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Testbericht

6. August 2016
Der Zentralfriedhof in Wien – Etwa drei Millionen Menschen feiern inzwischen hier jedes Jahr, frei nach der ewig gültigen Hymne "Es lebe der Zentralfriedhof“ des österreichischen Musikers Wolfgang Ambros. Menschen aller Konfessionen, jüdisch, russisch-orthodox, islamisch, welcher auch immer sie sich zugehörig fühlen. Zum 100-jährigen Bestehen des Friedhofs schrieb Ambros sein Lied, eines der vielen im typischen Wiener fröhlich-depressiven Duktus, "Schifoan“ und "Zwickt’s mi“ sind die Ausnahmen von der Regel. Einen Hang zum Morbiden müssen sich die Wiener schon lange nachsagen lassen, vielleicht liegt es am klebrigen Dialekt oder der nach dem Zweiten Weltkrieg doch über Jahrzehnte erstaunlich trostlosen Stadt. Andererseits kann sich wohl nur in dieser Umgebung ein Friedhof seine Aura derart hemmungslos mit Buntstiften ausmalen. Für unverbesserliche Romantiker warten am zweiten Tor, dem Haupteingang, Pferdekutschen.

Rolls-Royce Phantom Drophead Coupé – eine Ära endet
Der Rolls-Royce Phantom Drophead Coupé fährt ebenda vor, rollt an die Parkhausschranke, Ticket ziehen, einfahren – mehr braucht’s nicht. Der prächtige Wagen ist bereits angezählt, im November endet die Produktion der siebten Generation Phantom, die des Coupés und Drophead Coupés wohl für immer. Einzig die Limousine bekommt einen Nachfolger, mit Aluminium-Spaceframe und Turbomotor entschlossen auf Effizienz hin konstruiert.Effizienz? Wer hinter das große, dünnbekranzte Lenkrad des Drophead Coupés auf die extrasoften Ledersessel rutscht, per Knopfdruck das hinten angeschlagene Portal (Tür würde dieses massive Bauteil nur unzureichend beschreiben) schließt, lernt schnell: Kaum einem Automobil gestattet die Gesellschaft so selbstverständlich und neidfrei eine derart erhebliche Dezimierung von Verkehrsfläche. 5,61 Meter lang und 1,99 Meter breit, doch der Platz reicht für vier und ein wenig Gepäck, das vorzugsweise aus einem maßgeschneiderten Picknickkorb besteht. Und dann wäre noch der Platz im Bug, beansprucht vom flüsterleisen Sechsdreieinviertelliter-V12.

Touristen sind nur wenige da
Dezent nuschelt er vor sich hin, ganz anders als der Volksschauspieler Hans Moser, der auch nuschelte, zusätzlich jedoch prägnant näselte, was ihn unverwechselbar machte. Seit 1964 liegt er hier begraben, seine Filmpartner Theo Lingen und Paul Hörbiger folgten 1978 und 1981, alle drei begraben in Gruppe 32C links der Prachtallee zwischen dem Haupttor und der Friedhofskirche "Zum Hl. Karl Borromäus“. Wobei "Kirche“ ähnlich untertrieben wirkt wie "Tür“ beim Rolls. Die Werke der drei leben weiter. Der Phantom legt wieder ab, die Allee, die alten und neuen Arkaden beeindrucken, die Kirche sowieso, doch den Alten Jüdischen Friedhof, den müsse man besuchen, heißt es. 1877 wurde er eröffnet, ist inzwischen sich selbst überlassen.Auf dem Weg zum nördlichen Ende des Areals verschmälern sich die Wege, Touristen schaffen es meist nicht bis hierher, sogar während der Öffnungszeiten verschafft die Ruhe in dieser Ecke dem Tagestrubel Leichtigkeit. Die eingemeißelten Jahreszahlen rücken den eigenen Platz in der Zeit ins Bewusstsein. "Mit rauher Hand hat das Schicksal uns das Theuerste entrissen“, steht auf einem Stein. Ein 19-Jähriger wurde hier begraben. 1893. In ihrem Schicksal vereinen sich alle Religionen, eigentlich eine wunderbare Erkenntnis.

Viele letzte Reisen
Auf dem Weg zurück in den südlichen Teil hält der Rolls kurz inne, seine Anzeige für die verfügbare Motorkraft signalisiert 100 Prozent. Eine Trauergemeinschaft hat sich versammelt, alle in Weiß gekleidet. Jemand mit philippinischen Wurzeln bekommt das letzte Geleit. Täglich finden auf dem Zentralfriedhof bis zu 25 Beerdigungen statt, die Zahl der Gräber von rund 330.000 gibt also nur einen aktuellen Zwischenstand wieder. Vielen spenden ein oder zwei der rund 17.000 Bäume Schatten, so wie den Besuchern auch. Jogger hetzen vorbei, eine fesch gekleidete Dame sitzt auf einer Bank, schaut in ihren tragbaren Computer einer sehr angesagten Marke, die nur augenscheinlich etwas mit Obst zu tun hat.Kurze Pause am Grab von Hans Hölzel, der es als Falco erst zu erheblichem Ruhm, dann zu einem erheblichen Absturz brachte. Der Obelisk und die transparente, mit seinem Konterfei gravierte Gedenktafel sind einem Charakter, der stets etwas jenseits der Grenze von Selbstbewusstsein und Arroganz unterwegs war, durchaus angemessen. "Das Tun kommt aus dem Sein allein“, sang er in "Junge Römer“. Tatsächlich gilt Falco völlig zu Recht als genialer Musiker, was außerhalb Österreichs irgendwo zwischen Neue-Deutsche-Welle-Taumel ("Der Kommissar“) und Gewaltverbrechenskandal ("Jeanny“) unterging. Sein "Donauinsel Live“-Album hilft Interessierten bei der Einordnung. Es wird bleiben.

