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Testbericht

23. Juli 2016
Es gab eine Zeit in den 80ern, da waren Turbomotoren mit mehr als 400 PS einer ganz besonderen Gruppe vorbehalten: der legendären Gruppe B aus der Rallye- WM. Diese Zeiten sind vorbei. Heute gibt's die Rallye-Power im sonst so drögen Fließheck-Einheitsbrei. Straßenzugelassen, nutzbar und irgendwie absurd – aber schön. Beste Beispiele: der Audi RS 3 Sportback und der Mercedes-AMG A 45.

Beide knacken die 400-PS-Marke
Beide schnuppern schon im Serienzustand an der 400-PS-Marke. Nach einem Besuch bei RaceChip in Göppingen oder bei Performmaster in Plüderhausen knacken beide Kompaktbrenner diese Marke – Chiptuning und Zusatzsteuergeräten sei Dank.RaceChip bietet sein Plug-and-Play-Leistungspaket für den Audi RS 3 für knapp 700 Euro an, sprich: richtig günstig. Dafür bekommt man bei Audi in der Ausstattungsliste nicht mal das Navigationspaket. Und beim Tuner? Mehr Leistung natürlich. Nach Angaben der Göppinger steigt die RS 3-Power von 367 auf 410 PS, das maximal auf den haldexbasierten Quattro-Allrad niedergehende Drehmoment wächst von 465 auf 520 Nm.Das Steuergerät ändert Parameter wie Zündung, Ladedruck und Einspritzzeiten. Den Einbau der Tuning-Box – Stecker ab, Stecker dran – soll jeder selbst vornehmen können. Besonders hip: die Smartphone-App, über die man den RaceChip-Audi kontrolliert und steuert. Vier Settings stehen zur Wahl: Off, Efficiency, Sport und Race. Seine 410 PS gibt der getunte RS 3 nur in der Race-Einstellung ab, die wir auch im Test hauptsächlich genutzt haben.

Tuning-Box gegen Tuning-Box
App und individuelle Leistungsstufen gibt's bei Performmaster nicht, dafür ebenfalls 410 PS im kleinsten AMG-Modell. Der M133-Motor rühmt sich schon im Serienzustand als der stärkste aktuell in Serie produzierte Zweiliter-Vierzylinder der Welt. Jetzt übertrifft er auch den seligen Mitsubishi Evo IX FQ-400; den RaceChip-RS 3 schlägt er beim Drehmoment: 560 Nm reißen zwischen 3.000 und 5.000 Touren am Allradantrieb 4Matic.Das hat seinen Preis: Rund 3.000 Euro verlangt der Tuner aus Plüderhausen für sein PEC-Modul und damit deutlich mehr als die Konkurrenz von RaceChip. Im Zusatzsteuergerät steckt eine Vmax-Anhebung auf 280 km/h. Seine 410 PS leistet der getunte A 45 erst dann, wenn der Motor wirklich seine optimale Betriebstemperatur erreicht hat. Der Überhitzungsschutz des Aggregats bleibt trotz Tuning aktiv, Software-Updates für das M133-Triebwerk sind weiterhin möglich. Und eine Garantie gibt's obendrauf – ohne die sonst übliche Kausalklausel („Das Tuning ist schuld am Schaden!“).Performmaster und RaceChip setzen bei ihren Hot-Hatches aber nicht nur auf schnelles Geradeaus-Dübeln, sondern legen auch Wert auf die andere Seite der Dynamik: Kurven. Dabei verbauen beide Tuner das gleiche Paket: ein zweifach verstellbares Clubsport-Fahrwerk von KW für knapp 3.000 respektive 4.000 Euro. Beide Hatchbacks treten mit 19-Zoll-Felgen und Pilot-Super-Sport-Reifen von Michelin an.

