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Testbericht

29. August 2013
Renault war oft an der Spitze der Bewegung, wenn es um die Durchsetzung neuer Fahrzeugkonzepte ging. Denken wir nur an den ersten Espace. Der große Raum, kommod eingerichtet und effizient verpackt, war für alle anderen europäischen Autohersteller uninteressant, als die Franzosen ihren Langzeit-Klassiker auf den Markt brachten. 1984 war das, und weil die Idee so gut ankam, folgten schon 1996 der kompaktere Scénic und 2004 der nochmals kleinere Modus. Bei kleinen Sport Utility Vehicles überließ Renault die Vorreiterrolle allerdings anderen etwa dem Kooperationspartner Nissan. Der hat mit dem Juke seit 2010 einen Hochbeiner im Programm, den klassische Schönheitsideale wenig jucken. Wie ein Clownfisch bringt er Form und Farbe in die Viermeter-Klasse und empfiehlt sich mit weit aufgerissenen Scheinwerferaugen in einem denkwürdig großen Kühlergrill als preisliche Alternative zum Standard-Kompakten, falls dieser als zu bieder-brav erscheint. Wer da spottet in Richtung Comic-Auto und Modeerscheinung, sei informiert: Den Juke trennt zwar nur ein Buchstabe vom englischen Witz (Joke), doch er verkauft sich prächtig und spült reichlich Geld in die Nissan-Kassen.

Renault Captur bietet mehr Platz Der Renault Captur auf der technischen Basis des neuen Clio geht die Mission "modische Alternative gegen Langeweile" sachlicher an. Formale Attraktivität lässt sich dem stämmigen Kerl, der wie der Juke gut 1,5 Meter hoch und knapp 4,15 Meter lang ist, trotzdem nicht absprechen. Er steht da wie ein solider Outdoor-Stiefel, mit dem sich unbesorgt durch die regennasse Natur stapfen lässt. Das macht man gern auch mal zu viert, denn das Platzangebot im Renault Captur ist rundum gut. Vornsitzende genießen mehr Kopf-, Hintensitzende mehr Beinfreiheit als im Juke. Weil sich seine Fondbank verschieben lässt und sein Kofferraum ohnehin größer ist als der des Nissan (377 bis 1.235 zu 251 bis 830 Liter), punktet der Renault Captur in der inoffiziellen Ein-Auto-für-alle-Familienangelegenheiten-Wertung sehr stark. Da verzeiht man ihm auch die lascher gepolsterten, kleiner dimensionierten Vordersitze, denen es zudem an Seitenhalt mangelt. Im Juke sitzt man straffer, stärker ins Auto integriert, wenngleich sich sein Lenkrad nur in der Neigung justieren lässt, Wer aus dem Sitzgefühl auf ein dynamisches Wesen schließt, wird nicht enttäuscht. Federn und Dämpfer des kecken Nissan kennen keine Larifari-Abstimmung, sondern verhindern auch bei couragierter Kurvenfahrt mit spürbarer Straffheit Wanken und Wippen. Dazu kommt eine rückmeldende, spontan ansprechende Lenkung für zackiges Handling. Die sechs Vorwärtsgänge lassen sich nicht butterweich-leichtgängig, aber präzise und auf kurzen Wegen wechseln, und der 1,5-Liter-Diesel sorgt für Fahrleistungen, die fast so gut sind wie die gefühlte Flottheit.

Renault Captur ist komfortabler ausgelegt Bis zum Null-100er-Stammtischwert nimmt der Juke dem Renault Captur 1,7 Sekunden ab (11,5 zu 13,2 s), auch in der alltagswichtigeren Beschleunigungselastizität zeigt er mehr Nachdruck. Die 20 Mehr-PS, die Nissan dem im Kern baugleichen 1,5-Liter im Vergleich zum Renault Captur entlockt, stehen also nicht nur auf dem Papier. Dieser hat dafür andere Qualitäten geringeren Durst (6,2 zu 6,6 Liter) und geschmeidige Laufkultur etwa. Während sich der Juke erst rumpelig warmläuft und unter hoher Last stets nagelt, schnurrt der Renault Captur gleich sanft los und hält dieses hohe Niveau. Zudem nimmt er Gasbefehle bei niedrigen Drehzahlen williger an und macht dadurch die objektiv schlechteren Fahrleistungen vergessen. Auch der Federungskomfort ist im Renault Captur besser als beim Juke, der in der getesteten Ausstattung n-tec auf Niederquerschnitts-18-Zöllern rollt. Der teilt nämlich gern mal Knüffe aus, wo der weicher abgestimmte, aber ebenso wenig von Fahrwerkspoltern freie Renault Captur allenfalls sanft wiegt. In welligen Landstraßenkurven täte ihm aber ein Schuss Juke gut. Hier wirkt er unterdämpft und verliert an Zielgenauigkeit, schiebt über die Vorderräder nach außen und legt dem Fahrer auch durch die softe Lenkung nahe, es doch ruhiger angehen zu lassen, ehe das ESP hart bis ruppig einschreitet. Derweil ist der Juke schon zwei Kurven weiter, bereitet seinem Fahrer viel aktiven Fahrspaß und korrigiert, falls überhaupt nötig, per ESP so diskret den Kurs, dass es Mitfahrern wohl kaum auffällt.

Ausstattung hier, Ideen dort Der Juke ist also passend zu seinem Äußeren der fahraktivere der zwei Fronttriebler, die mit solider Verarbeitung und manchen lackierten Flächen inmitten überwiegend harten Kunststoffs gefallen. Der Renault Captur setzt die Akzente anderswo und erlaubt sich weniger Patzer, wenn man auf Dinge mit mehr Alltagsrelevanz schaut. Zum Beispiel ist er nach schräg hinten viel übersichtlicher, was die Rückfahrkamera, die beim Juke n-tec ebenso serienmäßig ist wie das Navigationssystem, nur zum Teil kompensiert. Auch ist das Navigationsdisplay des Renault Captur besser gegen störendes Licht geschützt, während der Schirm des Nissan-Systems sich oft nicht ablesen lässt, weil die Sonne aus dem falschen Winkel scheint. Mehr Ablagen hat der Renault Captur ebenso und – Kinder, esst ruhig Schokolade – per Reißverschluss abnehmbare Sitzbezüge für die Reinigung in der Waschmaschine. Spät kam er, der Renault Captur. Aber er ist wahrlich nicht der schlechteste oder teuerste Fluchtwagen bei Klein- oder Kompaktwagen-Überdruss.
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Quelle: auto-motor-und-sport, 2013-08-29

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