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Testbericht

18. März 2015
Mit anderen ist es leicht. Mit dem Mercedes W123 T-Modell nicht. Er macht es einem schwer. Er sperrt sich, er will nicht. So wirkt es: Als wolle er einfach kein Oldtimer werden, als wolle er sich nie einfinden in diese Rolle. Dabei sind es unterdessen nur seine letzten beiden Jahrgänge, denen die H-Nummer noch verwehrt bleibt. Aber was sagt das auch schon aus, so ein H hinter der Zahl auf dem Kennzeichen? Es sagt: Dies ist ein Klassiker. Es sagt: Hier haben wir automobiles Kulturgut, erhaltenswertes.

Inbegriff des alltagstauglichen Klassikers
Er sagt: Komm bloß nicht auf die Idee, mich wie ein rohes Ei zu behandeln. Untersteh dich, mir nur noch wohlkalkulierte Schongänge zu gönnen, und tu nicht so, als wäre ich einem modernen Alltag nicht mehr gewachsen. Damit hat der Mercedes S123, das T-Modell der W123-Baureihe, natürlich vollkommen recht. Er ist nicht weniger als der Inbegriff des alltagstauglichen Klassikers. Und darin liegt das Dilemma.Was tun mit dem Mercedes 123er-Kombi? Einerseits ist er viel zu gut und viel zu praktisch und viel zu stilvoll und auf der Höhe der Zeit, um ihn nicht jeden Tag nutzen zu wollen. So vielleicht, wie man jeden Tag mit seinem Hund spazieren geht, weil es beiden guttut. Weil beide Freude daran haben. Weil man zusammen ist und sich auf jedem Weg wieder ein Stück näherkommt. Andererseits scheint er, also der Wagen, unterdessen viel zu schade, um im täglichen Hin und Her von Berufsverkehr, Schulweg und Einkaufsfahrt verbraucht zu werden.Denn weil genau das und noch so einiges mehr in den zurückliegenden Jahrzehnten das Programm war, das er klaglos absolvierte, blieben so viele der rund 200.000 ab April 1978 im Bremer Mercedes-Werk produzierten T-Modelle der Mercedes-Baureihe 123 nicht erhalten. Zumindest nicht in dem Zustand, den das Auto verdient und der seiner Klasse gerecht wird.

Mal nicht nur nackter Nutzwert
Einer Klasse übrigens, die in Deutschland das Mercedes 123er-T-Modell selbst erst begründet hat. Kombis gibt es freilich vorher. Schon in den 1920er-Jahren kommen sie, zunächst mit Teil-Holzkarosserie, in den USA auf, wo sie sich über die folgenden Jahrzehnte als Station Wagon oder Estate etablieren. Mit dem Olympia Rekord CarAvan von 1953 spielt Opel in Deutschland eine Vorreiterrolle in Sachen Kombinationskraftwagen. Genau wie Ford, die zwischen 1957 und 1960 vom 17M, dem Barock-Taunus, einen Turnier genannten Kombi anbieten.Da soll es noch sechs Jahre dauern, bis Mercedes den Universal im Programm führt, einen in Belgien gefertigten Heckflossen-Kombi. Bis 1968 entstehen jedoch nur gut 2.750 Stück. Und bei den meisten anderen Kombis bestimmt der nackte Nutzwert Charakter und Anmutung. Bloßes Blech, eine Gummimatte, bestenfalls grobe Schlingenware kleiden Gepäckräume ohne Gemütlichkeit. Farbeimer, Werkzeug und Baumaterial mögen sich dort wohlfühlen. Doch schon sensible Hunde fremdeln in den kahlen Kofferräumen.

Bitte das T-Modell nicht "Kombi" nennen!
Das ändert sich mit dem Mercedes S123. Von dem sich Mercedes inständig wünschte, niemand werde ihn Kombi nennen, damit er auch bloß nicht in eine Schublade mit solchen gesteckt würde, von deren Nüchternheit er sich mit Noblesse absetzt. Sein Laderaum war auf Wunsch sogar mit Velours auszulegen, und selbst die simpleren Varianten sehen mit Kunstlederbezug oder Teppichverkleidung nicht nach Lieferwagen aus, sondern nach Lifestyle.Den bietet und bedient das Mercedes T-Modell der Baureihe 123 heute mehr noch als zu Produktionszeiten. Wobei der Begriff Lifestyle vielleicht in die Irre führt. Zu sehr klingt er nach Inhaltsleere und Schnelllebigkeit. Und eben nicht nach dem, was Marketing-Strategen modernen Modellen gerne als letzten Schrei andichten wollen. Was ihm, dem 123er-Kombi, so gut gelingt: die charmante Verbindung von Stil und Variabilität, Prestige und Pragmatismus.