Turbo-Fünfzylinder im RS 3
Der Audi hat an der Vorderachse 255er-Gummis montiert, hinten schmälere 235er – dieses Anti-Untersteuermittel gibt's optional ab Werk. Genau wie die Performance-Klappenauspuffanlage, die diesen Namen zu Recht trägt: Der Turbo-Fünfer jauchzt sich prustend aus dem Schlaf, setzt seine raue Stimme im Leerlauf, bleibt im Dynamik-Modus immer hörbar, röchelt und fünfzylindert vor sich hin. So weit, so serienmäßig.Ungefähr bei 2.500 Touren kommt Leben in den RS 3, der Turbo zischt, der Fünfzylinder grummelt etwas schief, aber höchst authentisch – näher kommt dem Rallye-Sound der 80er niemand. Erreichst du 4.000, wechselt der Zweipunktfünf seine Auspuffnote – in einen Fanfarenklang, der dem eines V10-Triebwerks nicht unähnlich ist. Einfach grandios! Garniert wird dieses Erlebnis von den 520 Nm, die dich kräftiger aus der Kurve schleudern als im Serienmodell. So zumindest der subjektive Eindruck.Den RaceChip-Audi messen wir mit 4,1 Sekunden im Standardsprint. Zwei Zehntel schneller als die Serien-Werksangabe, aber 0,1 Sekunden langsamer als den zuletzt von uns gemessenen Werks-RS 3. Mit 16,7 Sekunden auf 200 km/h verliert der RaceChip eine ganze Sekunde auf den Pressewagen. Das lässt vermuten, dass der Werks-RS 3 besonders gut ging, womöglich sogar mehr Leistung hatte als angegeben. Oder: Es war am Tuning-Messtag mit mehr als 20 Grad zu warm für die maximale Leistungsausbeute.Beruhigung bringen dann die Elastizitätsmessungen; dort schlägt der RaceChip-Audi das Serienfahrzeug in fast allen Disziplinen. Paradebeispiel ist der Zwischenspurt von 80 bis 160 km/h im sechsten Gang: Da flitzt der RaceChip-Audi seiner Basis um 1,5 Sekunden davon. Mehrleistung ist also de facto da, trotzdem geht der gewonnene Punch obenraus verloren. Das passt zum Hinweis, dass sich das Tuning zur Motorschonung im Bereich des Drehzahlmaximums abschaltet. Besonders sinnig erscheint das aber nicht für Einsätze auf der Rennstrecke, wo ständig hohe Drehzahlen gefordert werden. Mehr dazu später.

RaceChip RS 3 untersteuert nicht
Der modifizierte Audi punktet dafür bei der Fahrdynamik und auch im Slalom. Zwar neigt sich die Karosse deutlich beim Richtungswechsel, der RS 3 huscht wesentlich agiler als sein brav untersteuerndes Serien-Pendant durch die Hütchengasse, wird dabei fast zu übermütig. Die Hinterachse probt den Ausfallschritt. Spaßig? Ja. Schnell? Sehr. Den Einlenkimpuls überträgt die Vorderachse dank erhöhter Sturzwerte auf noch alltagstaugliche -2,5 Grad ungewohnt zackig. Folge: Im Slalom schlägt der RaceChip-RS 3 die Basis mit 71,2 zu 68,9 km/h deutlich. Das neue Sportfahrwerk lenkt vom alles überstrahlenden Fünfzylinder-Turbomotor ab, lässt mehr von der Straße zum Fahrer dringen. Untersteuern kennt dieser Audi auch auf dem Kleinen Kurs in Hockenheim nicht mehr. Dort übersteuert er zwar, wenn man im Kurvenverlauf den Fuß lupft – gegenlenken, zurück aufs Gas, der Allradantrieb balanciert den eingedrehten RS aus. Jawoll! Auch die im Vergleich zur Serie drei Zehntel fixere Rundenzeit von 1.14,2 Minuten spricht für den getunten Audi RS 3 von RaceChip. Das Fahrwerk ist top – doch es gibt ein Problem.Die Leistungsabgabe wird mit steigender Motor- und Ladelufttemperatur unharmonisch und wellig, gelegentlich bricht deutlich Leistung weg. Das ist ärgerlich und hat wahrscheinlich mit dem Aggregatschutz des Fünfzylinders zu tun – und kostet in Hockenheim richtig Zeit. Auf der Landstraße oder der Autobahn taucht das Phänomen nicht auf.

