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Testbericht

5. April 2014
Als sich der Qualm aus Büro 424 im vierten Stock des Redaktionshauses der Motor Presse Stuttgart verzogen hat, war die Entscheidung gefallen. Darüber, ob sich nun Audi R8 Spyder 5.2 FSI Quattro und Porsche 911 Turbo Cabriolet dem üblichen automotorundsport-Schema unterordnen müssen oder ob sie sich nach Sportwagenkriterien austoben dürfen. Handelt es sich nun um offene Sportwagen oder einfach um sauschnelle Cabrios? Die ausführliche Punktetabelle verrät, dass die Befürworter der ersten Variante die emotional geführte Diskussion für sich entschieden haben. Ihr Hauptargument: Wenn jemand mit einem der beiden auf die Rennstrecke will, kauft er sich die geschlossene Variante. Was sie nicht wissen dürfen: Wir haben es trotzdem getan. Denn nur dort lässt sich ausloten, wie viel Sportwagen im offenen R8 und Porsche 911 Turbo noch steckt. Klare Antwort: viel mehr, als Landstraßen und Autobahnen vertragen können.

Für Fans blutiger Steaks Natürlich bleiben die Dächer zu, als die Boxenampel auf Grün springt. Beide Doppelkupplungsgetriebe arbeiten jetzt nur auf Befehl des Fahrers – obwohl speziell das des Porsche 911 Turbo Cabrio auch prima alleine klarkommt –, die Gasannahme ist auf scharf geschaltet, das ESP hat Pause. Aus vollem Hals schmettern die zehn Zylinder des Audi-Triebwerks die voluminöse Symphonie des Saugmotors, bellen beim Zurückschalten kurz auf und scheuen sich nicht, jederzeit die 8.000/min-Marke des Drehzahlmessers zu überspringen. Der 525PS starke Direkteinspritzer ordnet sich alles unter und überspielt beinahe, dass er aus seiner mittigen Einbaulage heraus den Befehlsgeber am Steuer ziemlich ins Schwitzen bringt. Bereits Anbremsen erweckt das Heck, deutliches Untersteuern nach dem Einlenken verwirrt wiederum, und schon ein leichter Lupfer am Gas fordert den Gegenlenkreflex. Freunde blutiger Steaks, also kernige Typen, finden daran sicher Spaß, alle anderen sollten nie ohne regelnden Schutz der Elektronik unterwegs sein – selbst dann kann das, sagen wir mal, sehr agile Fahrverhalten noch zu Schrecksekunden führen. Das Porsche 911 Turbo Cabrio klebt unterdessen unbeteiligt am opulenten Heck des R8, schiebt gelangweilt Teile seines Drehmoments von 710 Newtonmetern zwischen Hinter- und Vorderachse hin und her (an der Hinterachse zudem von links nach rechts und umgekehrt). Bis zu 63 Prozent schaufelt das System nach vorn, beim R8 sind es 30 Prozent. Abgesehen davon treibt das Porsche 911 Turbo Cabrio Abrüstungsgegner zur Verzweiflung, da es mit allen modernen Waffen der Fahrwerkstechnologie antritt: adaptive Dämpfer, Wankausgleich (optional) und Allradlenkung. Hinzu kommen noch dynamische Motorlager, die je nach Bedarf verhärten, um das Fahrverhalten zu präzisieren.