Verdeck schließt sich in 30 Sekunden
Der Schatten indes bleibt nicht, weshalb der Rolls-Royce sein fünflagiges Verdeck schließt. Per Knopfdruck, natürlich, allerdings nur im Stand während einer Zeitspanne von etwa 30 Sekunden. Heute, da selbst 140 Zeichen als unzumutbar langer Text gelten, eine Ewigkeit. Und ja, mehr als alle anderen Cabrios streift er sich mit dem Verdeck ein Coupé-Kleid über. Vielmehr sogar als jene, die ein faltbares Hardtop tragen, denn schließlich bleibt der hässliche Rucksack. Und dann passiert es doch, kurzzeitiger Verlust der Orientierung, offenbar verlor sich die Konzentration des Fahrers in der Maserung des Edelholzes, einer Maserung, deren Perfektion nur die Natur schaffen kann. Ein Blick auf den Plan aus Papier zeigt: Das Cabrio hat es nach Osten abgetrieben. Jö schau, da vorn, der Park der Ruhe und Kraft, nicht weit von Tor 3. Vor dem Tor steht ein kulturechter Würstelstand, kurze Pause also, nur um die Wissenslücke zu schließen, wie eine Burenwurst schmeckt. In etwa zu gleichen Teilen würzig und fettig, Estragonsenf hilft. Damit wäre das geklärt.

21-Zöller knirschen auf dem Weg
Wieder ein Ticket ziehen, Schranke auf, Schranke zu. Seltsam. Obwohl sich kein Tor hinter dem Phantom schließt, herrscht sofort wieder Ruhe, während draußen der Verkehr über die Simmeringer Hauptstraße rauscht. Links liegt der Evangelische Friedhof, daran grenzt im Süden der Neue Jüdische Friedhof an. Doch die 21-Zoll-Räder des Rolls knirschen in Richtung Kirche, dort findet das mächtige Automobil ein weiteres Equivalent. Der Architekt Max Weber schuf den Bau mit der 58,5 Meter hohen Kuppel, 1911 wurde die Kirche eingeweiht. Statt Ziffern tragen die Uhren Buchstaben, sie setzen sich zu "Tempus fugit“ zusammen. Die Zeit flieht. Ja, davon lässt sie sich selbst auf einem Friedhof nicht abhalten. Auch hier diktiert jeder Tag einen Rhythmus, der Pflege, Beisetzungen und Besucherströme taktet. Eine Reisegruppe aus Indien bleibt am Rolls-Royce hängen, das Automobil sei "wonderful“ und der Friedhof "awesome“, wie sie in akzentfreiem Amerikanisch euphorisch erklären. Die Ehrengräber von Strauß Vater und Sohn sowie Beethoven hätten sie besucht, natürlich. Ansonsten wissen sie mit den meisten Namen nichts anzufangen, wie sollten sie auch.Ernst Jandl? Nie gehört. Gerade ihn muss man jedoch hören, denn erst sein Vortragen poliert die wahre Kunst seiner experimentellen Lyrik zu vollem Glanz auf. "Ottos Mops“. "Schtzngrmm“. Worte verstümmeln in Perfektion. Der Schriftsteller liegt hier seit 2000. Ottos Mops nimmt auch weiterhin Koks. Es fällt leicht, sich mit den Werken verstorbener Künstler auseinanderzusetzen. Dabei gäbe es auf dem Zentralfriedhof zahlreiche Bereiche mit den Gräbern jener, die anderen Menschen mit offensichtlichen Festplattendefekten zum Opfer fielen, also in den beiden Weltkriegen umkamen. Begreifen? Unmöglich. Nachvollziehbar? Ehrlich gesagt: hoffentlich nicht. Hier bleibt zumindest Zeit, um seinen eigenen Gedanken darüber nachzuhängen.

Spiel’s noch einmal, Udo
Die Abendsonne taucht unterdessen die Kuppel der Friedhofskirche in strahlendes Orange, die Ruhe ist nun greifbar, obwohl das V12-Triebwerk des Phantom noch immer läuft. Würde man die Leistung von 460 PS und das Drehmoment von 720 Nm abfordern, räusperte es sich nur ein wenig. Zeit, den Zentralfriedhof zu verlassen. Nun gut, ein kleiner Schlenker noch zum steinernen Konzertflügel von Udo Jürgen Bockelmann.Die Öffentlichkeit kennt ihn als Udo Jürgens, degradiert ihn meist zum Schlagerstar. Doch man muss seine Musik nicht mögen, um zu erkennen, dass Jürgens ein großartiger Künstler war, der bis kurz vor seinem Tod seinen Fans Konzerte bot, an deren Qualität und Energiegehalt sich viele jüngere Musiker abarbeiten werden. Gewiss mischt er jene Feier gehörig auf, die Wolfgang Ambros 1975 herbeisang. Und hinter dem Phantom Drophead Coupé schließt sich ein letztes Mal die Schranke.
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Testwertung
5.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2016-08-06

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