Performmaster Mercedes-AMG A 45 stiehlt sich vorbei
Hier zeigt sich der Unterschied der Tuning-Boxen von RaceChip und Performmaster. Die AMG A-Klasse lässt sich durch absolut nichts aus der Ruhe bringen, auch nicht vom Rennstreckeneinsatz. Erstaunlich, welche Entwicklung der kleinste Mercedes seit seiner Premiere vor 20 Jahren durchgemacht hat: vom Elchtest-Versager zum Porsche-Schreck. Und das hört man beim Anlassen: Metallisch brummelt der Vierzylinder aus seinen Trapezrohren. Währenddessen sirrt das überarbeitete Siebengang-DCT-Getriebe wie der gefürchtete Zahnarztbohrer.Gangwahlhebel nach hinten ziehen, knack: Der erste Gang ist drin. Die rechte Hand greift zum kleinen runden Fahrmodus-Schalter, dreht ihn auf Sport . Beide Wippen nach hinten ziehen, dann nur die rechte. „Race-Start“ steht im Display. Linker Fuß auf die Bremse, rechter aufs Gas. Die Drehzahlnadel knüppelt gegen den Begrenzer. Mit dem linken Fuß nachgeben und die getunte A-Klasse rauscht in 4,2 Sekunden auf 100 km/h – bis auf eine Zehntelsekunde so schnell wie der Audi. Auf 200 km/h rennt sie dem RaceChip 1,4 Sekunden auf und davon, dem Serien-A 45 stattliche 1,7 Sekunden. Von 80 bis 160 km/h im sechsten Gang schenkt das Tuning-Objekt dem Werks-AMG 1,9 Sekunden ein: 13,9 zu 15,8.Dabei ist die Kraftentfaltung untenrum ätzend träge, aus mittleren Drehzahlen und obenraus aber dafür so brutal, dass du das Grinsen kaum mehr aus dem Gesicht bekommst. Gut so! Turboloch hin oder her: Diesen kleinen AMG muss jeder Hot-Hatch-Fan einmal gefahren sein – gerne auch mit Motor- und Fahrwerkstuning.

Festgekrallt, nicht lose
Dank Clubsport-Fahrwerk plättet der Performmaster-AMG das Werksauto auch im Slalom, stemmt sich mit 70,7 genau 1,7 km/h schneller durch den Parcours. Hinter dem getunten Audi bleibt er knapp zurück. Dafür klammert sich der AMG am Asphalt fest, zappelt nicht so arg wie der Audi. Das Limit kündigt nicht das Heck an, sondern die Vorderachse. Sie gibt bei zu hohem Speed am Kurveneingang auf, verliert aber nicht ruckartig Grip, sondern progressiv, zeigt dem Piloten so: Hey, etwas sachter, bitte!Eventuell würde der Testwagen mit einer agileren Abstimmung und dem nicht verbauten Vorderachsdifferenzial besser performen. Mit einer Zeit von 1.13,9 Minuten schlägt er den RS 3 um drei Zehntel, marschiert stoisch um den Kleinen Kurs, hat nie spektakuläre Momente wie der tänzelnde Audi, enttäuscht dafür aber auch nach mehreren Runden zu keiner Sekunde.Wäre da nicht bei beiden dieser Infotainment-Luxus – du würdest dich fühlen wie auf einer Rallye-Etappe. Mit dem Performmaster-Mercedes-AMG als knappem Sieger.
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Testwertung
4.5 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2016-07-23

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