Porsche 911 Turbo Cabrio in 10,9 Sekunden auf Tempo 200 Zunächst wummert das, was zwischen den Motorlagern hängt, milde vor sich hin. Der 3,8-Liter-Biturbo-Boxer aus dem Porsche 911 Turbo Cabrio saugt die Gaspedalbefehle nicht mit gleicher Unerbittlichkeit aus dem Fahrerhirn wie das Audi-Aggregat, nähert sich jedoch der Perfektion. Der ab rund 2.400/min einsetzende Schub sorgt bei leistungsunbedarften Beifahrern schon mal für Sehstörungen, und wenn sie wieder klar gucken können, tobt der Porsche mit der Geräuschkulisse eines brünftigen Industriestaubsaugers auf die 200-km/h-Marke zu – und hakt sie nach 10,9 Sekunden ab. 100km/h? Pah, lächerlich. Erledigt nach 3,1 Sekunden, der Audi benötigt dafür 3,8 Sekunden. Die schiere Wucht der Beschleunigung steht beim Porsche 911 Turbo Cabrio zudem im erschütternd ausgeglichenen Verhältnis zur kleisterhaften Spurtreue in Kurven. Als ob aus seinem automatisch ausfahrenden Frontspoiler Schienen fließen, baut er in jeder Kurve extrem hohe Seitenführungskräfte auf, wirkt dabei in sich ruhend wie ein buddhistischer Mönch, der gerade in einem Jet durch New Yorks Häuserschluchten schießt. Am äußersten Rand des fahrdynamischen Diesseits drückt der Porsche sanft mit dem Heck – mehr nicht. Die Messwerte der Fahrdynamik-Tests geben die Agilität nur unvollkommen wieder, alleine das Geschwindigkeitsdelta zwischen Porsche 911 Turbo Cabrio und Audi R8 Spyder 5.2 FSI in der Wedelgasse rückt die Dimensionen etwas zurecht. Anders formuliert: Während der Audi-Pilot noch arbeitet, ist der Porsche schon schnell. Mehr noch: Er bremst auch schnell. Gegenüber dem mit Keramikscheiben bestückten Spyder verzögert das 911 Cabrio selbst mit warmer Bremse vehementer. Beide wirbeln auf abgesperrter Piste jedenfalls viel Staub auf, beim Galopp über Land wackeln dagegen die Bäume – und der R8 ebenfalls ein bisschen.

Beide öffnen ihre Dächer bis 50km/h Die Dächer der beiden liegen längst hinter den Sitzen, wohin sie sich auf Knopfdruck und bis 50km/h falten. Wie lange das dauert? Gerade einmal 13 Sekunden beim Porsche 911 Turbo Cabrio und 19 beim Audi R8 Spyder. Und wo stürmt es intensiver? Klarer Fall: beim R8. Der beinharte Typ von der Rennstrecke lässt den Wind ordentlich durch das übersichtliche Cockpit mit dem angejahrten Infotainment rauschen, angereichtert um den ergreifenden Motorklang (vor allem im Sport-Modus). Jetzt stören die etwas beengten Platzverhältnisse nicht mehr so sehr, die bequemen Sportsitze ohnehin nicht, ihnen fehlen lediglich die unzähligen Verstellmöglichkeiten der aufpreispflichtigen Porsche-Möbel. Allerdings fängt sich der Spyder ein Minus für seine Karosserie ein, deren Verwindungssteifigkeit nicht wirklich beeindruckt. Und ganz nebenbei ergibt sich die Frage: Warum wiegt dann der R8 Spyder auch noch 85 Kilogramm mehr als das Porsche 911 Turbo Cabrio? Einen besseren Federungskomfort bietet er nämlich ebenfalls nicht, rüpelt vor allem über kurze Bodenwellen ziemlich dreist hinweg. Der Elfer arrangiert sich besser mit ruppigen Fahrbahnen, bietet einen guten Langsamfahrkomfort (bis hin zu den weicheren Schaltvorgängen), spricht engagierter auf Unebenheiten an und verarbeitet die Impulse ziemlich gelassen – erst recht für einen Sportwagen.

Porsche 911 Turbo Cabrio verbraucht einen Liter weniger Und da der Rennstreckenausflug schon länger zurückliegt, darf nun weiter ungeniert über die Alltagstauglichkeit philosophiert werden. Hier punktet das Porsche 911 Turbo Cabrio mit seinem größeren, ähm, Gepäckraum. Und wer die beiden nicht direkt miteinander vergleicht, kommt wohl nie dahinter, dass bei einem absoluten Fassungsvermögen von 115 Liter die 15 Liter Differenz sehr wohl über die Friedfertigkeit eines Wochenendes mit der besten Ehefrau von allen entscheiden können. Außerdem gibt es ja noch die beiden Sitznischen, deren Komfort bestenfalls Hamster zu schätzen wissen und die sich daher als Gepäckablage empfehlen. Mit dem umfangreicheren Angebot an Assistenzsystemen sammelt der Porsche weitere Punkte – wenngleich der Abstandsregeltempomat bisweilen Hindernisse erkennt, die es gar nicht gibt – sowie mit dem bequemeren Einstieg. Ach ja, der Turbomotor kommt außerdem mit weniger Sprit über die Runden, braucht durchschnittlich einen Liter weniger. Unter anderem deshalb gewinnt der Porsche den Vergleich nach dem automotorundsport-Standard-Schema. Der teure Porsche 911 Turbo gibt in diesem Duo das sauschnelle Cabrio, der extrovertierte R8 hingegen den offenen Sportwagen – obwohl er auch nach Sportwagenkriterien verloren hätte.
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Quelle: auto-motor-und-sport, 2014-04-05

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