und gewollt (im Phantom), es dominiert die Stille, selbst der Fahrtwind scheint besonders untertänig um die Karosserien zu branden. Dabei hat er viel zu tun, denn der von H. J. Mulliner eingekleidete Silver Cloud erstreckt sich auf 5,39 Meter, der Phantom gar auf 5,61 Meter. Ja, und breit sind sie auch, 1,90 und 1,99 Meter, ohne Spiegel, was beim Senior angesichts der zierlichen Chromtellerchen auf den vorderen Kotflügeln auch egal ist. Gut jedenfalls, dass die Straßen in Oberbayern geradezu verschwenderisch breit erscheinen, zumindest im Vergleich mit denen der Grafschaft Cumbria im Norden Großbritanniens beispielsweise.Und die zahlreichen Kurven im Voralpenland? Sagen wir so: Die beiden Luxus-Cabrios ignorieren sie noch nicht einmal. Vielmehr schreiten sie die Kehren mit erhobenem Kühler ab, sodass die profane Straße samt den unerhörten Biegungen gefälligst in Ohmacht fallen möge ob des herrschaftlichen Besuchs. Dabei ist der Rolls-Royce Phantom sogar mit einem Dynamic Package ausgerüstet, mit verrucht sichtbaren Endrohren der Abgasanlage und einem straffer abgestimmten Fahrwerk – von dem er sich glücklicherweise nichts anmerken lässt. Denn es ist der unbedingte Komfort, die völlige Tiefenentspanntheit, die einen Rolls-Royce zu einem ebensolchen macht. Selbst der 4,9 Liter große Reihensechszylinder mit den SU-Vergasern strahlt – abgesehen vom schnöden Anlasser-"Plonk"– eine unerschütterliche Ruhe aus, stellt allerdings jederzeit die geballte Milde seiner fast 160PS bereit, um den 1,9 Tonnen schweren Wagen angemessen fortzubewegen.

460PS und 720Nm Antriebsluxus im Rolls-Royce Phantom
Die Ruhe ist zugleich sein bedeutendstes Sicherheitsextra, denn die Trommelbremsen erwarten eine sehr vorausschauende Fahrweise. Und sobald es hier im Sudelfeld bergab in Richtung Oberaudorf oder Bayrischzell geht, muss der zierliche Wählhebel der Vierstufenautomatik schon mal ganz profan per Hand in eine niedrigere Stufe gerückt werden. Klar, der Achtstufenautomat im Rolls-Royce Phantom erkennt Gefälle, managt alles selbst, lässt so den Fahrer noch mehr in Ruhe, als es der Senior ohnehin schon vermag. Ein V12, etwas bemüht auf den seit den 70er-Jahren traditionellen Hubraum von 6,75 Litern hinkonstruiert, kümmert sich um über 2,6 Tonnen Lebendgewicht, das sich problemlos durch einen maßgeschneiderten Picknickkorb für einen fünfstelligen Betrag oder einen teakholzgetäfelten Kofferraum weiter erhöhen lässt. Es wäre ihm vermutlich egal, denn 460PS und ein maximales Drehmoment von 720 Newtonmetern beeindrucken selbst im Turbo-Zeitalter. Mehr noch: Die höchste Aufmerksamkeit und unbedingte Laufkultur, die kein Laderpfeifen stört, drücken mit einer derartigen Konsequenz ultimativen Antriebsluxus aus, dass sich die Frage stellt, ob und wie die Marke einmal ohne Saugmotoren auskommen will. Luftgefedert wogt der Viersitzer am Schliersee entlang, vorbei an der dortigen Whisky-Destillerie. Passanten tuscheln, wer da wohl hinter dem Steuer des Rolls-Royce Phantom sitzt. Dem Silver Cloud passiert das nicht, ihm schlägt unverhohlene Freude entgegen, denn die Würde des Alters befreit ihn vor der aussätzigsten aller Emotionen: Neid. Doch selbst der perlt bald ab am Cassiopeia-silbernen Lack (fünf Schichten, je nach Farbe auch mal mehr, aber immer wird die oberste mindestens fünf Stunden poliert). Was bleibt, ist die Ehrfurcht vor den automobilen Riesen, selbst beim Zwischenstopp am "Winklstüberl".

Im Mittelpunkt ohne anzugeben
Hier, wo allein der Anblick der riesigen Tortenstücke einen sofortigen Zuckerschock zur Folge hat und der Kaffee von Annemie erstens im Dirndl und zweitens draußen natürlich nur in Kännchen serviert wird, trauen sich selbst die Busladungen von Touristen nicht, kleinkinderhaft die Cabrios zu betatschen. Stattdessen fotografieren sie mit großer Begeisterung, denn dort, wo sie herkommen, fahren solche Automobile äußerst selten herum.Na, eigentlich ist die Herkunft egal, Rolls-Royce dieses Kalibers sind immer selten, außer in den Emiraten vielleicht. Vom Silver Cloud mit Mulliner-Karosserie gab es nur 22 Stück, neu mehr als dreimal so teuer wie ein BMW 507. Ein Rolls-Royce Phantom Drophead Coupé kostet über 458.000 Euro, ohne eine einzige der zahllosen Individualisierungsmöglichkeiten. Für ein Stück Torte unter dem geranienschweren Balkon berechnet Annemie gerade mal 2,60 Euro, die handwerkliche Qualität und Größe entsprechen in etwa jener der beiden Cabrios – und das Ambiente ganz dem Bayern-Klischee. Hier findet der auch an diesem Tag eher mittelmäßige Spätsommer ein prächtiges Ende.
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Quelle: auto-motor-und-sport, 2014-11-21

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