60 Lackfarben und mehr als ein Dutzend Innenraum-Dekors
Lieferbar war beim Mercedes 123-T-Modell alles, was auch Coupé und Limousine luxuriös - und teuer, pardon, wertvoll - machte. Beinahe 60 Lackfarben und über ein Dutzend Innenraum-Dekors in MB-Tex, Leder oder Velours, Klimaanlage oder -automatik, Schiebedach, vier elektrische Fensterheber, Sitzheizung, Leichtmetallräder, Becker Mexico electronic Kurier, Tempomat, Zentralverriegelung, Mittelarmlehne, Automatik. 1980 kostet ein Antiblockiersystem knapp 2.500 Mark extra, zwei Jahre darauf erhöht ein Airbag in der Prallplatte des Lenkrads für 1.800 Mark die passive Sicherheit.Dazu bietet das Mercedes 123-T-Modell die Option auf geteilt umzulegende Rücksitze, dritte Sitzbank und Fondraumheizung. Die verchromte Dachreling trägt er von Haus aus, und stets unterstützt eine Niveauregulierung sein Heck. So qualifiziert sich das erste T-Modell nicht nur als Auto von Welt, sondern auch als Auto für jede Lebenswelt.

Surfblau steht ihm bestens
Kaum war bei Mercedes 1968 der Verkauf des Strichacht angelaufen, machte man sich schon Gedanken über dessen Nachfolger, den W123. Und orientierte sich dabei einerseits am Vorgängermodell, von dem man die Schräglenker-Hinterachse und zunächst die meisten Motoren übernahm. Seine Vorderräder zum anderen führt der Mercedes W123 wie die S-Klasse, seine Passagiere schützt er in einer steifen, von Knautschzonen umpolsterten Fahrgastzelle. Immer wieder und immer noch fühlt sich Losfahren in diesem Wagen an, wie zu Hause anzukommen.Im frisch restaurierten, surfblauen Mercedes 230 TE von Michael Liesch legen sich nach dem Spaziergang die Hunde Wallace und Velos schnell hinter der Rückbank auf ihre Decke und platzieren entspannt den Kopf auf den Pfoten. Ein bisschen lose nur liegt um die Mittellage das riesige Lenkrad zur Hand, dahinter hebt sich im Kombi-Instrument die große, orange Tachonadel allmählich von der 20 Richtung 40, während die Automatik gerne sanft die nächste Fahrstufe servieren darf. Nicht, weil der 230 TE mit dem ab 1980 angebotenen Vierzylinder M102 mit Einspritzung lahm wäre. Sondern, das ist der unmittelbare Eindruck, weil man es mit ihm nicht eilig haben muss. Aber kann. Weil sich ein 123er tatsächlich nicht fährt, als sei er von gestern, sondern so, dass er sich auch morgen noch nicht alt anfühlt.

Uneingeschränkte Alltagstauglichkeit
Längst sind es nicht nur Sympathie und Sentimentalität, die einen so für den Vorreiter der E-Klasse einnehmen. Es sind seine beeindruckende technische Solidität und seine nach wie vor uneingeschränkte Alltagstauglichkeit. Die reicht so weit, dass schnell in Vergessenheit gerät, dass dem Mercedes 123er-T-Modell unterdessen schon vier Generationen folgten. Als wolle der letzte Chrom-Benz allen bösen Rostproblemen zum Trotz nie aus dem Hier und Heute verschwinden. Hoffentlich gelingt ihm das.

So viel kostet ein Mercedes 123er T-Modell
Wer sich heute für ein Mercedes T-Modell der Baureihe 123 entscheidet, muss mit rund 10.000€ für ein Zustand 2-Exemplar rechnen (230 TE), die 200er-Vergaser sind die günstigsten S123 - und kosten rund 2.000€ weniger. Das Topmodell 280 TE liegt um den gleichen Betrag über dem 230er. Im Zustand 4 geht's bei rund 1.000€ los. Für alltagstaugliche T-Modelle sollte man etwa 5.000 Euro einplanen.
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Testwertung
4.0 von 5

Quelle: auto-motor-und-sport, 2015-03-18

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